Der Fußball als Anker

Der Fußball als Anker

In Moni Stănilăs Metallische Igel (edition foto.TAPETA 2025), der Anatomie eines „Mikrobisten“ – was in Anlehnung an den rumänischen Begriff im Original für einen leidenschaftlichen Fussballfan steht –, ringt das lyrische Ich um Räume außerhalb des Fanatismus, von dem es sich bedroht fühlt. Der Begriff Fan leitet sich ab vom lateinischen fanaticus: von einer Gottheit in Entzückung, in Raserei versetzt. Schon im ursprünglichen religiösen Kontext wurde fanatisch abwertend verwendet, für Personen, die ihre Weltanschauungen aggressiv durchsetzen wollen.

In Stănilăs Band ist der Fan aber gerade etwas anderes als der Fanatiker, er hat eine Ausflucht, einen Schutz, eine Hingabe. Davon schreibt die in Moldau lebende rumänische Dichterin, die ihren fordernden Alltag in Moldau, ein Hadern mit Lebensentwürfen als Autorin und Frau sowie die Suche nach emotionaler und spiritueller Erfüllung in ihrem Band festhält. Es handelt sich um tagebuchartige Notate zwischen 2014 und 2022, die in zwei Hälften mit je 33 Gedichten gegliedert sind.

 

Es braucht einen Dreisprung angesichts der Kleinigkeiten des

Lebens.

Angesichts der zu hohen Rechnungen, des zu niedrigen

              Gehalts.

Das Leben kann dich auf dem falschen Fuß erwischen.

 

Von solchen lyrischen Dreisprüngen, spektakulär wie „Boateng im Spiel gegen die Ukraine“, leben diese Gedichte: mal Huldigung von Fussballstars wie Manuel Neuer oder Arjen Robben, mal essayistische Notiz, mal politischer Kommentar, mal Gebet. Der Kitt, der vor allem im ersten Teil alles zusammenhält, ist die Liebe für den Rasensport. Gerade die Zusammenstöße von Existenziellem mit der eskapistischen Passion des Fußballfans legen eine Unbeholfenheit im Umgang mit den Dilemmata des Lebens offen, wirken komisch – und entfalten dadurch eine ungebremste Wucht. „Der Fußball ist ein Anker“, der Humor die Rettung.

Dabei wirkt der Krieg in der benachbarten Ukraine 2014 zunächst wie ein Hintergrundrauschen, wie ein Teil der Welt, den das lyrische Ich mit ihrer Leidenschaft und Haltung stumm zu schalten vermag. Doch immer mehr schwillt es an, bis 2022 nach der russischen Invasion alles andere darin zu versinken droht. „Wir haben eine Zeitlang gut gelebt“, lautet die erste Zeile des zweiten Teils „eUropA 2022. Das Front-Tagebuch oder das Tagebuch von der Front“. Die Front ist nun allgegenwärtig und in der konkreten Sprache dieser Lyrik, die alles beim Namen nennt, haben die Worte auf einmal an Bedeutung verloren. Überzeugungen werden auf die Zerreißprobe gestellt, zu groß ist die Kluft zwischen den Idealen und der Wirklichkeit:

 

Nur durch den Glauben kann ich Dich sehen

inmitten der bombardierten Menschen

aus Mariupol.

 

Moni Stănilăs Sprache in Alexandru Buluczs behutsamer Übertragung ist zugänglich und klar, das Destillat einer Lebenswirklichkeit in Fragmenten, aber auch ein Erkenntnisprozess. Die alte, bei Weitem nicht vollkommene, aber vertraute Welt vermag nicht mehr zusammengehalten zu werden von den Ritualen des Alltags, die unschuldige Fußballleidenschaft vermag nicht mehr über die Grausamkeit der Menschen hinwegzutrösten, die Utopie einer besseren Gesellschaft ist endgültig verunmöglicht durch ihre Bereitschaft, im Namen falscher Idole andere zu vernichten. Nur durch geistige und seelische Anstrengung bleibt sie überhaupt noch vorstellbar, bleibt Hoffnung als Echo in der Luft hängen.

Metallische Igel ist das Langzeitgedicht einer Zweifelnden und Verzweifelnden, einer Glaubenden und Liebenden; es zeigt wie ein Hobby, der eigene Alltag und jedes Erlebnis zur Metapher auswachsen kann, wenn man genau hinguckt; es ist ein spartanisches Loblied auf die Fankultur als Gegenentwurf zum Fanatismus, als Abwehr und Schutz davor.

 

in meiner Welt, in diesen Zeiten

war ich eine Liebende. Es bleibt die Freude darüber, dass

 

jetzt irgendwo auf der Welt, auf die ich von meinem Balkon      

              blicke ,

auf der anderen Seite des Planeten, ein Mikrobisten-Kind nicht

              weiß,

wo die Ukraine auf der Landkarte liegt. Und dieses Kind

speichert sich den ganzen Tag

Mbappé-Bilder in seiner Handy-Galerie.

 

 

Moni Stănilă: Metallische Igel. Aus dem Rumänischen von Alexandru Bulucz. edition foto.TAPETA. Berlin 2025. 110 S., Klappenbr., 15,– €. 

Von Skywriting zu Rewriting. Poesie (neu) lesen und hören beim poesiefestival berlin 2026

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