Feuer!
Bevor wir uns als Leserschaft in einem unendlichen Kreislauf aus Abschied, Liebe, Frauenfiguren, Nachkriegszeit und dem Abgrund zwischenmenschlicher Beziehungen wiederfinden, betreten wir im Eröffnungsgedicht die „Landschaft mit Füßen in der Asche“. Der Debütband Sag Feuer der bosnischen Autorin Selma Asotić ist 2025 zweisprachig in der Übersetzung von Marie Alpermann und Rebekka Zeinzinger im Suhrkamp Verlag erschienen. Im Jahr 2022 wurde die Erstausgabe des Lyrikbandes beim serbischen Verlag Raštan izdavaštvo veröffentlicht. Sag Feuer gewinnt schnell Aufmerksamkeit in der Region der BKMS-Sprachen und wurde mehrfach ausgezeichnet: mit dem Stjepan-Gulin-Preis (2022) und dem Štefica-Cvek-Preis (2023). Neben der Übersetzung auf Deutsch liegt seit 2025 auch die englische Version vor, die beim Verlagshaus Archipelago Books in New York erschienen ist.
Das Unendlichkeitszeichen, das sich in der Originalfassung gleich nach dem ersten Gedicht über eine ganze Seite ausbreitet – wie ein Erdfall – hat sich leider im Übertragungsprozess verloren. Es ist ein „Selbstportrait in Kreisform“, wie ein Gedichttitel aus dem Band lautet. Denn zwischen unermüdlich kreisenden Gedanken und wiederkehrenden Erinnerungen steht ein vor der Zukunft erschreckendes Ich, das die Heimat bereits im Eröffnungsgedicht verlässt, sodass – wie in Märchen – „die Geschichte“ beginnen kann:
Zakopavam svoj um. Beskorisnu
vodenicu što melje glasove, plastične slamke,
račune, ruke koje zahtijevaju davati
i davati. Svoje ruke vrgnem
niz rijeku. One se u ušću
prisjete svega. U mojoj glavi
farma krugova. Ako umrem, baš sad,
niko neće dovršiti to što sam pošla reći […]
Ich begrabe meinen Verstand. Nutzloses
Mühlrad, das Stimmen zermahlt, Plastikhalme,
Rechnungen, Hände, die verlangen zu geben
und zu geben. Meine Hände werfe ich
in den Fluss. An der Mündung erinnern
sie sich an alles. Mein Kopf züchtet
Gedankenkreise. Wenn ich jetzt sterbe,
wird niemand zu Ende bringen, was ich sagen wollte […]
Die Autorin hatte Sarajevo verlassen, um Poesie an der Universität Boston zu studieren – ein selbstauferlegtes Exil, sowohl körperlich als auch sprachlich. Im Laufe des Studiums entstand dieser Gedichtband, zum Teil ursprünglich auf Englisch. Insofern verwundert die Tatsache nicht, dass die Autorin auch als Übersetzerin der englischen Ausgabe dieses Bandes genannt wird.
Heimweh
Aber auch wenn man umzieht und geografische Koordinaten wechselt, kommt die Vergangenheit ins neue Zuhause mit, um mit einem zu wohnen. Genauso wie ein verlorenes Heim in uns weiterlebt und die Kraft besitzt, uns zu überzeugen, dass dort das Leben besser und schöner war. „Feuer hat keine Zukunft“, weshalb das lyrische Ich in den Schlussversen des ersten Gedichts, das als Intro zum Band fungiert, feststellt: „Welch eine Erleichterung/ für das Feuer“. Der darauffolgende Titel „Niemand schreibt nach Hause“ – ein Gedicht an die Mutter – markiert den Beginn eines durch das Grenzenlosigkeit-Symbol am Beginn der Originalausgabe als unendlich gekennzeichneten Kreislaufs: Der Titel kehrt im Band insgesamt viermal wieder, jeweils für unterschiedliche Gedichte. Als eine Art Markierung grenzt er auf atypische Weise Gedichtzyklen voneinander ab und kündigt Veränderungen auf thematischer oder emotionaler Ebene an. Diese Refrains sind wie vier tragende Säulen, die ein Haus festhalten – eine am Anfang, eine am Ende und zwei in der Mitte. Diese vier Gedichte eröffnen zentrale Fragen: Warum schreibt niemand mehr nach Hause? Gibt es kein Zuhause mehr oder niemanden, dem man schreiben könnte?
Vielleicht hat das Feuer keine Zukunft, aber eine lange Geschichte hat es. Und die Geschichte des Feuers erzählt von der Gewalt, die in den ersten Bildern der vom Feuer „verschluckt[en] Bäume, ganze[n] Wälder[]“ gleich die Vernichtungsmacht des Feuers zeigt. Trotzdem steht das Feuer in diesem Band ebenso für eine Wärmequelle und für Erinnerungen an das Zuhause, das mehr als 4000 Meilen entfernt ist. Das Feuer ist die Augustnacht mit Glühwürmchen. Das Feuer ist Entschuldigung. Das Feuer ist weiblich auf Bosnisch. Das grammatische Geschlecht des Lichts ist ebenfalls weiblich – das verstärkt die feministische und queere Stimme des lyrischen Ichs, wie sie sich etwa in dem Gedicht „Coming-out“ zeigt. Sehnsucht nach dem Land der Herkunft wandelt sich hier in die Sehnsucht nach der Sprache als Urheimat aller Dinge:
Nekad je potrebno slagati da bi se rekla
istina, naučila me poezija.
[...]
Riječi, naučila me poezija,
trebaju biti kao zubi,
trebaju biti to što jesu.
Majušna sječiva.
Sa srcem u središtu,
koje pulsira,
i pulsira
Manchmal musst du lügen, um die Wahrheit
zu sagen, das hat mich die Poesie gelehrt.
[...]
Wörter, das hat mich die Poesie gelehrt,
müssen wie Zähne sein,
müssen sein, was sie sind.
Winzige Klingen.
Mit einem Herz in der Mitte,
das pocht
und pocht.
Die Idee des Zuhauses zwischen Erinnerungen und Selbsterforschung schafft einen individuellen poetischen Sprachraum, in dem das Feuer lebendige Energie freisetzt, das Trauma heilt und Identität formt. Das lyrische Ich erschafft eine kollektive weibliche Identität und bricht mit der starren patriarchalischen Stille in Haushalten, in denen eine Kultur des Schweigens gepflegt wird und Selbstzensur als eine Form des Überlebens besteht. Und doch würde sich alles lösen und allen wäre es leichter, wenn man nur darüber spräche – man tut es aber nicht. Asotić schreibt stattdessen.
Mythen und Lektionen vom Krieg
Es geht hier um Lyrik, die Erinnerungen an den Krieg bewahrt. Auf der Spur des Bosnienkrieges schöpft sie mangels eigener Erinnerungen aus dessen Folgen, der Familiengeschichte und aus Erzählungen, die im Band als Prosasequenzen zwischen den Gedichten zu lesen sind. Jede dieser unbetitelten Prosasequenzen ist Teil einer Geschichte aus dem Krieg, und fast jede einzelne endet mit folgendem Satz: „So war es nicht.“ Das lyrische Ich ist eine bewusst „unzuverlässige Zeugin“, die sich auf den Weg gemacht hat, die Wahrheit zu erzählen und dorthin mit dem Finger zu zeigen, wo Unrecht getan worden ist. Die Figuren, die man im Text trifft und die sich in einem muslimisch-bosnisch geprägten Milieu bewegen, vor allem Nana, Mutter und Onkel, haben jedoch ihren eigenen Willen.
Die Prosasequenzen, die in dem Band zwischen den Gedichten stehen, entstanden ursprünglich auf Englisch und wurden als lyrischer Essay veröffentlicht. In diesem Band erscheinen sie in fragmentierter Form und werfen zugleich die Frage nach den Grenzen literarischer Gattungen auf. Eine solche Schreibweise ermöglicht es uns, über narrative Strukturen und Figuren zu reden, obwohl es sich dabei um Begriffe handelt, die wir eher mit Prosa als mit einem Gedichtband verbinden. Die Sequenzen, die am häufigsten vorkommen, sind die über den Nachkriegssuizid des Onkels. Es ist eine Geschichte, die mediale Aufmerksamkeit Ende der 90er in Bosnien erfuhr und im Zuge der postkonfliktären Zeit nach dem Friedensabkommen instrumentalisiert wurde und ungerechterweise den intimsten Moment menschlichen Lebens – seinen Tod – zeigt. Die Autorin erzählt diese Geschichte neu und konfrontiert die Leserschaft nicht nur mit der Geschichte des Onkels und seiner Familie aus eigener Perspektive, sondern auch mit Zeilen aus Zeitungen: „DER FRIEDEN FORDERT EIN WEITERES OPFER; BÜRGER SCHOCKIERT; EHEMALIGER KÄMPFER UND FAMILIENMENSCH IN DIE LUFT GESRPENGT“ – und öffnet somit Raum für Interpretationen. Im Gedicht „Theodizee“ wird die 36. Sure des Korans zitiert, wonach wir diejenigen sind, die die Toten lebendig machen, indem wir das aufzeichnen, was sie getan haben. Und genau da liegt der Schlüssel, um die Prosasequenzen zu deuten. In einem der meistzitierten Gedichte des Bandes, „Lektion vom Krieg“, mahnt Asotić an:
Jer tijelo pamti, ali ne nauči ništa.
[…]
Teško je uvjeriti vlastito tijelo da je preživjelo.
Denn der Körper erinnert sich, aber er lernt nichts.
[…]
Schwer, den eigenen Körper zu überzeugen, dass er überlebt hat.
Diese Verse stehen in direkter Verbindung mit Bildern aus den Prosasequenzen – allen voran mit der Granate, die in der Hand des Onkels an einen schlafenden Spatzen erinnert: die letzte Wärme vor seinem Tod.
Das Feuer entfacht die drei großen Themen dieses Bandes: Sehnsucht, Matrilinearität, Krieg und Nachkriegsfolgen. Und die Asche auf unseren Füßen, die wir vom ersten Gedicht an und auch nach dem Schließen und Weglegen des Buches bei uns tragen, ist ein ständiges Erinnern an die Tatsache, dass es gebrannt hat.

