Hin und her und her und hin – über Brigitte Struzyks neue Gedichtsammlung und ihre Erinnerungen an Elke Erb

Hin und her und her und hin – über Brigitte Struzyks neue Gedichtsammlung und ihre Erinnerungen an Elke Erb

In ihrer 2024 bei Urs Engeler als roughbook 065 erschienenen Gedichtsammlung Gegengewichtshebewerk reagiert Brigitte Struzyk auf verschiedene (politische) Unruhen, Veränderungen und Verschiebungen der letzten Jahre. Ihre Texte sprechen von Erdöl, Bomben und Flucht, vom Tod des Papstes, von Pestiziden, Abschiebung, Erbe und Ernte, vom Altschuldenberg und von der Naturnotwendigkeit, beständig Fragen und Antworten zu formulieren. Allerdings finden sich bei Struzyk keine abschließenden Antworten, keine Slogans, Regeln oder Gebote. Sie wählt stattdessen den Gang einer verwaltungsfernen Lebendigkeit („Poesie ist alles, was sich nicht verwalten lässt.“), die in einem Elke Erb gewidmeten Gedicht als Freiheit des Gehens, Denkens und Handelns, als Wachstum der Natur und als Liebe und Freundschaft beschrieben wird.

Diesen lebendigen Kreislauf drückt sie immer wieder in ihren Texten aus, die bewegt sind, hin und her gehen, sich drehen und wenden, bis sich (temporäre) Stabilität einstellt. Sie gehen, wie es der Titel des Bandes nahelegt, Akten des Ein- und Ausbalancierens nach und besingen zuweilen auch sich selbst, so wie es im Gedicht „Die Ode, sie braucht/ dich nicht,“ heißt:

 

Ohne dich wächst sie und blüht

Nach dem Licht dreht sie sich, gut,

Die Freude, etwas Wasser gib ihr, nicht

Zu viel, sie kommt auch ohne

Dich aus, Elysiums

Tochter.

 

Anstatt des von Schiller gewählten vierhebigen Trochäus schlängelt sich die Ode bei Struzyk in ihrem Wuchs nach unten.

Mal machen sich die Texte einen Reim aus den beobachteten Zuständen, mal beschränken sie sich auf ein scheinbar bloßes Abzählreimen: „Wehenkurven hin und her/ Auf und ab, kreuz und quer.“ So bewegt und beweglich verlangen Struzyks Texte ihrer Leserschaft (dennoch) etwas ab. Gerade weil die Texte ihrer eigenen Bewegung, ihrem eigenen Querfeldein, nachgehen, muss man sich ihnen manchmal selbst querstellen, bewusst aufhorchen und innehalten, um zu erkennen, was in all ihren unscheinbaren wie gelehrten Verdichtungen geschieht. Da bei Struzyk die Gelehrsamkeit hinter die Sache zurücktritt, wäre es verfehlt, ihr mit solcher auf die Schliche zu kommen. Stets kommen in den Texten poeta doctus und docta ignorantia zusammen: „Ich gehe oft hier lang/ und denk mir nichts dabei“, so das Understatement.

Man mag sich dabei fragen, wie die poetisch-ethische Haltung mit der vorsichtigen Zurückhaltung vor abschließender Positionierung einhergehen kann. Muss sich das Entschiedene in den wiederholten, kreisförmigen oder überkreuzten Bewegungen verlieren? Mir scheint, dass die Texte diese Problematik reflektieren, aber keineswegs selbst auflösen wollen. Selten nur steht ein lyrisches Ich im Zentrum; meist kommt es ganz beiläufig in die Texte hinein („Ich komm grad um die Ecke“), um erkennen zu geben, dass es beobachtet und beschrieben hat, dass es bewegt wurde.

 

Stand und sah

 

Das Espenlaub

 

Fing an zu zittern

Das blitzte taghell

 

Der ganze Wald verbrannt

Zu Asche auch

 

Das Espenlaub

Das zitterte

 

Wie ich

 

Ein erschütternd-erschüttertes Naturerlebnis, das – die Redensart der Zitterpappel aufgreifend und verkehrend – selbst in zittriger Form nachgebildet ist, kulminiert im Erzittern des lyrischen Ichs, das erst zuletzt genannt wird. Es ist die Natur, die Form und Rhythmus vorgibt und es lohnt auf diese Weise, Muster und Melodien zu erfahren.

Bisweilen interagieren diese Muster mit den menschgemachten, überlagern sie. So heißt es etwa im Kurzgedicht „Januarmorgen“:

 

Am Zebrastreifen

Hat es zwischen die Streifen geschneit

In Streifen

 

Struzyks Zebrastreifzug enthält in drei Zeilen, die nicht nur allesamt von Streifen sprechen, sondern selbst auch Streifen sind: ein Zusammen- und Entgegenwirken von Natur und menschlicher Ordnung. Der Text verbindet, was im Gegensatz steht und voneinander abweicht und nun zufällig, gewichtig wie unscheinbar, aufeinandertrifft. So kann die Anordnung des Schnees als eine Unordnung des menschengemachten Streifenmusters gedeutet werden, ebenso als Wiederholung oder Ergänzung, die nur für kurze Zeit erkennbar geworden ist.

 

Dass es sich bei den Texten zugleich oft um Zwiegespräche handelt, zeigen sie gelegentlich durch ihre Positionierung zueinander an (auf das Gedicht „Nun geh ich/ übern Schnee“ folgt unmittelbar das Gedicht „Winter ade,“) oder durch dialogisch angerufene Autorïnnennamen und Widmungen. Wiederholt genannt werden vor allem die russischen Lyrikerinnen Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa. Im Gedicht „Grundfragen“, das die Tätigkeit des Stickens befragt („Warum stickt man Kreuzstich?“), werden sie selbst kreuzweise angeordnet: „Achmatowa Zwetajewa/ Zwetajewa Achmatowa“. Auch sonst sind die russischen Klassiker („Im Regal gestrandet/ Anna Karenina, Die Nase, Der Idiot“) so präsent, dass man ihr Echo noch in der Natur vernehmen kann, wenn eine Elster „Достое́вский!“ (Dostojewski) ruft, der als einziger Autor in kyrillischer Schreibweise genannt wird. Von nicht geringerer Bedeutung sind auch die zahlreichen Widmungsgedichte für Weggefährten wie Fadhil al-Azzawi, Wulf Kirsten, Friederike Mayröcker, Ilse Aichinger oder Elke Erb.

 

Diese spürbaren und natürlichen „Botenstoffe“, die in Gegengewichtshebewerk erst durch einen Aufbruch der einst von Plinius d. Ä. Steinbrech benannten Pflanze frei, sichtbar und also poetisch werden („Von da nach hier/ Aus dem Steinbrech bei dir/ Wölben sich die Berge,/ Botenstoffe!“), begegnen uns in Struzyks unmittelbar folgendem Buch wieder, ihren Erinnerungen an die große Dichterin und enge Freundin Elke Erb, die 2025 im Engeler Verlag erschienen sind. Dort sind die Botenstoffe aufgebrochen und auf 120 Texte verteilt zu Boten Stoffen, wie das Buch betitelt ist.

Botenstoffe sind für Mensch und Pflanze essentiell und es lohnt, in diesem Zusammenhang sein Wissen über die Bedeutung von Hormonen, Pheromonen und Biosynthesen aufzufrischen, doch im Falle von Struzyks Erinnerungen an die am 22. Januar 2024 in Berlin verstorbene Dichterin und Übersetzerin Elke Erb – die erst 2020, also viel zu spät, mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde – stellt es sich vor allem so dar, dass es um die Boten zwischen ihnen geht, also die Stoffe und Botschaften ihrer fast 50 Jahre währenden Freundschaft. Eine wesensverwandte Freundschaft („Wir haben gleich unsere Stirnen aneinander gelehnt,/ zwei westfälische Dickschädel, und waren befreundet.“), die sich in das eigene Leben und Arbeiten eingeschrieben hat und daher in bemerkenswerter Weise die kurzen Texte bis zur „Abenddämmerung“ belebt. Letzterer versammelt die körperlichen Gebrechen der Freundin bis zur Demenzerkrankung, schonungslos, aber niemals um Botschaften verlegen, die vom Leben berichten. Auf beeindruckende Weise kommen so Zeitgeschichtliches wie Persönliches, das Sammeln von Kräutern und Pflanzen, das Sitzen in Küche, Verlag oder Krankenhaus, das gemeinsame Spazierengehen, Schwimmen oder Suchen nach passenden Worten mit der eigenen Biographie zusammen.

 

Wie ein kompliziertes Leben mit den eigenen Textbauten und Textgesprächen einhergeht, gibt bereits einer der ersten Erinnerungstexte wieder, der den Vorwurf, Erbs Texte seien hermetisch, nicht nur verwirft, sondern der herausstellt, dass es sich bei dem scheinbar Unverständlichen um Originäres sowie die besondere Gabe zur Vereinfachung handelte:

 

Wenn sie auch ein kompliziertes Leben führte, vor allem

wegen Eddy, hatte sie die Gabe zu vereinfachen, in jedem

Sinne, auch in ihren Texten. Dazu raunte die Mehrheit,

„na ja, aber unverständlich“. Die Mehrheit war halt zum

größten Teil merkwürdigerweise auf perfiden Fremd-

gesang eingestellt, der dann nachgeträllert wurde – aber

die eigene Stimme? Die war bei Elke eigen.

 

Doch im Verweis auf das Eigene bei Erb kommt auch Struzyks Eigenheit zur Geltung: Vor allem die der Bewegung „hin und her und her und hin“ spielen die Texte bis zum Schluss gegen Schwerfälligkeiten oder plumpe Sentimentalitäten aus. Der Fortgang des Lebens ist allem eingeschrieben: den Gedankengängen, dem Eintauchen in die idyllische Natur, dem Vertiefen in Stoffe, den bewohnten Orten, der Erwerbsarbeit oder der Familie. Gerade weil es hin und her geht, Orte und Tätigkeiten gewechselt, vertauscht und ausgetauscht werden, aber auch wiederkehrende Gänge, Betrachtungen und Erlebnisse geteilt werden, springen die Erinnerungen immer wieder – her und hin – zurück. Struzyk berichtet, wie sie ihrer Freundin den Wunsch erfüllte, noch einmal deren ehemalige Sommerresidenz in Wuischke in der Oberlausitz aufzusuchen, als ihr bereits alle davon abrieten, weil bei Erb die Krankheit, das Vergessen und die Frustration, dass nichts mehr funktionierte, weit fortgeschritten war. Dabei kommen in der Erinnerungsminiatur die Abenddämmerung des Lebens mit der täglich-alltäglichen Abenddämmerung zusammen, die aber die vertrauten Straßen und Wege so beleuchtet, dass sie abermals in den Erinnerungen aufleben können:

 

Wir kamen in der Abenddämmerung an, die Sonne zog

sich allmählich zurück und veranstaltete Lichtspiele auf

der Landschaft.

Während Elmar auslud, setzten wir beide uns auf die

Bank unterm Birnbaum, schauten auf das in der Abend-

sonne glänzende Land, die Straße nach Wuischke, wo

gerade ein Nachbar seinen Hund ausführte, auf den

Steinweg, zum linken Wald, auf das Dorf im Tal und die

Anhöhen dahinter, die durch eine Art Perlenschnur von

den Autos leuchtete.

Elke nahm meine Hand und freute sich. „Denk mal, da ist

deine Tochter Janni auch gefahren, mit dem roten Auto.“

Glast lag über allem. Im Haus musste sie sich bald hin-

legen.

 

Dem Fluch des Alterns begegnen die Texte ebenso ehrlich wie frei von ausschmückender oder überzeichnender Nabelschau. Sie berichten von Gebrechen, Schmerzenswochen, Flucht und Unbeweglichkeit, aber sie verweisen lieber auf das, was Elke Erb selbst schrieb, als dieses und jenes auszudeuten oder zu überschreiben: „Verzweiflung über den Fortschritt ihrer Gebrechen. Es/ gibt keine schöneren Gedichte über das Altern als Elkes Spiegelgedichte.“ Die Boten Stoffe wiederholen jedoch in einem ganz ähnlichen Sinne den Austausch mit dem Älterwerden und fangen dabei mitunter Elke Erbs Neigung zu Flüchen und Schimpfworten anekdotisch ein:

 

Sie öffnete die Augen, die lebhaft braunen hatten sich zu

hellblauen Sternennestern verwandelt. Damit schaute sie

mich an, und als ich fertig war, sagte sie laut und deutlich

„Idiot!“ Wen sie damit meinte, steht in den Sternen, aber

es war das letzte Wort für mich.

 

Bewegender noch als dieses letzte Wort, das sich selbst in die Unwissenheit mitnimmt, ist der Fund eines Briefversuches, dessen „Liebe Brigitte“ Struzyk gegengewichtig mit einem schlichten „Liebe Elke“ begegnet, einem Adieu, das das Ende in den Anfang verkehrt.

 

Brigitte Struzyk: Gegengewichtshebewerk. Gedichte, hrsg. von Christian Filips. Urs Engeler Verlag (roughbook 065), Berlin und Schupfart 2024, 72 S., 12,– €.

 

Brigitte Struzyk: Boten Stoffe. Erinnerungen an Elke Erb, Urs Engeler Verlag, Schupfart 2025, 126 S., 14,– €.

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