„wohin mit all den zeichen“?
Menschen verzeichnen sich in der Welt. Sie hinterlassen Spuren als kulturfähige Tiere, die sich zwischen Geburt und Tod in sozialer Praxis bewegen. Diese Praktiken leiten sie an und reflektieren sie mittels symbolischer Sprachen, die als unhintergehbarer Hintergrund menschlicher Kultur wirken mögen. Die Lyrik weiß aber, dass auch Sprache sich verändert. Sprachen sterben aus, werden sinnentleert, versagen schlicht. Was passiert also mit Sprachen, wenn menschliche Praktiken ins Wanken geraten? Wenn Menschen ihre Welt verlieren, durch Flucht, Verrückung, Gewalt? Esther Kinskys jüngster Band Heim.Statt (Berlin: Suhrkamp 2025) gibt eine mögliche Antwort darauf.
Der Band ist in sieben Kapiteln organisiert. Jedes Kapitel beschließt ein Abschnitt der „Balkanroute“, die den Band durchzieht. Thematisch sind damit gewiss Nachrichten zu EU-Außengrenzen und Migration aufgerufen. Dieser Band ist aber nicht als zeitgeschichtliches Dokument oder lyrischer Zeugenbericht misszuverstehen. Vielmehr lässt er Sprache ohne thematische Gewähr, ja, insbesondere ohne nationalsprachliche Eindeutigkeit, durchs (mit Kinsky gesprochen) „Gelände“ europäischer Kultur schießen. Dabei geht die Dichterin mit dem Deutschen wie auch mit den Sprachen, die in den Gebieten, die sie durchwandert, heimisch sind, kritisch um. Sie verdichtet, wechselt in andere Sprachen, wenn es besser passt, schöpft Worte neu, wenn auf die alten kein Verlass ist.
Zu Beginn jedes Kapitels werden durch Mottos auf Englisch, Italienisch, und Ungarisch Sinnhorizonte eröffnet. Wichtig sind auch die fünf Fotografien im Buch sowie die Umschlagabbildung. Letztere könnte das Maximum dessen versinnbildlichen, was Kinsky als heim-lichen Ort der Geborgenheit zulassen mag: „The House at A’Mhòine“, eine Zeichnung von Edna Whyte, die eine Ruine zeigt, die einst Menschen auf Wanderschaft Zuflucht bieten sollte. Diese „ruinierte“ Idee wird in dem Band immer wieder beschworen. So heißt es später: „Jede Suche ist Wanderschaft. Jedem, der suchend unterwegs ist, gebühren Almosen.“
Die Fotografien sind in schwarz-weiß und ohne Kontext abgebildet. Der Laie mag für einen Moment unsicher sein, ob er es mit Bienenwaben oder dem Inneren eines Wespennests zu tun hat. Vielleicht ist die entsprechende Unsicherheit und, ja, Besorgnis in Sachen der eigenen „Befindlichkeit“ gewünscht. In jedem Fall manifestiert sie sich auf ähnliche Weise auch beim Lesen, besonders eindrücklich etwa im „Atemtheater“: „Verbindet uns nicht alle dasselbe Leiden an dem Abgrund zwischen den Dingen und ihren wankelmütigen Namen?“
Der Band versammelt kulturwissenschaftliche Notate, poetisches Storytelling und Gedichtzyklen im eigentlichen Sinne. So gibt es durchwegs aufregende Wort- und Ideenschätze zu bergen, wie wenn vom „[S]chlarren/ klüftiger Steine“ oder von einem „verwaisten Schleier […] aus abgestreifter Haut eines Fabeltiers“ gesprochen wird.
Kinsky zitiert regelmäßig Praktiken im Umgang mit der mehr-als-menschlichen Natur – Rosenzucht, Vogeljagd –, um an strukturanaloge Formen der Brutalität zu erinnern, denen Frauen als vermeintlich „naturnähere“ Menschen unterworfen wurden und werden.
Insgesamt gelingt es Kinsky so, in der mehr-(als)-sprachlichen Bewegung durch unwegsames Gelände ein eigenes, beredtes, aber doch hermetisches, ja, nachgerade apartes Sprechen zu entwickeln. Anderen würde es womöglich nur die Sprache verschlagen.
Esther Kinsky: Heim.Statt. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2025, geb. mit Umschlag, 155 S., 25 €.

