Poetische Alchemie: heraus, löst. Zu „Salz und Erinnern“ von Tom Schulz
Auch wenn das Olfaktorische zu den in Gedichten eher unterrepräsentierten Sinneseindrücken gehört, hier in Tom Schulz’ neuem Gedichtband – und bemerkenswert schön gestalteten Buch! – Salz und Erinnern beginnt es unausgesprochen mit einem Duft, einer ersten Spur. Und reicht (und riecht) von da in das limbische System, jene Gehirnregionen, mit denen Erinnerungen und Emotionen eng verknüpft sind und die die Ausschüttung von Endorphinen, körpereigenen Opioiden, steuern.
„Wo die Pomeranzen blühen“ – in prominenten Gedichten (allen voran Goethes „Mignon“-Gedicht) schon oft ersehntes Ziel –, „dahin ging ich/ den Bach entlang und liebte/ das Wasser, den Lauf. Ahmte den Fisch/ nach, ich atmete.“ Zwar duftet die Bitterorangenblüte angenehm, doch der Blick geht von dort weiter zurück und die Bitternis nimmt zu: „Ich sah die zerstörten Städte. Das Heile – Mittlerer Ring./ Feldherrenhalle.“
Das Eröffnungsgedicht „Land über“ versucht eine Standortsbestimmung, von „wo“ aus in den nachfolgenden fünf Kapiteln inbildhaft ein fast surreal geschautes Panorama aus Raum und Zeit sich öffnet. Mäandernd bewegen sich in diesem sprachlich etablierten Eigenraum die Gedichte auf ihrer poetischen Wirklichkeitssuche, die sich im Laufe der Lektüre immer weiter auffächert und in neu aufgerufenen Konstellationen landschaftlich weite Perspektiven eröffnet. Deutsche Städte mit ihren architektonischen Wahrzeichen oder nur einer „Bahnhofsmission“; historische Zeitmarken der Weltkriege; Becketts „Godot“; individuelle biografische Daten; ideologisches Vokabular; Lektürereferenzen; Kaiserreich und Donaumonarchie, NS-Diktatur und -Terror, BRD und DDR; Frankreich, Ungarn, Serbien; Liebesidylle und Krankenhaus-“Not-/ beleuchtung“; „maliziöse Zellen“ und Todesnähe – vieles geht ineinander über in einem topografisch weiten und historisch tiefen Raum und belauscht einen großen, unruhig pulsierenden, beziehungsreichen Klangraum.
Je näher das Hinschauen und Hineinlesen, je weiter das Gewebte und Gewesene, je enger die Zusammenhänge und -klänge, desto mehr erweist sich in der Komposition des gesamten Bandes eine formal ebenso wie inhaltlich enorm vielschichtige, genuin lyrische Musikalität, die die Ränder der Bedeutungen auslotet bis hin zum hermetisch Vieldeutigen, Offenen und dynamischen Oszillieren. Ohne dabei die notwendige Verortung und Verantwortung in historischen Kontexten und individueller Geschichte aus den Augen zu verlieren und gleichwohl eine autonome, selbstbezügliche Sprache einzufordern, welche das Eigenrecht der benannten Dinge gegen ein instrumentelles Sprechen reflektiert und respektiert. Keine beliebig Sprache strapazierende l'art pour l'art, sondern eine poetische Verfahrensweise, die bei aller leichtfüßigen Verspieltheit und Virtuosität zugleich die Ambivalenzen ihres sprachlichen Wirklichkeitsentwurfs präzise reflektiert und ernsthaft geltend macht.
Gras, Salz, Sonne, Wasser, Stein, Blume, Haus, Hund, Träne, Stimmen, April, Tür, Vater, Atem, Mutter, Zeit... In immer neuen Gedicht-Kontexten werden zahlreiche elementare, sinnlich konkrete Motive repetitiv durchgeführt, variiert und da-durch in semantische Schwingungen versetzt. Was mal subtil sich verschiebt, mal hart sich fügt, Leerstellen lässt, Brüche, ist ein fließendes Gebilde. Keine starr vermessene, gesicherte Topografie zwischen Menschen, Tieren, Dingen, konkreten Orten und historischen Daten wird so entworfen, vielmehr entsteht eine mit flirrenden Koordinaten weit aufgespannte Fließ- und Fluss-Landschaft, eine verdichtete Textur, die sich in ihren Ähnlichkeiten und Ambivalenzen zu entfalten beginnt, die den Leser mit- und aufnimmt in eine vielstimmig assoziierte soundscape. Hier sprechen die Gedichte miteinander, hier ist erfahrbar, was Peter Waterhouse einmal ein „Genesis-Gelände“ nannte.
Lautliche Verbundenheit gibt es und überführt die objektiv-vereinzelten Sachverhalte aus ihrer Einzigartigkeit und Einsamkeit in ein dialogisches, auch widersprüchliches Miteinander: „Jede Berührung ruft etwas wach“, und sei sie noch so „flüchtig“. Die Übergänge sind fließend, „Trance oder Transition?“, wenn ein scheinbar ausgelassener Buchstabe einen „Zwischenraum“ eröffnet: „HYP NOE“ – und so den Schlaf ins Akronym der niederösterreichischen Landesbank verliest (oder darüber hinaus gar permutiert in Kernspinresonanzen? Oder strahlt das spekulativ zu weit?) (Aber sagt nicht René Char (übersetzt von Paul Celan) in seinen hellwachen, Tod und Leben betreffenden „Feuillets d’Hypnos“: „Wie hört ihr mich denn? Ich spreche ja von so weit...“).
Vielleicht sind Schulz’ (und überhaupt) Gedichte Wahrnehmungsübungen sowie Wahrnehmungsstudien darin, wie sich sinnlich die kontingente Welt in sprachliche Ordnung übersetzt, Bewusstsein entstehen lässt, um es daraufhin kritisch zu befragen.
[…] Wohin wir fließen, woher?
[...] Von einer Stelle aus schreiben, wo keiner
jemals gewesen ist, wo du dich verzweigst, ins Vielfache.
Vielfaches einer flüchtigen Berührung [...]
Diese Bewusstseinsströme sind im Schreiben keineswegs einfach zu fassen, vielmehr „(lösen sich) (die gedrängten Linien) [...] jenes Strömungsbild zwischen uns [...]“ auf, wiederholt und vervielfacht sich in einem unerreichbaren Fließzustand (nahe einem Stillstand?), einem Mündungsbereich. Und vielleicht taucht so in immer feineren Unterscheidungen Welt auf, entstehenden Weltbilder als Sprach-Bilder, hörbar gewordene Anschauung. Doch was ist da zu sehen und anzuschauen? Und mit welchen Mitteln ist das Gesehene und Geschaute darstellbar? Sind Worte zu finden wofür? Denn nicht selbstverständlich ist das Wahrgenommene das Wahre. In einem kurzen Aufsatz zu den Gedichten Inge Müllers schreibt Tom Schulz in der Zeitschrift die horen (297/2025):
Welche Wahrheit im Sinne von Authentizität als Sprache der Poesie, uns selbst und die Welt zu hinterfragen, sie auszudrücken und uns selbst? […] Es ist die Wahrhaftigkeit, die aus der Authentizität entsteht.
Solche Wahrhaftigkeit ist den Körpern eingeschrieben als Erfahrung und Erinnerung, als Traum, Trauma, als Hoffnung auch und markiert den Punkt von Freiheit, aus dem bestenfalls Selbsterkenntnis und ein Ethos des Tuns und Lassens erwachsen kann.
Nicht zuletzt formuliert sich hier zentral die dichterische Aufgabe eines poetischen Rettungsversuchs: als überlebensnotwendiger ästhetischer Widerstand gegen die Übermacht des Gelogenen, das ideologisch „[Ü]berblendet[e])“, den „Kasernenton“, „Gau“ und “Vogelscheiße“, das „grausige Lachen// nach Pech und Schaden klug“, den „Braunau-Verschnitt“, „[...] das rohe Geschlecht, eine Frucht// des völkischen Körpers“. Dem menschenverachtenden Sprachmissbrauch heißt es ein anderes Sprechen entgegenzuhalten, in der Hoffnung, historisch und aktuell Wahres ans Licht zu bringen.
„Raum ist überall.“ In ihrer Suchbewegung reichen die Gedichte geografisch weit und historisch tief: von Deutschland (auch dem verschwunden „NEUE[N]“) nach Italien, Österreich, Ungarn; zu den „Häusern für Lebende und Tote“, wo verwandte Dichter und Dichterinnen wohnten; zur südlichen Geliebten „in der Idee von Raumzeit“ (gar dem Maria Borio zitierenden „Wildwuchs-Paradies“?); und halluzinierend hinein bis ins physiologisch Unmittelbare einer Chemotherapie, wo das Zytostatikum „FOLFORINOX“ die Finsternis im Namen trägt.
Immer wieder ist auch die reale Person erkennbar in biografischen, Leben nachzeichnenden Linien: Tom Schulz, 1970 in der DDR geboren und aufgewachsen, heute in Berlin und Aquaviva (!) Picena lebend, der als Dichter seit über 30 Jahren die verschatteten Sprachräume der Gegenwart ausleuchtet. Deshalb nehmen intertextuell gesponnene Geister- und Totengespräche eine zentrale Funktion ein in Tom Schulz’ poetischem Imaginationsraum zur Selbstvergewisserung, deren Subjektivität sich erst in der Solidarität mit den Toten konstituiert. Zwar haben die Toten Namen – Inge Müller, Paul Celan, Peter Szondi, Friederike Mayröcker, Philippe Jaccottet, Andrea Zanzotto –, „aber die Namen sagen dir nichts“. Nur in der korrespondierenden, mitleidenden Erinnerung, in Bildern „unwillkürlichen Eingedenkens“ (Walter Benjamin) können sich „Häuser für Lebende und Tote, mit einem inneren/ Auge“ öffnen, ebenso Wunde wie Wunder der Auf- und Wiedererstehung der Toten.
Der Versuch, den Toten wieder zu begegnen in ihrer anderen, absolut fremd bleibenden „Gegenwart [, die] zur Leerstelle [wird]“, rührt au fond an die eigene Wurzel, an den Körper als Erfahrungsraum der eigenen Existenz inmitten der Welt. Doch unter diesem Grund können sich Abgründe auftun, weshalb Schulz’ Gedichte nicht zuletzt insistieren auf ihre in Pflanzen und Tieren dinglich verbürgte Bodenhaftung.
Liebe zu Urinblume und Vogelbeere, Sprache
von Kreatur spricht wahr.
[...]
Etwas streichelt die Seele, Anima. Das Tier in uns
leckt wunde Stellen, schließt das Klaffende.
In dieser fundamentalen Kreatürlichkeit gründet auch eine zentrale Epiphanie-Erfahrung im Hund-Gedicht „Der Schlaf und der Atem“:
[…] Du weißt, dass ich dein
Bruder bin, dass unsere Zeit verrinnt, doch nicht
endet. So habe ich meinen Tod gesehen vor dem
inneren Auge, auch vor der Zeit. Eine flimmernde
Säule im Garten, Lichtbrechung. Schwankender
Sender […]
Rufsäulen. Ich höre meinen Namen, ich folge durch
Kletten und Spliss, ich spüre die Hand. Das Zärtliche
einer verkümmerten Pfote. Ich hör wie sie mich singen.
Denn was ist das, Denken? Und reicht es nicht noch tiefer in ein Inneres? Berührt unheimliche Zonen? Womöglich ist in diesem Resonanz- und Echoraum etwas da, das sich nicht unmittelbar zeigt (nicht kann, nicht will), aber hörbar ist und wird im „Sagen“, im Schreiben durch Sprache und Schrift, durch Zeichen sich zeigt und das Denken hinführt zu „Träumen“: „Trauer“-Räumen, angefüllt mit Bildern und Gesichten aus anderen Zeiten, die dem „Ich“ den Boden entziehen, orientierungslos machen, taumeln, gar fallen machen.
[…] Ich spreche mit mir, kaum hörbar, […]
[…] Ich bin in mich zurück
gegangen, hinter eine verschlossene Tür. [...]
[...] Jemand wie
ich vergaß, was zu vergessen war. […]
Jemand wie ich, hörte sie reden und vergaß.
[…]
In den Zwischenräumen, die wir betreten, jeder
für sich, [...] Nichts, was uns erinnert.
In den Gedichten von Tom Schulz zeigt sich Dichtung aus einer Ahnung, einer Erfahrung der tiefsten Verletzbarkeit des Lebens heraus geschrieben, als Mnemosyne-Dienst, der nicht mehr suggeriert, die Existenz sei auf Dauer angelegt – wo doch der Tod offenkundig aus der Zeit heraustritt –, sondern demütig anerkennt, dass alles Wissen von einem noch größeren, tieferen, ‚dunklen‘ Nichtwissen umfangen bleibt. Vielleicht ist diese visionäre, delirierende, in ruhigem Prozessieren traum- wie albtraumhaft sich auflösende Dichtung Geisterdichtung. „Lichtbild[er]“ der „Dunkelheit“, staunend fragende Augenblicke. Ohne zu verkennen:
[…] In uns die Leere
der Mitte, der ausgeräumten Gebetsräume.
Menschenleere Sakralbauten an jedem Sonntag.
Vielleicht könnte in diesen Gedichten das „Blüthenstaub-Taxi“ (mit dem alten Kennzeichen des Novalis’schen magischen Idealismus) hinführen zu einem „Denken wie April, ein[em] offene[n] Haus“, in dem sich Außen- und Innenwelt berühren? Eine für sogenannte Wirklichkeiten durchlässige Hülle, deren Konventionen und Konnotationen erweitert werden, so dass die Wortfelder und Bedeutungshöfe zu vibrieren beginnen und in einer poietisch-metabolisch eigenwilligen ‚Physio-Logik‘ das scheinbar fest gefügte Kristallgitter der Sprach-Ionen in Bewegung gerät, weit und weich und zeitweise gar fluide wird, in Lösung geht in Sprachkörpern, aus dem Innersten Er-Innerungen herauslöst: „Salz“, „ Sole“, „Sonne“, „ Soldaten“; „Gras“, „Grab“, „Sarg“, „Sagen“, „sägen“.
Im finalen Gedicht des Bandes „Lieder Op. 73: Schlaflosigkeit“ wird noch einmal ein visionär flackernder, irrlichternder Wachtraum oder Wachraum betreten und durchschritten, hinter dem sich schließlich eng geführt ein bizarrer Grenzraum in seiner Ortlosigkeit zeigt. Wo zwei „Ufer“, Kindheit und „Totenfluss“, sich zusammenkrümmen und durch eine letzte geöffnete Tür „ein fremder Mann/ ein[tritt]“, vielleicht ein Gespenst – – bevor schließlich die poetische, auch lebensgezeichnet spannungsgeladene „dahin“-Bewegung von Salz und Erinnern, hin durch imaginär eröffnete Landschaften zwischen zwei Worten, dann in der letzten Strophe, im letzten Vers, im letzten Wort eine Ankunft findet. Vielleicht sogar eine Heimkehr zum Anfang(en), wo doch eine Rettung möglich scheint – noch oder erst in der Zerstörung ein gereimter, menschlicher Halt. Was mit „Land über“ begann, klingt aus: „[...] Niedergebrannt die Häuser, greife ich/ nach deiner Hand.“
Salz und Erinnern ist ein gehaltvoller Gedichtband von außerordentlicher Dichte, ja existentieller Schwere und oft schmerzhafter Einfühlsamkeit, ein herausragendes Buch, wo auch immer hin – und es zeigt Tom Schulz auf der Höhe seiner poetischen Kunst. Und wenn es – um- oder gar abwegig gedacht (und nur so denkbar) – etwas wie eine poetisch vielstimmige, wandlungsfähige ‚(Al-)Chemie‘ gibt, findet sie hier ihren Ausdruck. Denn von Anfang an geht da ein Ion, ein ‚über Land‘ und in sich Gehender, bildet und verinnerlicht Gedicht-Salze und löst (und liest) sie wieder aus sich heraus, erinnert Verinnerlichtes. Leichtfüßig auch über Abgrunddunkel. Alles ist im Fluss, da-hin.
Wir schwimmen in uns, wir schwimmen mit uns
hinaus […]
Wir schwimmen in uns in Richtung der großen Liebe.
Tom Schulz: Salz und Erinnern. Gedichte. Poetenladen Verlag, Leipzig 2026. 112 S., geb., 22,80 €.

