Durch den Kollateralschädel hallen Mahnungen und Eingeständnisse

Durch den Kollateralschädel hallen Mahnungen und Eingeständnisse

„Mit politischen Texten“ aufzuwarten, wie der Klappentext den Autor ankündigt, erzeugt eine besondere Fallhöhe. Der politische Anspruch droht die Gedichte in Benjamin Baummanns Kollateralschädel in ihrer Knappheit, die kaum Raum für Differenzierungen bietet, auf die Rhythmik des Mahnfingers zu reduzieren. Angesichts dessen ist die den von Sam Zamrik für die Lyrikempfehlungen 2025 ausgewählten Band einleitende Relativierung angemessen: „Indem ich schreibe/ spreche ich nicht mit den Worten der Opfer/ Indem ich euch etwas sage/ rede ich mit den falschen“.

Dennoch beansprucht Baummann, die saturierte Gesellschaft Deutschlands auf die Opfer der Vergangenheit wie der Gegenwart hinzuweisen. In schnörkelloser Sprache, die dem Arbeitermilieu und dem Poetry Slam verpflichtet ist, prangert er Gleichgültigkeit angesichts einer ungerechten Geburtslotterie oder geheuchelte Anteilnahme bei Kriegen und Katastrophen an. Dabei ist die Machtlosigkeit von Gedichten gegen eine Welt roher Gewalt längst sprichwörtlich, auch wenn Baumann mit der letzten Zeile des Bands die verzweifelte Hoffnung auf die Magie von Poesie aufrechthält: „Nach dieser Zeile hört der Krieg auf“. Der Alltag allerdings hat selbst solche Ambitionen längst auf einfache Verrichtungen reduziert: „ich setze Kaffee auf/ ich schreibe ein Gedicht“.

Wer Gewalt herbeizitiert, muss sich um eine angemessene Haltung bemühen, indem er beispielsweise sein Ringen mit der eigenen Eitelkeit offenlegt: „Hey, ein Autor!/ ruft die Teenagerin mit Sonnengesicht/ zu mir über die Straße hin// (Sie ruft aber in Wahrheit ihrem Freund zu:/ Hey, ein Auto!“ Das anhaltende Ringen zeigt sich jedoch nicht nur in einer charmanten Selbstentlarvung, sondern auch in Ungenauigkeiten: „Wo Menschen kaum etwas besitzen/ fühle ich mich zu Hause.“ Die vermeintliche Tatsachenbeschreibung kaschiert entweder den Wunsch, sich in der Armut zu Hause fühlen zu wollen, oder kommt in eben dieser saturierten Gesellschaft Deutschlands einer Geschmacklosigkeit gefährlich nahe.

Am Ende offenbart sich die Fallhöhe in ihrer ganzen Tiefe. Wenn der Rekurs auf die Gräuel des Dritten Reichs nicht über die bloße Erwähnung hinausreicht, bleiben mahnende Aufzählungen schlicht in der deutschen Befindlichkeit gefangen, statt zu einer Haltung zu verhelfen, die ein Leben ohne die Verdrängung einer bedeutungsschweren Geschichte ermöglichte. Hinter dem Mitgefühl mit den Opfern lauert das Selbstmitleid angesichts der Tatsache, auch zu den ominösen „meisten hier“ zu gehören, deren Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten vom Kolonialismus über den Raubbau an der Umwelt bis zum Holocaust viel Leid über die Welt gebracht hat und nach wie vor materiell davon profitiert. Führt „ein Gedicht zu später Stunde“, so der Untertitel, nicht über eine Ansammlung von Mahnungen und Eingeständnissen hinaus, sind die Eingeständnisse – „ich wollte doch bloß meine Eitelkeit verlieren“ – und die Lakonie des Alltagsgedichts im Zweifelsfall nicht nur angemessener, sondern wahrscheinlich auch politischer.

 

Benjamin Baumann: Kollateralschädel. Ein Gedicht zu später Stunde. Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2024. 122 S., br., 16,95 €.

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