Annette Pehnt – Die Umarmung des Materials

Annette Pehnt – Die Umarmung des Materials

Die Umarmung des Materials lädt zu einem Einstieg über den Bandtitel ein. Wir haben es mit einer konkreten, schützenden, liebevoll-körperlichen Pose zu tun, die eine gröbere Kategorie als den Körper umfasst und begrenzt. Was ist das Material? Wer umarmt es oder wird von ihm umarmt? Denkbare Titel hätten auch „Materialumarmung“ oder „Umarmung von Material“ sein können – die Artikel suggerieren eine konkret gemeinte Umarmung, ein klar definiertes Material. Wir erfahren: Es gibt eine Umarmung. Es gibt ein Material.

Auffällig sind zunächst sinnlich greifbare Materialien wie Draht, Kordel, Watte, Glas, Stein, Papier, Keramik, Sand, Gummi, Holz, Plastik – allesamt im Band verteilt, mal ballen sie sich, mal tauchen sie vereinzelt auf. Dieses stoffliche Futter gibt den Texten Konkretion, die sich durch ändernde, nie klar benannte Gelände bewegen, in einer „gelben“ (Licht/Luft/ Nacht/Verabredung/Ampel …), alarmierten („gib acht“) Stimmung. Die unbearbeiteten Roh- und Werkstoffe korrespondieren mit der unbearbeitet wirkenden, losen Form der Texte, die kein festes Gerüst erkennen lassen. Konkretes Sprachmaterial ist zudem das Körperliche: Finger, Kinnhöhle, Fersen, Schädel, Füße, Augen, Hände, Haut sowie Blutbahnen, Puls, Halsweh, geweitete Nasenlöcher und ein Schrei. Das Körperliche wird in den immer wieder neu ansetzenden Texten, die sich mal traumartig, mal harmlos, mal gewaltsam geben, nicht zu Figuren oder Tätigkeitsfolgen zusammengesetzt. Es finden sich im ganzen Band nicht ausgeführte, angedeutete Handlungen (wie Spuren eines Romanstoffs) und Reste von Figuren oder zerfetzten Dialogen wieder.

Hier lässt sich die Arbeitsweise einer Autorin erkennen, die meist Prosa schreibt, für diese zahlreiche Auszeichnungen erhielt, aber auch an der Grenze des Prosaischen arbeitet (zuletzt in Die schmutzige Frau, einem in Verse gesetzten Roman von 2023). In den Kurztexten der Umarmung des Materials werden Details benannt, einzelne Wahrnehmungen, aus denen sich aber kein ganzes empfindendes Subjekt, das sich in der Umgebung verortet, nachvollziehen lässt. Das Setting der Gedichte zeigt sich in angedeuteten Landschaften, die schroff wirken, karg, splittrig, in Einzelteile zerfallen, bedrohlich („Pass auf die Scherben auf. Sei gewarnt.“). Als Leserïn sind wir zunächst außen vor, sind weder Material noch Teil der Umarmung, wir können vorbeischlendern und uns wundern, innehalten, statt nach Inhalten zu suchen.

Auf den Titel des Bandes folgt eine Art Gattungs- oder Genrebezeichnung: „lyrik live writing“ weist auf den Entstehungskontext des Buches hin, der in der Aufführungssituation liegt. Zu improvisierter Musik des Streichtrios Kimmig/Studer/Zimmerlin hat Annette Pehnt auf der Bühne Texte geschrieben, die für den Band mit ausgewählten Zeichnungen von Harald Kimmig flankiert wurden. So sind also auch Zeichnung und Musik Materialien dieses Buches.

Das Material ist grob gesichtet. Wie steht es um die Umarmung? Was hält diese Texte zusammen, wie wird das Material bearbeitet, wie organisiert? Hauptsächlich sind für Erzähltexte typische Techniken zu finden (Perspektivwechsel von der 1. in die 3. und 2. Person, indirekte Rede, Plot-Versatzstücke), in vollständigen Sätzen mit korrekter Interpunktion, irritiert vom Zeilenumbruch. Vereinzelte Tätigkeiten („Ich werfe mir die Decke über und gehe ein paar Schritte“) folgen nicht chronologisch aufeinander, sondern versammeln sich assoziativ. Diese Schwebe verstärkt sich durch Verben, die häufig bezugslos im Infinitiv, als Partizipialkonstruktion oder Imperativ vorkommen („Durch das Gesicht hindurchschauen nach draußen. Langsam nach draußen gehen.“). Lyrisch-klangliche Sprachgestaltung in Alliterationen und Ballung von Konsonanten ist vereinzelt zu finden („maßlos mausern“; in Geographie der Geduld: „Gib acht“, „Gabeln“, „Gelb“, „Glas“; „im gnädigen gelben Glanz“; „forever verlaufen“). Die Produktionsweise des live writings lässt sich in Wortwiederholungen („Reue schmeckt holzig. Abschied schmeckt holzig. Verholzte Zugänge […]“) sowie in lose wiederkehrenden Motiven (gelb, gib acht, Fledermäuse, Fell) nachempfinden, die mit musikalischen Wiederholungen zusammenhängen könnten. Vor allem bleiben die kleinen, einfallsreichen Bilder hängen wie „Rüschen aus Salz“ oder der „Puls der Katzen in der Einfahrt“ und „Sahne steht in den Leitungen“ oder „ich vergesse in Tropfen“. Die Bildarbeit überwiegt gegenüber der Klangarbeit. Das mag auch daran liegen, dass die Texte zu Musik entstanden: Klang und Rhythmus waren schon im Raum, als die Sprachbilder assoziiert wurden.

In welche Richtung wird umarmt, beugt sich die Schreibende über ihre Buchstaben, wird sie von der Materialmischung aus Musik, Wort und Zeichnung umarmt? „Ich sehne mich nach der Umarmung des Materials“ heißt es in „Generator aus Trotz“; so scheint der Wunsch nach Geborgenheit oder Bergung durch die Texte noch offen. Die Umarmung könnte die Performenden zusammenbringen, den gattungsübergreifenden Trialog in assoziativen, fast synästhetischen Bezügen ermöglichen. Neugierig macht diese Form der intermedialen Umarmungen: Wo liegen die Anfangsimpulse, was wird aufgenommen und fallen gelassen, worauf reagieren die zart pulsierenden Striche der Zeichnungen, worauf die Streichinstrumente, die Buchstaben, wie viel Überarbeitung, Bearbeitung im Nachhinein lässt diese Form zu – und vor allem: Wie kommt es vom live writing zum Buch? Darf ein Lektorat in die live writings eingreifen, wie ernst oder streng steht es um das live? Was macht es mit Improvisation und Spontanität, wenn sie festgehalten wird?

Bei allen nach der Lektüre noch offenen Fragen fixiert die haltende Umarmung das momenthaft Entstandene in einem Buch, das in seiner Zusammenstellung vielleicht eher Sammlung als Formung ist. Der performative, ereignishaft-kollektive Charakter der live writings wird wiederum durch das Buch zur Partitur für Lesungen. Die Seiten rufen nach einer Wiederbelebung der Entstehungsatmosphäre.

 

Annette Pehnt: Die Umarmung des Materials. lyrik live writing mit Zeichnungen von Harald Kimmig. Wunderhorn, Heidelberg 2025, br., 72. S., 16,– €.

Feuer!

Feuer!

Hin und her und her und hin – über Brigitte Struzyks neue Gedichtsammlung und ihre Erinnerungen an Elke Erb

Hin und her und her und hin – über Brigitte Struzyks neue Gedichtsammlung und ihre Erinnerungen an Elke Erb