Ein Pakt aus Staub und Flaum. Nea Schmidts Sprechen in Flechten

Ein Pakt aus Staub und Flaum. Nea Schmidts Sprechen in Flechten

Der Titel von Nea Schmidts Lyrikdebüt Sprechen in Flechten (kookbooks, Berlin 2026) evoziert verzweigte, netzartige, fraktale Muster: blättrige, schuppige, krustige, aber auch filamentartige Strukturen. Zugleich verweist er auf die Technik des Flechtens, auf das Kreuzen und Verknoten von Strängen. Das abstrakte Coverdesign lässt an synaptische Verbindungen (und deren Auflösung) denken.

Flechten im biologischen Sinn wachsen auf Untergründen wie Baumrinden, Steinen, Mauern, Dächern oder sogar auf Eis. Sie existieren als Symbiosen verschiedener Organismen – von Pilz und Alge oder Cyanobakterium. Das Gefüge ist für sie konstitutiv. Zugleich gelten Flechten als außerordentlich widerstandsfähige Lebensformen, die Trockenheit, Frost und intensive UV-Strahlung überstehen. So wird die Flechte zum Bezugspunkt eines Sprechens, das an Kritiken des Anthropozäns anschließt und klare Artgrenzen destabilisiert. „We are all lichens“, zitiert Donna Haraway den Biologen Scott Gilbert in Staying with the Trouble.

In der Logik der Flechte überzieht Nea Schmidts Sprache das Substrat der Seiten mit einer Schicht aus „Sporen“, „Puder Pastell“, „Myzel“, „Schuppen“, „Staub“, „Pulver“, „Talg“, „salzverkrustete[m] Flaum“, „Zimt“, „Mehl“ aber auch mit „Tipp-Ex“. Daraus entsteht eine pastose Sprache – wie man in Anlehnung an die pastose Malerei sagen kann, bei der Farbe in dicken, strukturierten Schichten aufgetragen und gelegentlich Materialien wie Sand, Glasstaub oder Erde eingearbeitet werden: „Bilder bauschen sich angenehm auf“, „Staub und Flaum schließen einen Pakt aus einem Wort, dessen Form aus Knete besteht“.

Zuweilen scheint man einer liquiden Typographie zu begegnen, etwa einer glänzenden Sprache aus Quecksilber, die in amorphe, vergossene Formen übergeht und ihr Ringen um Form und Kontur zum Thema macht: „Ringe um Ränder. Der Quecksilberschmuck um meinen Hals löscht Muscheln.“ Wenn es heißt:

 

Was ist der Mensch?

Im Schwarzlicht leuchtet ein Fleck

In der Garderobe (casual chic) der Natur

 

verbinden sich ironische Brechung und das Spiel aus Farben und Texturen zu einer fluoreszierenden Fleckmalerei, einem poetischen Informel – „Jeder Tag beginnt als Fleck“. Dass Form immer wieder neu errungen werden muss, zeigt sich auch in der Vielgestaltigkeit der poetischen Verfahren des Bandes, nicht zuletzt in einer typographisch variablen Anlage, die die fluiden Bilder je unterschiedlich setzt. Der Abschnittstitel „Laufmasche“ benennt dabei ein formales Prinzip, das im Band wiederholt grafisch realisiert wird: Punkte und Leerstellen reißen Textbereiche auf und lassen das Gedicht als beschädigtes Gewebe erscheinen.

Den Strängen dieses Sprachgeflechts lässt sich in viele Richtungen und auf verschiedene Weisen folgen. Dort, wo die Texte in zwei Spalten nebeneinanderstehen, scheint eine lineare Lektüre nur eine Möglichkeit unter mehreren zu sein. In einzelnen Gedichten öffnet sich die Seite als mehrstimmiger Raum simultanen Geflüsters.

Einer dieser Stränge entwirft eine poetische Kosmogonie, die ihren Ausgang im Chaos als einem „Gemisch aus Wasser und Farbe oder aus Erde und Blau oder aus Himmel und Stein“ nimmt: in einem „süßlichen Brei“, einer pâte des choses, einem „Teig der Dinge“, um ein Wort von Jean-Paul Sartre aufzugreifen. Wo aber Sartres Hauptfigur in Der Ekel der Welt das ‚Nein‘ erteilt, da findet sich bei Nea Schmidt ein verflochtenes „jein“ – so der Titel eines Abschnitts im Band. Der „Teig der Dinge“ erscheint in diesen Gedichten als gärender, fermentierender Sauerteig, der in eine schillernde Palette materieller Eigenschaften übergeht und Sequenzen hervorbringt wie:

 

Da wo der Kristall zerschellt ist glitzert es da wo sich Fische und Vögel vermischen kreischen die Wellen da gurrt die Gischt weicht die Grenze auf wie weiches Brot spült ihre mehligen Reste dahin wo die Welt noch Fungus und Amphibie ist

 

In einer materiellen Extase weichen die Grenzen zwischen Lebewesen und Dingen auf; die Ränder verschwimmen. Das lyrische Ich wird dabei zuweilen konturlos – „rumore randlos durch die Flur“ –, verklebt mit der materiellen Welt: „Jeder Schritt leimt mich an diese Erde.“ Es verliert seine Schale, seine feste Umgrenzung: „Ich liege/ wie ein Haufen Schaum. Wie ein aufgeschlagenes Ei.“ So werden Zustände umschrieben, die man mit Sartres Begriff des engluement fassen kann: ein ‚Eingeleimtsein‘ in die stoffliche Welt. Das poetische Subjekt erscheint entsprechend als Liste aus Materialzuständen und als chemische Formel:

 

- bin rissiger Lehm

- bin Wolle

- bin Pulver

- bin chromophil

- bin Molekül

 

Nea Schmidt verfolgt das sinnliche Inventar des poetischen Subjekts, das hier ein rissiges, ausgefranstes, zerstäubtes, „gesplisste[s] Ich“ ist („mein Ich/ hat Spliss“), bis hin zu einem quasi monadischen Bonbon-Kern, der sich rationaler Vermessung entzieht:

 

Natürlich habe ich auch einen Kern. Er wiegt

2 Zentimeter. Sieht aus wie ein Bonbon.

War mir aus Versehen in den Hals gerutscht.

 

Doch: Wie ein abgefallener Knopf erscheint dieser Kern, während der „andere Knopf (der sich im Samt versteckt nach dem man sich die Finger/ leckt […])“ nur dessen Schatten zu sein scheint und die gärende Angst, die den Band durchzieht, allenfalls „lose bedeckt“.

Um den verschwundenen Kern, der ein Sprechen mit „entkerntem Hals“ nach sich zieht, legt sich eine knisternde und heisere „Stimme wie Zellophan“, die der verborgenen Melasse des Bonbons gegenübersteht als Teil einer raschelnden, gesplissten Welt, in deren Schaum man verloren gehen kann.

 

Vielleicht habe ich mich nach Ihrem Knistern umgedreht oder weil mich jemand/ beim Namen meines fehlenden Knopfes rief.

 

Hier geht es (auch) um das poetische Zentrum einer zerfaserten Existenz. Haut, Schale, Membran und Wand bilden im Band einen eigenen semantischen Strang. „Behäutete Milch“, „Haut der Milch“, „gespaltene Haut“, „Knusper die Schale. Chrmchrmchrm […]. Knack“: Immer wieder entstehen Grenzen, die zugleich durchlässig, beschädigt oder im Begriff sind, sich aufzulösen: „deine menschlichen Wände sind verräterisch dünn. Durchlässig deine Volière“.

Der Vermischung und Durchdringung entspricht auch das alimentäre Bildfeld: von Teig und Gewürzen über „Erdbeereis/ & Blumensaft“, Szenen „unter pochiertem Mond/ im Essiglicht“, transparente Zustände von Aspik, Gelee und Götterspeise bis hin zu einer Nacht, die „glatt wie öliger Fisch“ ist, und einem „schokolierte[n] Geheimnis“. Dieses Kulinarische verbindet sich unmittelbar mit Stimme und Sprechen: „ich rede Kirschen mit fremdem Mund“ und:

 

Der Juli ist ablesbar (mit den Lippen)

Anhand der Reihung von Himbeeren

An Weizenhalmen […]

 

Doch auch von „cremigen“, „geronnenen“ und „staubigen“ Stimmen ist die Rede, „Klettverschluss-/stimmen“. Mitunter nimmt diese ‚Körnung der Stimme‘ etwas Erstickendes, kaum Schluckbares an – etwa dort, wo es im Zusammenhang mit Trauer heißt „Ich spreche. Ein Löffel Zimt“. Dabei mag man an die Cinnamon Challenge der 2010er Jahre denken, bei der versucht wurde, vor laufender Kamera einen Löffel gemahlenen Zimt ohne Wasser herunterzuschlucken: ein beinahe unmögliches Unterfangen, das heftige Hustenanfälle auslöst, sobald die feinen Partikel in die Luftröhre gelangen.

So greift Nea Schmidt auch an anderer Stelle Elemente der Meme-Kultur auf, wenn Gott im Jargon der Looksmaxxer, jener school of thought, die sozialen Erfolg nahezu ausschließlich auf physische Attraktivität zurückführen, als „Chad“ mit der ultimativen Jawline erscheint.

An das Shrimp-Jesus-Meme, einen Inbegriff von AI-Slop, fühlt man sich erinnert, wenn das lyrische Ich von sich sagt: „In großer Content Not schwimme ich shrimp im wolkigen Olymp.“ Doch „Content Not“ herrscht hier keineswegs: Im ausgreifenden, sinnlich nuancierten Geflecht dieses Bandes entfaltet sich eine gärende organisch-digitale Bildwelt, in der Pflanzen, Früchte, Tiere, Sprache und Körperfragmente verschmelzen.    

Nea Schmidt: Sprechen in Flechten. Gedichte. kookbooks, Berlin 2026, 96 S., 24,– €.

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