Bones to Pick
Dass immer weniger selbstverständlich ist, in welchen Worten eine Frage überhaupt gestellt werden soll, ist ein Anzeichen für ihre zunehmende Dringlichkeit. Wurde die Rolle von „Natur“ in literaturwissenschaftlichen Debatten ab den 1990er Jahren mit neuer und dann rasch zunehmender Intensität diskutiert, so sind die Bedeutung und die Funktion dieses Begriffs – die Implikationen seines schweren historischen Gepäcks – zugleich immer unklarer geworden; bis zu der Frage, ob er überhaupt noch einen abgrenzbaren Bereich von Wirklichkeit herausgreift.
Denn zum einen wird es unter den Bedingungen des Anthropozäns und den sich immer deutlicher abzeichnenden Veränderungen des Erdsystems im Zuge des Klimawandels immer schwieriger, einen Gegenraum der sich ausbreitenden Bereiche und Stoffkreisläufe menschlicher Infrastruktur auszumachen. Zum anderen wurde die prinzipielle Unterscheidung von „Kultur“ und „Natur“ als trügerische Erzählung einer Moderne kritisiert, die praktisch alle Lebewesen, Pflanzen, Gegenstände und Prozesse der Erde in eine große Kiste namens „Umwelt“ oder „Natur“ einsortiert hat, um sie dann von einer distanzierten Position aus betrachten, bezeichnen und verbrauchen zu können. In dieser Aufteilung verläuft eine freie, nach selbst gesetzten Zielen handelnde menschliche Geschichte vor einem passiven, duldsamen und geschichtslosen Hintergrund, der entweder als schier unerschöpfliche Quelle von Ressourcen dienstbar gemacht oder aber als ebenso ferner wie unberührter Gegenraum zur Zivilisation besucht werden kann. Zunehmend wurden diesem binären Denken Modelle der Wechselseitigkeit, des Netzwerks und der Verschränkung entgegengestellt, die menschliche Lebewesen als einen Teil umfassender Netzwerke des Lebendigen und der Materie verorten. „Natur“ wird abgelöst durch inklusivere und plurale Formulierungen – „mehr-als-menschliche“ oder auch „nicht-menschliche Naturen“ –, die keinen separaten Außenraum vorsehen, von dem aus das Getümmel der Erde betrachtet werden kann.
Für die aktuelle Naturlyrik ist diese Verschiebung aus Gründen von Bedeutung, die über die pragmatische Verbindung von Gegenstand und literarischer Gattungsbezeichnung hinausgehen. Historisch spielt insbesondere die Lyrik der Romantik eine wichtige Rolle für die Ästhetiken, Sprachen und Bildressourcen, in denen die europäischen Literaturen gelernt haben, „Natur“ eine Gestalt zu verleihen. Auch in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ist diese – stets neu zu verhandelnde – Nähe von Lyrik und Natur präsent, insofern die Auseinandersetzung mit drastisch veränderten Bildern und Wirklichkeiten mehr-als-menschlicher Naturen stets auch die Frage der lyrischen Form zur Disposition stellt. Was „Natur“ war und was sie ist, drängt zugleich auf die Frage, wie, in welcher Sprache und aus welcher Perspektive die Traditionslinien eines „Naturgedichts“ fortgeschrieben werden können.
Die von Evi Zemanek herausgegebene Lyrikanthologie natur/ver/dichten, die Ende 2025 im Wallstein-Verlag erschienen ist, greift diese selbstreflexive Dimension programmatisch auf. Denn eine besondere Eigenschaft des Bandes besteht darin, dass die elf versammelten Autorïnnen aus der deutschsprachigen Gegenwartslyrik jeweils einem eigenen Gedicht einen poetologischen Selbstkommentar gegenüberstellen, in dem sie den Schreibprozess erläutern und konkrete Vorstufen – handschriftliche Notizen, Textbearbeitungsprogramme am Computer oder auch Diktierprogramme des Smartphones – abbilden. Anspielungsreich deutet der Titel der Anthologie auf die verbreitete Neigung zur durchgängigen Kleinschreibung in der Gegenwartslyrik hin, zitiert im Schrägstrich die schriftliche Markierung von Versgrenzen, verfremdet das Substantiv, übersetzt es aber vor allem in ein Verb und dadurch zugleich in einen Prozess ästhetischer Figuration. natur/ver/dichten wird unmittelbar an den einzelnen Produktionsstadien anschaulich, in denen die Texte in vielen Fällen deutlich gekürzt werden.
Im Durchgang der Gedichte fällt zunächst die Diversität der versammelten Gegenstandsbereiche und lyrischen Zugangsformen auf: eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren, Gesteine, Wetterbedingungen und unterschiedliche Landschaftsräume. Angelika Overraths auf Vallader, einem Idiom des Rätoromanischen, verfasstes „Vers il Piz Buin“, gefolgt von der deutschen Übersetzung „Dem Piz Buin entgegen“, geht Vers für Vers eine Alpenwanderung im Winter nach. Jan Röhnerts „Karst am zwölften Längengrad“ evoziert in sprachlich reduzierter Form die geologische Tiefenzeit und stumme Fremdheit von Gesteinen – „Silex Sandstein Kalk“. Bewegen sich beide Texte in Räumen und Zeiten, die dem Menschen fremd gegenüberstehen, halten sich mehrere Gedichte gerade in den Übergangsbereichen zwischen urbanen Räumen und Kulturlandschaften auf, die deswegen jedoch nicht weniger Momente der Irritation bereithalten.
In Norbert Hummelts „vom feldgehölz“ ist es der Kuckuck, dessen jährlich wiederkehrender Ruf die menschlichen Zeitordnungen in den Hintergrund treten lässt. Wie an den Vorstufen des Gedichts deutlich wird, wechselt Hummelt im Laufe des Schreibprozesses von einer drei- zu einer zweizeiligen Strophenform; eine Veränderung, die er als Konzentration und Entschlackung beschreibt und deren erhöhte Durchlässigkeit und Offenheit dazu führe, die menschliche Wahrnehmung, das Lauschen, als etwas Ephemeres erscheinen zu lassen. Auch in Karin Fellners „Was war Wald?“ zeichnet sich der Verlust eines Landschaftsraums in einer versehrten, diskontinuierlichen und durchbrochenen Sprache ab, „schon krachten und wieder die Fichten“, in der die Perspektive eines beobachtenden Subjekts undeutlich wird. Schließlich stellt fast die Hälfte der Gedichte die Auseinandersetzung mit anderen Tierspezies in den Fokus. Dies reicht vom wiederholten Erklingen von Vogelstimmen, das den Ausgangspunkt mehrerer Gedichte bildet, zugleich aber nicht in deren Sprache aufgeht, über das langsame Erblinden der als Familienmitglied umsorgt- und betrauerten Hauskatze in Susanne Eules’ „NGC 6543“, deren Pupillen zugleich in einen Bezug zu den Farbkontrasten schmelzender Gletscher gestellt werden, bis zur intertextuellen Auseinandersetzung mit Rainer Maria Rilkes „Der Panther“ in Ulrike Draesners „pant her“ und Steffen Popps „Wiederbesucht: Jardin des Plantes, Paris“.
Bei aller formalen und inhaltlichen Verschiedenheit der Gedichte zeichnet sich in dieser Konstellation eine gemeinsame Suchbewegung ab: der Versuch, im Medium der Lyrik eine menschliche Perspektive zu destabilisieren und abzutragen oder, wie Karin Fellner in Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Gedicht schreibt, dessen Sprache „zu zerlegen und aufzustemmen, um Raum zu schaffen, in den auch andere Stimmen eintreten können.“ In unterschiedlichen Formen knüpfen die Texte der Anthologie dadurch an gattungspoetologische Fragen an, wie insbesondere die ästhetischen Eigenschaften von Lyrik – Klang, Rhythmus, Versform – eine besondere Sensibilität gegenüber Wirklichkeiten einräumen, die sich nicht zur Erzählung zusammenfügen. Die Öffnung des Gedichts gegenüber anderen, nicht ausschließlich menschlichen Phänomenbereichen und Stimmen, die Verschränkung unterschiedlicher Perspektiven und Zeitlichkeiten, verbindet die einzelnen Gedichte miteinander.
Deutlich wird diese Tendenz auch durch die Häufung von Gedichten, die mehrsprachig verfasst oder aber sowohl in einer Fremdsprache als auch einer deutschen Übersetzung nebeneinandergestellt sind, wie Overraths „Vers il Piz Buin“, Eules’ „NGC 6543“, Draesners „pant her“ und Mara-Daria Cojocarus „Experts in Their Field“. Stets erfolgt die Bewegung von einem Sprachraum in den anderen als ein Bruch, in dem Bedeutungsspielräume entstehen, sich neue Bilder, Assonanzen und Ausdrucksformen ausbilden, die der Ausgangssprache nicht mehr entsprechen.
Sprache wird hier als ein eigengesetzliches, körperlich-materielles Phänomen greifbar, das über den Menschen hinausreicht. Dies zeigt sich mitunter auch an der Strophenform, die mit Elementen der visuellen Poesie spielt, und an von Leerstellen unterbrochenen Versen. Der „Sprachwechsel“ und die „Kombination verschiedener Idiome“, so fasst es Ulrike Draesner, werden als Möglichkeit ergriffen, „Bewegung in die eigenen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten zu bringen“. Geht die Übertragung mit einem Verlust an Kontrolle einher, so ist es ein Davon-getragen-Werden, das durch die Pluralisierung von Sprache zugleich etablierte Wahrnehmungsformen aufbrechen soll, um von einem „Sprechen über“ zu einem „Sprechen mit“ zu gelangen.
Eine ähnliche Eigenschaft zeigt sich an der offen intertextuellen Verfasstheit mehrerer Gedichte. Besonders deutlich setzen sich gleich zwei von ihnen – die erwähnten Gedichte von Draesner und Popp – mit Rainer Maria Rilkes „Der Panther“ auseinander. Im Durcharbeiten dieses Prätextes stellen sie zugleich die Frage nach Darstellungs- und Wahrnehmungsformen, die Hierarchien zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen sichtbar machen und zu umgehen vermögen.
Diese jeweils sehr verschiedenen Versuche, die Spannung zwischen dem irreduzibel Fremden und dem Vertrauten – der Ruf von Kuckuck und Turmfalke, das tote Gestein der Kalkgrube oder das schwindende Augenlicht der Katze – in die Brüche der literarischen Form und Sprache einzuarbeiten, gelingen auf der ästhetischen Ebene in unterschiedlichem Maße. Der aus tierethischer Sicht nachvollziehbare Versuch, Hierarchien zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen in der Sprache und Form des Gedichts einzuebnen, wirkt mitunter etwas bemüht.
Gerade im Nebeneinander von Gedicht und poetologischer Reflexion verdeutlicht die Anthologie natur/ver/dichten jedoch die enorme Beharrlichkeit, mit der die deutschsprachige Gegenwartslyrik den Umbrüchen, Widersprüchen und Verschiebungen gegenwärtiger Naturvorstellungen nachgeht. Wird der Verlust der Pupille in Eules „NGC 6543“ zu einer Öffnung gegenüber dem Fremden, „foraging /for the remote wild unknown /& dense contrast of colors /lost in melting arctic glaciers“, so ist diese Wendung eine zentrale Eigenschaft der Anthologie.

