ich tauchte unter wasser und weinte

ich tauchte unter wasser und weinte

Roman oder Lyrik, Milena Marković entscheidet sich mit Kinder für einen eigenen Weg, der Aspekte beider Gattungen in einen Bewusstseinsstrom führt. Das Buch wurde als Hybrid in tatsächlich beiden Kategorien ausgezeichnet: mit dem NIN-Preis in Serbien für den besten Roman und dem Preis für Internationale Poesie der Stadt Münster, letzterer zu gleichen Teilen verliehen an die Übersetzerïnnen Mirjana und Klaus Wittmann (†). Kinder wird in dieser Besprechung als sogenanntes „Langgedicht“ betrachtet, eingeteilt in Abschnitte, in konsequenter Kleinschreibung, bewusster Rhythmisierung der Zeilen. Das „Alltagsdeutsch“ der Wittmanns ist, wie es bei den Lyrikempfehlungen 2026 heißt, die Kinder ebenfalls auswählten, ein Schlüssel zur Vermittlung jenes Stroms von Umkreisungen einer autobiografisch zu verordnenden Stimme, die, salopp gesagt, tut, was sie will in ihrem Vor- und Zurückspringen, im Schildern von Träumen wie von Erlebnissen, in ihren Färbungen, in der oft polarisierenden Mischung aus Selbstversicherung, Magie und Meckerei.

Das Widerständige in der Form entspricht dem dargestellten Leben, einem zwischen coming-of-age und coming-of-rage angesiedelten Stattfinden von Biografie, „mit leerem blick schaut sie um sich herum und kaut Gummi“, ohne Interpunktion, mit beiläufigen Reimen, Inversionen und abrupten Versumbrüchen, an denen sich die Vergangenheit wie an Stromschnellen zu beschleunigen scheint, mit dem Gleiten ins gereimte strophische Lied an einer einzigen Stelle, mit Refrains vergleichbaren Kapitelschlüssen, Sprüngen in verschiedenen Erzählrillen, mit Storytelling in heraufbeschworener stilisierter Mündlichkeit.

Was bedeutet es, Kind zu sein, Kind zu bleiben, Kinder zu haben? Wie geht eine Heranwachsende, eine junge Mutter, eine Studentin vor im Leben, wie geht eine wachsend erfolgreiche Autorin mit sich selbst schriftlich um, im Druck überaus gewalttätiger gewachsener Verhältnisse zwischen Stadt und Land, mit und nach einem Krieg, einer diffus als „feind“ bezeichneten Entität „am zaun“, „früher brüderlich“, sowie einem „zurückgebliebenen sohn“? Zu letzterem heißt es: „man lebt immer denselben tag“, „[er] wiederholte ganze sätze ohne zusammenhang/ aß von fremden tischen und pisste wo es ihm gefiel“.

Marković lässt ihre Stimme hüpfen, in Gleichzeitigkeit, Grammatik, Sätze stoßen sich mit Lesegewohnheiten. Oft verhaspelt sich der Blick, muss neu ansetzen zwischen Schnorren und Austeilen, Lamento, Aufschrei, Wiederbelebung vergangenen Strandglücks, Männerglücks und -pechs. Zwischen Härten der Alleinerziehung, Drogen, Verstoßensein durch die Familie. Zwischen Trotz („ob ich tauschen möchte nein […]/ möchte ich es auch wieder tun koste es was es wolle“, „stolz zum bodensatz neubelgrads zu gehören/ und stolz darauf bin ich noch heute“), Hader („und wir sind immer noch keine menschen/ sondern nur schreckliche kinder“), Verbitterung („ich habe keine kraft bin weich geworden/ was ich sehe gefällt mir nicht […]/ und wer dir sagt dass er dich achtet/ der hasst dich von ganzem herzen“), Anrufungen („gebirgsdompteurin […] falkin“), Widersprüchen („ich werde von hier weggehen/ ich bin nicht weggegangen/ ich hatte mich geirrt)“, Details („der staub wirbelt herum wie zauberpulver“, „ein brotlaib aus dem/ das weiße innere herausgerissen war“) und Atemlosigkeit:

 

wie gern würde ich kreischend über die häuserblocks fliegen

wie gern würde ich wie ein pfeil in den dunklen fluss eintauchen

die wellen hoch werden lassen und die schiffe versenken

der neffe schrie kurz im schlaf

und ich deckte ihn zu

zähneknirschend

 

Eine Außenseiterïnnenballade, deren Form weniger an Sprache selbst als an Dynamiken ihrer Bilder interessiert ist: „er ging an mir vorbei und wir nickten einander zu/ jung und schon angegammelt“, „und dann ging auf einmal/ die sonne auf und keiner musste mehr/ das licht ausmachen“.

Mag das Langgedicht Fragen nach stimmlicher Authentizität bergen, fehlt es Kinder zu keinem Zeitpunkt an Dringlichkeit. Die Unverwechselbarkeit der inszenierten Stimme, ihre Gezeiten, gerade in dieser Länge, verdeutlichen ihre ganz eigene Regel, ihre Notwendigkeit, ihren Bezug zum eigenen Leben, in Verklärung oder nicht, „leben gibt es auch mit fünfzehn und fünfundzwanzig und fünfzig/ mal geht es gut mal nicht“. Der nicht abzusprechende Drang nach Allgemeingültigkeit bei aller Spezifizierung, „und so zeugten kinder ein kind“, macht Milena Markovićs Kinder zu einem zurecht größeren Wurf:

 

als ich klein war brach ich die rückspiegel ab

und schleuderte torten gegen die wand

und stieg auf die tische und du solltest wissen mein sohn ich bin

immer noch klein

 

Wie ein Zudrehen des Wasserhahns oder des letzten Lichts im Theater setzt ein einziger Punkt dem Textfluss ein Ende, es ist zugleich der verbalisierte Motor von Kinder. Darum gibt es diesen Text:

 

du sollst lernen schauen leben vergeben

aber nichts

vergessen.

Milena Marković: Kinder. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann, Edition Korrespondenzen, Wien 2025, geb., 164 S., 24,– €.

Ratschläge von zerrupften Pfauen

Ratschläge von zerrupften Pfauen