Ist doch nur Spaß. Yevgeniy Breygers Buch „hallo niemand“ kokettiert konsequent mit den Katastrophen

Ist doch nur Spaß. Yevgeniy Breygers Buch „hallo niemand“ kokettiert konsequent mit den Katastrophen

„Wozu schreiben? Schreib ich ein Gedicht?“, fragt sich die belarusische Dichterin Valzhyna Mort in ihrem Prosagedicht Lange Tage, lange Linien. Katharina Narbutovič hat es ins Deutsche übersetzt, das Haus für Poesie hat es gerade herausgegeben. „Im Patrouillengang, inmitten eines Krieges, der anderswo geführt wurde“, schreibt Mort, „trug ich ein Gedicht mit mir, bis ich nicht mehr konnte, deshalb habe ich es hier in erzählende Form gebracht“.

Ähnlich wird es zu hallo niemand gekommen sein, Yevgeniy Breygers Roadtrip in Versen, so der Untertitel. Schon sein letzter Band, Frieden ohne Krieg, entstand unter dem Druck der gegenwärtigen politischen Verhältnisse, während eigentlich andere Gedichte geplant waren. hallo niemand scheint sich nun vor den Roman geschoben zu haben, auf den manche warten, seit sie beeindruckende Passagen daraus beim Ingeborg-Bachmann-Preis und anderswo gehört haben. Die Erzählsituation hier: Einer sitzt am Schreibtisch und schreibt. Das Erzählte: Ein anderer, der als „er“ auftritt, aber als „ich“ weint und zu „niemand“ werden wird, sitzt im Auto und fährt dem Denken und Fühlen davon: „mit wem redest du, wieder ist niemand hier/ wieder bist du allein und redest mit niemand, niemand/ sei dein heiliger name, du klaffende wunde, du blutiges loch“. Ein Selbstgespräch, ein Roadtrip zu mindestens dritt im Trojanischen Pferd einer gespaltenen Auto(r)-Figur, der von Wien nach Berlin führt, quer durch die Tagespolitik und mitten in die vorweggenommene und mitgedachte Rezeption dieses Buches.

Wie einen poetischen Riegel schiebt Yevgeniy Breyger Motive aus Homers Odyssee vor seinen Stoff, um ihn in Form zu halten: die kurzlebige deutsche Tagespolitik und das historische Hinterland ihrer kollektiven Psyche. Damit lag er vor dem Trend schon voll im Trend, denkt man an den Kinohit des Sommers, Christopher Nolans The Odyssee. Da, wo Nolan mit seiner Odysseus-Figur die regressive Sehnsucht nach dem männlichen Helden bedient, drückt Yevgeniy Breyger andere geheime Knöpfe seiner Leserschaft: den Wunsch, über die gegenwärtigen Katastrophen zu lachen und sie so aus der Gegenwart in die Distanz zu verschieben; oder sich ganz und gar auf die bildungsbürgerliche Enträtselung der intertextuellen Bezüge zu konzentrieren, wie es manche Rezensenten getan haben und so der überdeutlichen Appellstruktur dieses Buches ausgewichen sind. Mit Kalauern wie „judissee“ statt Odyssee oder einer ‚Schweineshow im Zirkuszelt‘ für Circes Männermord scheint sich der Text mit einer Rezeption zu verbrüdern, der es nicht unbehaglich wird, wenn Yevgeniy Breyger sein „ich“ alias dessen dritte Person alias „niemand“ vom Naschmarkt in den Bundestag, vom Schreibtisch auf die Straße und weiter in die virtuelle Welt schickt. Und zwar in einem Audi der Marke ‚Horch‘, bei dem man ordentlich „gas“ geben und in Form von Armaturen aus „buchenholz“ oder „elfenbein“ zwischen Holocaust und Kolonialverbrechen wählen darf.

Wie schon in Frieden ohne Krieg konfrontiert Yevgeniy Breyger die Leserin mit einer jüdisch-ukrainischen Figur, die hier zwischen Auslöschung, Fremdzuschreibung und Selbstermächtigung changiert und die den Wahnwitz und die Unverhältnismäßigkeit des weiterhin „üblichen Lebens“ im Angesicht der politischen Eskalationen spiegelt.

Auch formal knüpft Yevgeniy Breyger mit diesem neuen Band an den schrillen Ton von Frieden ohne Krieg an, verbindet seine Register der lyrischen Polemik aber hier dramaturgisch durch das Moment der Reise. Sein Stil ist kurzatmig, auch durchaus brachial und immer vielsagend: „ich nickte und nickte und nickte, bis mein kopf locker saß“.

Mit hallo niemand bedient Yevgeniy Breyger sich also einer Programmatik der bitterbösen Farce, die bislang Tomer Gardi in der aktuellen deutschsprachigen Literatur perfektioniert hat und die auch Sharon Dodua Otoos Roadtrip als Kammerspiel in So, in etwa, ist es geschehen umsetzt: Ich sehe was, das du nicht sehen willst. Diese Bücher, und hallo niemand gehört dazu, zielen auf den Zynismus eines historischen und politischen Bewusstseins, das kaum oder gar nicht in gesellschaftliches und politisches Handeln übersetzt wird. Shida Bazyar erzählt davon in ihrem gerade für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Die Lücken, allerdings ohne sich der Farce und ihrer Mittel zu bedienen.

Während Yevgeniy Breyger in Frieden ohne Krieg Sprechweisen der Vermeidung und Verharmlosung aufs Korn nahm, haben wir es bei hallo niemand mit „liebe ohne namen“ und „gebet ohne echo“ zu tun, also mit vollends von konkreten Adressaten entleerten rhetorischen Formen. Die Realität hat sich in physische Reaktionen und grammatische Spaltungen zurückgezogen: „was bedingt dies scheußliche heulen“, fragt sich Breygers emotional überwältigte und haltlose ich/er/niemand-Figur am Anfang des Trips. Unterwegs trifft man auf unterschiedliche Antworten, beispielsweise: „ich lege bei scrabble meinen namen, aber er zählt nicht“. Selbst wenn das Ich listenreich wie Odysseus die einäugige, potentiell und reell gewaltbereite Gesellschaft dieser Tage austrickst und sich als „niemand“ rettet, ist die Selbstbenennung doch keine autonome Wahl, sondern durch die von Anderen bedingten politischen Umstände erzwungen. Die Konsequenz: „ich kann nicht mehr ich sagen“. Die Stimme ist weg und lässt sich auch durch die Vokalise „si la bo zu lo“ nicht ohne weiteres trainieren.

Und was passiert mit einem Text, der nicht „ich sagen“ kann? Findet er dieses ‚Ich‘ ex negativo, performativ? Sowohl die Sprechfiguren als auch die Leserschaft von hallo niemand werden einerseits durch die groteske Überdrehung der ganzen Anlage des Roadtrips involviert. Durch ihr komplizisches Lachen, durch ihr intuitives Unbehagen, ausgelöst durch das provozierende Gefälle zwischen komischen Formen und thematisierten Bedrängnissen. Zugleich hält die Groteske die Lesenden auf Abstand, weil sie Identifikation verhindert und alle Aufmerksamkeit auf die Formen ablenkt. In dieser Gleichzeitigkeit von ‚Reinziehen‘ und ‚Draußenhalten‘ ist das ein riskantes Verfahren. Denn der Weg über die ‚Entleerung durch Überkodierung‘ zur Pose ist nicht weit.

Yevgeniy Breyger riskiert es, mit diesem, nach Frieden ohne Krieg  zweiten Entwurf einer poetischen Polemik die politisch ernste Analyse, zu der er wie wenige durch seine Sprachbeherrschung in der Lage ist, dem gekonnten und so bewusst wie virtuos eingesetzten Klamauk zu opfern. Etwa wenn er die Idol- und Deckfiguren unterschiedlicher politischer Identitäten (Schmidt, Gysi, Weidel u.a.) zur Gang gruppiert. Er verwandelt tagespolitische Splitter in rhetorische Pointen („sie wollten triumph und bekamen/ transformation“). Die damit einhergehenden Verallgemeinerungen („der markt wurde lauter, die menschen hastiger“) führen dann allerdings zu genau der Ungenauigkeit, die „niemand“ als Notwehr auf die Bühne ruft.

Wenn seine Kunstfigur halb klagt, halb triumphiert: „sie nannten mich poet, dann prophet, dann programm“, formuliert sie performativ, was ihr Autor hier selbstreflexiv als Schicksal an die Wand malt.

Angetreten, „die sprache zu erweitern“, bekennt das Alter Ego: „der versuch zu stehn misslang“. Während das Ich weint und sein „er“ fährt, landet „niemand“ mit dem Slogan „klima? prima!“ einen politischen Coup. Yevgeniy Breyger lässt damit sein aufgespaltenes und von sich selbst losgesagtes Subjekt in zwei Worten verschwinden, die alles vereinen, was die Farce in den Horror der Gegenwart kippen lässt: die gute Laune, die Realitätsleugnung, die semantische, politische und kommunikative Leere. Am Schluss dieses Buches: ein bug im Code, ein verrutschter Satz, ein Riss im Text: „es hätte alles auch so schön können geworden sein“.

„Mein liebes Verborgenes, trage gut Sorge für dich“, bittet Valzhyna Mort in ihrem Prosagedicht. Es könnte der untergründige Refrain für hallo niemand sein, so einsam ruft es aus diesem spaßigen Buch, so hoffnungslos vergreift es sich gezielt im Ton und so sehr, sich selbst und seine Leser*innen zum Scheitern verurteilend, schreibt es sich hier in die Erinnerung oder Vision des fernen Moments, „wenn sonnenstrahlen im richtigen winkel/ auf die papiere auf meinem tisch treffen, das licht bricht,/ die sprache aufscheint als wüsste sie von sowas wie liebe“.

 

Yevgeniy Breyger: hallo niemand. Roadtrip in Versen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 109 S., geb., 20,- €.

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