Ratschläge von zerrupften Pfauen
James Noël verdichtet Haitis Geschichte und Gegenwart
„Ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince/ an dem vielleicht ein Junge verlorenging“, heißt es gleich im ersten Gedicht von Pfauen. Diese Verse setzen den Ton für den Band, der zweiten Gedichtsammlung des haitianischen Autors auf Deutsch, übersetzt von Rike Bolte. Die gewollte Unschärfe, in der Identitäten und Zuschreibungen weniger wichtig erscheinen als der Ort, an dem sie verhandelt werden, durchzieht die ausgewählten Gedichte von James Noël. Dieser Unschärfe steht aber eine Entschlossenheit gegenüber, die klar benennt, was die Welt ins Wanken bringt, auch wenn es dazu der refrainähnlichen Wiederholung bedarf:
ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince
an dem vielleicht ein Junge verlorenging
in diesem enthaupteten Land
wo die Schatten kopfüber tanzen
James Noël, 1978 im haitianischen Hinche geboren, wurde mit dem vertonten kreolischen Gedicht „Bon nouvèl“ bekannt. Auf Deutsch erschienen von ihm bei Litradukt bereits der Gedichtband Die größte der Raubkatzen (2018) und der Roman Was für ein Wunder (2020), für den er gemeinsam mit seiner Übersetzerin Rike Bolte den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt im selben Jahr erhielt. In Pfauen präsentiert Noël in Gedichten unter anderem eine Geschichte von Haiti und von Port-au-Prince, die keine Chronologie ist, sondern einer Kartographie von Gefühlen, Eindrücken und Widerständen gleicht.
Die unzuverlässige Stadt
Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, ob die Stadt, von der Noël an anderen Stellen spricht, eine abstrakte Stadt ist oder ob hier wieder Port-au-Prince gemeint ist. Denn Städte sind unberechenbar, es gibt Städte, die sich davonstehlen, und andere Städte, die einfach verschwinden, ohne Vorwarnung oder Abschiedsbrief. Selbst Kindheitserinnerungen wollen dann nicht mehr in diese Städte passen, die nicht mehr da sind. Wenn die Stadt aber als Kulisse noch etwas hergibt, dann sind es die Spuren von Gewalt, Patronenhülsen und Schulkinder, die Kreide essen, „um die Tafel auszulöschen“. Diese Stadt hat viel gesehen und viel erlebt, sie macht aber weiter.
Noël weiß um die Gewalt, spricht sie aus und veranschaulicht sie in konkreten und manchmal surrealen Bildern: Aber er gibt uns keinen Trost, will uns nicht versöhnen oder gar Mitleid von uns. Der Tod, der offen erzählte, in so vielen Leichen abgezählte Tod, macht das lyrische Ich vom Dichter zum Totengräber. Der Verlust fordert seine eigene Art der Archivierung:
Ich habe alle SMS aufbewahrt
alle SMS
meiner toten Freunde
Und so wird das Telefon zum „Werkzeugkasten“.
Zwischen Schwebe und Konkretion
Noël gelingt es, seine Verse in der Schwebe zu halten und zu zeigen, was Gewalt mit Menschen macht. In wenigen Zeilen verwebt er die Kolonialgeschichte Haitis, das Erdbeben von 2010 und persönliche Geschichten: Trauer neben Gewalt neben Erotik. Seine Gedichte springen in Registern, mal pathetisch, mal trocken und gekonnt. Nur im mittleren Teil des Bandes, in kurzen Kapiteln, begegnen wir Gedichten, die zwar in sich stimmig sind, aber nicht ganz Anschluss finden an die narrative und emotionale Wucht der Gedichte im titelgebenden Kapitel „Pfauen“ und aus dem Prosa-Experiment, das wir im letzten Kapitel, „PFAUDAEMONIUM“ finden.
Warum eigentlich Pfauen, drängt sich an dieser Stelle auf: Es könnte ein Wortspiel sein, im Französischen wird daraus das „PAONDAEMONIUM“, das dem Pandämonium nahe ist. Doch eine abschließende, eindeutige Antwort auf den Titel finden wir nicht.
Die Längen im Mittelteil kann man unter dem Effekt einer Gedichtsammlung verbuchen. Nicht jedes Gewicht kann gleich stark sein, doch auch in diesem Abschnitt scheint die gleiche Arbeit auf, die die anderen Gedichte stark macht:
du wirst
die sanfte Peitsche der Stuten
die neonfarbenen Maulkörbe erleben
unberührte aus dem Sternbild
des Hunds herausgerissene Strapse
Collagen aus Bildern, die einander überlappen und überstrahlen, fordern unser Bedürfnis nach Bedeutung heraus. Wir begegnen Maria, wir begegnen dem Ouroboros, hier als Schlange gedacht, die der biblischen Eva begegnet, auch Sternbildern und dem Himmel. Diese Gleichzeitigkeit von Referenzen lässt eine poetologische Prämisse durchscheinen: Alles ist verfügbares Sprachmaterial, die Geste des Collagierens selbst ist eine Geste der Anrufung und des Aneignens. Auch wenn hier eine Stimme aus Haiti spricht, die oft über Haiti spricht, ist es doch ein längst globalisierter Zeichenfluss und dadurch eine fast schon überhitzte Gegenwart, die hier durchscheint. Oder um es mit Yevgeniy Breygers Vorwort zu sagen: eine „überhitzte Wand voller Graffiti“. Dennoch: Wenn Noël dieser Arbeit an der Sprache eine Richtung gibt, wird sie umso stärker. Und genau das passiert im letzten Kapitel, dem „PFAUDAEMONIUM“.
Der Pfau wird zerpflückt
In diesem Prosagedicht hangelt sich der Text von Assoziation zu Assoziation und gibt zwischendurch die Diktion in direkter, klarer Sprache auf. Der Pfau ist komplett zum Dämon geworden und arbeitet sich durch eine Sprache, die immer wieder benennt, was sie aufreibt: KI, die Erinnerung an koloniale Gewalt und die Sorge um eine Zukunft, in der der Kapitalismus auch andere Planeten besiedeln will. Fast schon programmatisch liest sich eine Stelle wie diese: „So siehts aus. Klebt alles gut in der Collage. Der ganze Kosmos kann endlich in Badeklamotten posieren &@/ ?#9999999999 += 691“. Collage und Ausrutscher auf der Tastatur? Die Mischung aus Bewusstseinsstrom und Wahnsinn, die Noël vorlegt, ist durchkomponiert. Schicht um Schicht verändert sich etwas in uns, das Chaos ist nur ein scheinbares Chaos, die Realität ist selbst nie geordnet. Wie die Gedichte artikulieren, ist das, was wir für wahr nehmen, eine Konsequenz von vergangenen Entscheidungen: „Wir warten auf die andere Seite der Geschichte. Denn der Trichter ist zum Dekantieren des Atlantiks zu eng Wasser ist in den Geschichtstrichter gesickert.“
Geht es um Gerechtigkeit? Um die kohärente Erzählung von Geschichte als Chronologie? Wie schon eingangs angemerkt, strukturieren Chronologie und Ordnung die „Pfauen“ so wenig wie das „PFAUDAEMONIUM“. Der Text funktioniert mehr wie übereinander gelagerte Wellen, Zustände und Denkweisen, die in ihrer Gesamtheit eine Ästhetik des Eindrucks erzeugen, ein Eindruck, der in unserem lesenden Bewusstsein entsteht. Wir müssen das Buch manchmal seitlich halten, manchmal auf den Kopf stellen, um den Text zu lesen. Fettungen, Kursivierungen, Sprünge in der Schriftgröße: Sie unterstreichen die „explosive Kraft“, wie sie die Übersetzerin Rike Bolte nennt.
Zum Abschluss: Ratschlag der Übersetzerin
Chiffren, Register, Kreolisch, Französisch, digitale Versatzstücke und eine Sprache, die sich selbst herausfordert: Das mit „Ratschlag” überschriebene Vorwort von Rike Bolte ist so wenig eindeutig wie der radschlagende Pfau, der den Band betitelt. Sie hat sich gegen Fußnoten und Anmerkungen entschieden, und tatsächlich würden Fußnoten und Verweise den Lesefluss dieses rasenden und gleichzeitig präzisen Gedichtbands stören. Die zweisprachige Ausgabe erlaubt einen Blick ins Französische, der alleine schon wegen des Klangs lohnt.
Also – was raten die Pfauen uns? Sie scheinen zu sagen, dass auch die gröbste Gewalt und der größte Schmerz noch die Lyrik kennen, dass eindeutige Antworten die Sprache trockenlegen, aber dass ihre Kraft darin liegt, auszuhalten, was nicht eindeutig benannt, wohl aber gefühlt werden kann. Revolte, Widerstand und Totengräber stehen trauernd nebeneinander, ob sie hoffen oder welche Zukunft sie sich wünschen, das lassen sie offen.

