Sanftheit als Prinzip: Über Cécile Coulons „Retrouver la Douceur“

Sanftheit als Prinzip: Über Cécile Coulons „Retrouver la Douceur“

Die Sanftheit scheint auf den ersten Blick nicht gut in unsere spätkapitalistische, durchnummerierte, ab- und angezählte Gegenwart zu passen, denn je mehr man sie steigert, umso weniger lässt sie sich wahrnehmen. Die zarteste Berührung ist kaum noch eine, verliert sich mitunter in der Andeutung und lässt sich nicht messen. Vielleicht taucht die Sanftheit deshalb in der öffentlichen Sprache kaum auf. Das Wahlplakat ruft zur Aktion auf, zum Kampf oder zur sichtbaren und vor allem wiederholbaren Geste, die Werbung alarmiert, bloß keine Zeit verstreichen zu lassen, bevor irgendein Angebot ausgelaufen ist. Für tastende Versuche, für das Zögern und Innehalten scheint wenig Platz.

Cécile Coulon stellt die Sanftheit in den Mittelpunkt ihrer jüngsten lyrischen Publikation Retrouver le Douceur (Die Sanftheit wiederfinden, Le Castor Astral, Cenon 2025), genauer gesagt: die Rückeroberung einer auf welchem Weg auch immer verlorenen gegangenen Praxis. Der Titel ist kurz, aber hat es in sich. Ganz zu Anfang stellt er ein Verb aus („retrouver“), also einen Prozess, in unserem Fall die Suche nach einem nicht ganz eindeutig übersetzbaren Begriff („douceur“), der Sanftheit heißen kann genau wie Zartheit, Leichtigkeit oder Süße, mit anderen Worten alles vom Frühlingswind über eine liebevolle Geste bis hin zur Erinnerung an ein azurblaues Meer. Nur ist der Weg dahin erst einmal unklar, schließlich wehen uns die Gegenteile der „douceur“ als gewaltvolle Stürme der Tagesnachrichten mitten durch die Frisur. Taugt sie also zum utopischen Gegenentwurf? Lässt sich aus ihr Hoffnung auf ein anderes, ja sogar besseres Miteinander schöpfen? Cécile Coulons sprechendes, handelndes und vor allem denkendes Ich lebt vor, wie Sanftheit als Methode funktionieren kann, und zwar als konsequent empathische Offenheit gegenüber der belebten und unbelebten Umwelt und ganz besonders auch gegenüber der Sprache.

Das Wiederfinden setzt voraus, dass die Sanftheit einmal da gewesen sein muss und noch immer irgendwo zu finden sei. In den 47 Gedichten des Bandes finden wir sie lediglich vier Mal und direkt hintereinander als Substantiv („douceur“), zwei Mal als Adverb („doucement“) und einmal als Adjektiv („douces“). Die Sanftheit ist in der Mitte der 108 Seiten positioniert, versteckt sich also im Zentrum. Viel präsenter allerdings ist das Ich, nämlich in fast jedem Gedicht als Ausgangs- oder Bezugspunkt. Es besteht kein Zweifel, dass es sich uns als Agentin dieser Suche zur Verfügung stellt. Unsere Teilnahme ist an keine Bedingung geknüpft, es bleibt jederzeit ihr Blickwinkel, ihre Erfahrung, ihr Schluss aus allem, der sich nicht als absolute Wahrheit ausgibt und deshalb Wahrheit in sich trägt.

Schon im ersten Gedicht von Coulons Debütband Les Ronces (Die Dornbüsche, Le Castor Astral, Cenon 2018) bezieht sie sich als Ich auf sich selbst als berühmte Schriftstellerin, die auch außerhalb einer literarischen Veranstaltung wiedererkannt wird, wie es der nimmermüden Cécile Coulon (*1990) wohl auch häufiger geschieht, immerhin ist der douceur-Band bereits ihr 20. literarisches Werk. Schauen wir also kurz zurück auf das allererste Gedicht, auf den Auftakt des Auftakts, der in einem städtischen Setting spielt, spät abends, in der Hitze des Sommers, hungrig, in unerwarteter Gesellschaft. Ein betrunkener Mann erkennt die Autorin, will ihr eine Portion Pommes ausgeben, sie nimmt an, wird vom Geruch des Frittierten in ihrer Hand überfallen und denkt sich daraufhin:

 

Depuis hier, je veux écrire sur lui,

parce que je me demande qui de nous deux,

dans quelques mois, dans quelques années,

sera trahi par l’image qu’il s’est construite

du monde extérieur ?

Sera-t-on encore quelques-uns à se serrer la main

à cette heure-ci du soir,

pour une barquette de frites tièdes

et un Coca sans glace ?

 

("J’aimerais vous offrir des frites“, „Ich würde Ihnen gern Pommes spendieren“, aus: Les Ronces, Le Castor Astral, Cenon, Taschenbuchausgabe von 2021, Übers. M.R., auch alle folgenden Zitate aus Retriouver la Douceur)

 

Seit gestern will ich über ihn schreiben,

weil ich mich frage, wer von uns beiden,

in einigen Monaten, in einigen Jahren,

betrogen sein wird vom Bild, das er sich gemacht hat,

von der Welt um ihn herum?

Werden wir noch Leute sein, die sich die Hand geben

zu solch später Stunde

für eine Runde labbrige Pommes

und eine Cola ohne Eis?

 

Man mag das auf den ersten Blick für viel weniger aktivistisch halten als einen Großteil der zeitgenössischen französischen (oder deutschen) Lyrik, der die Sprachgirlanden der vergangenen Jahrzehnte wieder eingerollt hat, um nun die Fäuste frei zu haben, sie für die eine oder andere Sache emporzustrecken. Weniger politisch ist Coulons Gedicht deshalb noch lang nicht. Es geht auch in Retrouver la Douceur selbst in den einsamsten Situationen um die unverhoffte Begegnung, um die Erinnerung an ein Gespräch und nicht zuletzt um die Möglichkeit, einander über einen Gedanken, ein Zitat oder nur ein einziges Wort zusammenzubringen. Cécile Coulon will den Menschen sehen (unter ihm keinen Sklaven und über ihm keinen Herrn) wie das großartige „On n’a pas le choix“ („Kannst nix dran ändern“ aus Retrouver la Douceur) belegt:

 

On n’a pas le choix

 

Hier je suis allée acheter de l’ail, de la crème fraîche,

du fromage de chèvre et un paquet de bonbons,

des bonbons que je place dans la boîte à gants de la voiture

pour les longs trajets,

– ce genre de bonbons interdits quand tu as l’estomac d’un nouveau-né –

j’étais dans ce qu’on appelle une moyenne surface de consommation

dans une ville moyenne d’un département aux champs de colza

[…]

Au moment de payer une cliente a demandé à la cassière

si « ça allait mieux » et j’ai regardé ses cheveux,

ses bras, ses sourcils,

j’ai pensé qu’elle avait dû combattre dernièrement

un crabe ou tout autre

sorte d’animal à pince et à couvercle qui fait sa traversée

des corps vivants,

la caissière a répondu « ça va mieux de toute façon on n’a pas le choix »

et la cliente en partant a répété « c’est vrai ça on n’a pas le choix ».

J’ai payé mon ail, il paraît que c’est bon pour les artères

j’ai payé ma crème et mon fromage, il paraît que c’est mauvais pour les artères,

les bonbons je vous laisse deviner

et je suis remontée dans ma voiture

sagement garée le plus loin possibe

de l’entrée du magasin pour marcher toujours un peu plus que prévu

[…]

Bien sûr j’ai eu honte des publicités,

de la balance dans la salle de bains,

des caprices à cause du métro raté

ou de la limitation à quatre-vingts,

du paquet de bonbons

et même de la crème à 45 % de matière grasse,

[…]

ce n’est pas ma vie mais ça a été celle de celles avant moi

et grâce à ce choix qu’elles n’avaient pas maintenant

j’ai le droit de ne pas avoir peur

de regarder des vidéos de gens qui disent

qu’il ne faut pas avoir peur

la frontière qui nous sépare tient dans une phrase

et un mot terrible de cinq lettres

ce que je suis c’est grâce à celles et ceux qui auraient pu l’être

s’ils avaient eu le choix

 —

Kannst nix dran ändern

 

Gestern habe ich Knoblauch gekauft, crème fraîche,

Ziegenkäse und eine Tüte Bonbons,

Bonbons, die ich im Auto im Handschubfach verstecke

für lange Reisen,

– die Art Bonbons, die dir verboten werden, wenn du den Magen eines Neugeborenen hast –

ich betrat einen, wie man sagt, mittelgroßen Supermarkt

in einer mittelgroßen Stadt in einer Region, in der der Raps blüht

[…]

Beim Bezahlen fragte eine Kundin die Kassiererin,

ob es „besser ginge“ und ich schaute auf ihre Haare,

ihre Arme, ihre Augenbrauen,

ich dachte, sie muss kürzlich gegen

eine Krabbe oder sonst ein Tier

mit Scheren und Deckel gekämpft haben, das

sich durch menschliche Körper wälzt.

Die Kassiererin antwortete: „geht besser, kannst nix dran ändern“

und die Kundin wiederholte im Gehen „stimmt, kann man nix dran ändern“.

Ich bezahlte meinen Knoblauch, der wohl gut ist für die Arterien,

ich bezahlte meine Sahne und meinen Käse, die wohl schlecht sind für die Arterien,

was die Bonbons angeht, dürft ihr drei Mal raten,

und bin wieder zu meinem Auto gegangen,

das absichtlich so weit wie möglich

vom Eingang weg geparkt war, damit ich noch etwas mehr laufen könnte, als geplant

[…]

Natürlich schäme ich mich für die Werbungen,

für die Waage im Badezimmer,

für die Wutanfälle, wenn ich die Bahn nicht erwische,

oder wenn man irgendwo nur 80 fahren darf,

für die Tüte Bonbons

und selbst für die Sahne mit 45% Fettanteil,

[…]

das war nicht mein Leben, aber das der Frauen vor mir,

und weil sie nix dran ändern konnten, steht

es mir jetzt frei, keine Angst davor zu haben,

Videos von Menschen zu schauen, die sagen,

dass man keine Angst haben muss,

was uns trennt, liegt in einem Satz,

und in einem grausamen Wort aus sechs Buchstaben

was ich bin, bin ich wegen der Frauen und Männer, die das auch hätten sein können,

hätten sie was dran ändern gekonnt.

 

Diese Menschen hätten diese Worte wohl zu keiner anderen Gelegenheit ausgetauscht, als zu der so nötigen wie unangenehmen, in der Geld und Waren getauscht werden müssen, um zu überleben. Auf der Bühne des Supermarkts spielt sich das abgründige Drama eines zwar gerade noch vereitelten, aber nie zu besiegenden Todes ab, gegen den die Sanftheit scheinbar nicht bestehen kann. Der Indikativ schafft Fakten („geht besser, kannst nix dran ändern“), man stellt sich keine Fragen. Coulons Gedicht allerdings traut sich, einen Konjunktiv einzusetzen, der die Phrase („on a pas le choix“) wieder zu einem Satz oder sogar zu einem Gedanken macht („s’ils avaient eu le choix“). Die „fünf Buchstaben“ im Original beziehen sich genau darauf, auf die Wahl („choix“).

Wenn das, was uns als Menschen trennt, in einem Satz liegt, dann kommt von genau dort auch das zurück, was uns verbindet – die in diesem Gedicht nur angedeutete, aber nicht ausgesprochene „douceur“. Ihr zwielichtiger Zwillingsbruder, der Zucker nämlich, in Form der klebrigen Bonbons, an deren Besitz und Konsum die Demarkationslinie zwischen Kindheit und Erwachsenenalter gezogen wird, ist eben nicht die gemeinte Süße. Es geht um die Aufmerksamkeit für die Floskel, der so wohlwollend zugehört wird, dass im bis zur Inhaltsleere überbenutzten Satz plötzlich die Vorfahrinnen und Vorfahren zu hören sind und auch die eigene Jugend, die von Scham und Unsicherheit geprägt war vor den nicht minder klebrigen Einflüssen des Fernsehens, des Magerkults, der Abhängigkeiten der Eltern und dem Versagen eines Mobilitätsversprechens, mit dem dieses Jahrhundert mal angetreten war: Am Ende geht es hier nicht darum, ein schnelles Auto zu fahren, sondern sich einen Fußweg zwischen Kasse und Parkplatz zu erschummeln.

Wir kommen da auch anscheinend so schnell nicht wieder raus, deshalb gilt allerdings umso dringlicher, nicht zu vergessen, dass auch wir es waren, die wir uns das ganze Elend eingebrockt haben. Rauskommen aus den Floskeln und wieder Sätze sagen. Wir denken an David Foster Wallaces 2005 in seiner Rede „This is Water“ berühmt gewordenes gleichlautendes Credo, das übrigens auch an einer Supermarktkasse entwickelt wird: Sich in die Rolle des Fisches hineinzuversetzen, der zum ersten Mal begreift, dass um ihn herum nicht nichts ist, sondern Wasser. Den Parkplatz, die Kasse, den Einkaufswagen, dessen Rad notorisch kaputt ist und in alle möglichen Richtungen durchdreht, als etwas, so Foster Wallace, geradezu Heiliges zu verstehen.

Cécile Coulon arbeitet sich durch den Alltag, durch die Sprache für die grundlegendsten Erfahrungen, sei es allein, in Gesellschaft, in der Natur, in der Stadt. Die Suche nach der „douceur“ drückt sich häufig im Stilmittel der Wiederholung aus, nicht selten in Form von Anaphern, die als Refrain zu den Strophen ihrer Lyrik funktionieren und entsprechend auch zum Titel erkoren werden. Die Wiederholung nimmt der Phrase die Härte, indem sie neue Kontexte ausprobiert und Perspektiven verschiebt. Werden die gleichen Begriffe und (Teil-)Sätze wiederholt, verändern sie sich immer dabei, bis am Schluss etwas Sanftheit durch die Härte schimmert. So ist es in „Pour les jours qui viennent“ („Für alle kommenden Tage“), in dem die Aussicht auf die Zukunft schon das Einschlafen im Heute beeinflusst:

 

pour les jours qui viennent je t’offre la force de ma vie sans âge

[…]

Pour les jours qui viennent je noue à l’intérieur d’un torchon propre

un morceau de cet après-midi que nous avons passé ensemble

[…]

Pour les jours qui viennent je me couche avec un cœur qui bat

— 

Für alle kommenden Tage schenke ich dir die Kraft meines Lebens, das kein Alter kennt

[…]

Für alle kommenden Tage knüpfe ich in ein sauberes Handtuch

ein Stück dieses Nachmittags, den wir gemeinsam verbracht haben

[…]

Für alle kommenden Tage schlafe ich mit pochendem Herzen ein

In „Je cherche“ („Ich suche“), das den poetologischen Prozess des Worte-Findens offenlegt:

 

Je cherche le marécage vert et noir où mon âme est mouillée

le grand sapin bruyant où j’accroche mes idées

je cherche dans vos paroles le peu de temps qu’il reste

pour nouer à ma page la douceur retrouvée.

Ich suche den grün-schwarzen Sumpf, in dem meine tropfende Seele liegt,

die kreischende Tanne, an die ich meine Ideen hänge,

ich suche in euren Worten das bisschen Zeit, das noch bleibt,

um an meine Seite zu knüpfen die wiedergefundene Sanftheit.

 

Oder in „Pas douée“ („Nicht begabt“), das alle kleinen und kleinsten Fehler aufzählt, die das eigene Bild nicht ruinieren, sondern erst ausmachen:

 

pas douée pour les rendez-vous urgents mais un poème

c’est toujours un rendez-vous urgent mais cela

impossible de l’expliquer à mon banquier

même si c’est un bon gars qui n’a pas l’air bien doué

pour choisir des chemises à sa taille

— 

Nicht begabt für die dringenden Verabredungen, aber ein Gedicht

ist immer eine dringende Verabredung, aber

keine Chance, das meinem Bankberater zu erklären,

auch wenn er wie ein netter Kerl aussieht, der nicht gerade begabt zu sein scheint,

Hemden in passender Größe zu finden

 

Wenn kein Satz ohne Kontext steht und kein Wort ohne Konsequenz bleibt, so ist auch kein menschliches Schicksal bedeutungslos, wie unsichtbar der Kapitalismus die Menschen mitunter auch machen möchte. Die Stachel der Brombeersträucher (Les Ronces), die es zu überwinden gilt, um die ganz spezifische Süße (eben die „douceur“) der Frucht schmecken zu können, stechen auch noch in Retrouver la Douceur, besonders im Gedicht „Ce qu’il y a derrière le cœur“:


Ce qu’il y a derrière le cœur

 

Samedi j’ai lu quelques poèmes

dans un hangar où le poêle avait été allumé :

à la fin de la soirée mon éditeur m’a parlé

des mots qui sont des pièges.

Le cœur en est un : l’âme vient deuxième.

Soudain, il m’a dit : l’important,

quand on écrit le mot cœur c’est de savoir

ce qu’il y a derrière.

Cette phrase m’a grignoté la tête pendant

des heures. Je ne sais pas encore

à quoi ressemble la bonne réponse,

mais j’imagine que je l’ai commencée

avec ce premier titre : Les Ronces.

Pour moi, derrière, il y a trente ans de grands mystères

à propos de l’amour qui vient quand il veut et qui n’obéit

qu’aux flammes de son propre feu

[…]

j’accroche à mes oreilles des boucles de cheveux blonds

plus secs que le foin, plus blancs qu’un blanc matin,

et je chuchote pour qui entend :

derrière le cœur

il y a ce qui fut brisé et gardé là pour ne point perdre

les morceaux de la beauté.

 —

Was hinter dem Herzen liegt

 

Samstag hab ich einige Gedichte vorgelesen

in einem Hangar, wo sie den Ofen angemacht hatten:

Am Ende des Abends sprach mein Verleger mit mir

über Wörter, die wie Fallen sind.

Das Herz ist so eines: Sie Seele kommt als zweites.

Plötzlich sagt er mir: Wenn man das Wort

Herz schreibt, dann muss man wissen,

was dahinter liegt.

Dieser Satz hat mir den Kopf zerbrochen,

stundenlang. Ich weiß noch nicht,

was man darauf antworten sollte,

aber ich glaube, dass ich einen Anfang versucht habe

mit diesem ersten Titel: Les Ronces.

Was mich angeht, liegen dahinter dreißig Jahre großer Mysterien

der Liebe, die kommt, wann sie möchte, und nur

den Flammen ihres eigenen Feuers gehorcht

[…]

ich hänge mir an die Ohren Locken aus blondem Haar,

trockener als Heu, weißer als ein Morgenweiß,

und ich flüstere allen, die es hören können:

hinter dem Herzen

liegt das, was zerschlagen wurde und aufbewahrt, um die Scherben

der Schönheit nicht zu verlieren.

 

Es geht vordergründig um niemand anderen als das Ich der Autorin. Es sind ihre Lesung, ihr Gespräch, ihre Gedanken, ihr Schmerz. Aber wann kann man denn noch davon ausgehen, dass sich jemand wirklich anhört, was man ihm sagt, wie es das Ich im Gespräch mit dem Verleger tut? Sich wirklich Gedanken macht, wenn etwas Gedanken anregt? Kopfschmerzen bekommt wegen eines Satzes? Die Dichterin ist sich ihres Ruhmes bewusst, das steht außer Frage, aber genau so oder noch viel mehr der großen Verantwortung, die sie als Schriftstellerin hat. Die Barrikade wird aus Liebe und Licht sein, das einzelne Wort wird dem Wörterbuch vorausgehen und es überragen. Das ist die Methode der douceur. Wenn Sprache wirklich überall ist, dann ist die Supermarktkasse der Test dafür.

Cécile Coulons Poesie bewohnt die echte Welt, aber lässt sich von ihr begeistern und nicht entmutigen, so wie einen der Anblick eines Flusslaufs oder eines Sonnenaufgangs nicht stören, verletzen oder in Panik versetzen kann. Ihr Ich steht in den Bergen, schaut in graue Winterhimmel, riecht gelegentlich nach Frittierfett, streift durch die Wälder. Ihre Sprache ist fertig schon lang vor diesen Erlebnissen – sie lässt sich beeindrucken, aber nicht beeinflussen, was ein wichtiger Unterschied ist. Das macht den Stil kohärent, das macht ihre Lyrik so lesenswert. Die ganze Welt liegt vor ihr, nichts kann nicht beschrieben sein, denn alles (selbst das Vertrauteste) ist gleich fremd, wenn es darum geht, der Sanftheit ihren verdienten Platz im Alltag zurückzuerobern.

 

Cécile Coulon: Retrouver la Douceur. Le Castor Astral, Cenon 2025. 109 S., Br., 16,- €.

Cécile Coulon: Les Ronces. Le Castor Astral, Cenon 2021, 184 S., Br., 9,- €.

„wohin mit all den zeichen“?

„wohin mit all den zeichen“?