Die Liebe im Klangsinn des Rätoromanischen
Die Schweiz ist bekanntlich mehrsprachig. Die Schweizer hingegen sind es in der Regel nicht. Daher ist die Verständigung zwischen den Landsleuten eine ständige Aufgabe und das Übersetzen eine Kulturtechnik von staatstragender Bedeutung. Welches Maß von Liebe und von zugehörigen nötigen Mitteln zuweilen in die Übertragung und Vermittlung von Schweizer Kulturgütern gesteckt wird, das lässt sich exemplarisch an der Lyrikanthologie Amur. Poesias 1648–2025 (Chasa Editura Rumantscha, Cuira 2025) zeigen. Eine große Auswahl aus rätoromanischen Gedichten – längs durch die Zeiten und quer durch die verschiedenen Idiome der Sprache – wird darin zusammen mit Übersetzungen in die anderen Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch publiziert.
Ein Mangel und zugleich Reiz ist dabei, dass die Anthologie in keine der „Zielsprachen” vollständig übersetzt wurde. Komplett sind nur die rätoromanischen Originaltexte, die mehrheitlich in deutscher und punktuell in französischer oder italienischer Übersetzung im Band mitgeliefert werden. Der Anhang mit biografischen und bibliografischen Notizen sowie die Nachworte der Herausgeberinnen, auch die Zwischentitel: All das ist nur auf Rätoromanisch abgedruckt. Beginnt man nun vorne bei „Delizia e paina”, oder springt man gleich zu „Erotica e sensualitad„…? Der Band Amur mutet seinem Lesepublikum ein Mindestmaß an Mehrsprachigkeit zu. Und er ermuntert die anderen Leserïnnen, sich den „fremden” Sprachen zuzuwenden. Das ist ein Glück und eine Tugend dieses Buchs, zumal mit Blick auf jene Literaturgattung, in der das materielle Sosein des sprachlichen Ausdrucks eine besonders wichtige Rolle spielt.
Mit Amur, der Liebe, haben sich die Herausgeberinnen, die beiden Romanistinnen und Literaturvermittlerinnen Annetta Ganzoni und Bettina Vital, gewiss eines der ergiebigeren Themen vorgenommen. Dennoch sind die rund 75 Autorïnnen eine beachtliche Ausbeute für die winzige Sprachgemeinschaft von ein paar Promille der Schweizer Bevölkerung. Dass das Thema dabei nicht allzu eng gefasst wird, zeigt bereits das einleitende Gedicht von Clementina Gilly aus dem Jahr 1921. Hier verteidigt sich der Föhn, nachdem ihm sein Pfeifen, Tosen und Beben vorgeworfen wurde. Sein Stürmen sei ein „Kampf für das Gute”, wie es in der Übersetzung eines Kollektivs von 2020 heißt, das die Welt aufweckt, die Natur auftaut, das Harte überwindet, argumentiert er und schließt überraschend mit dem Satz, „die Liebe siegt!”
Wer das Auftaktgedicht, in dem die Liebe als metaphysische Triumphgestalt aus wildromantischer Hochgebirgskulisse emergiert, als programmatisch für den Band liest, dürfte in der Folge zumindest streckenweise enttäuscht sein. Die Liebe fristet in vielen der älteren Texte ein konventionalisiertes und korsettiertes Dasein. Das beginnt bei Clau Thunet Volps Trauergedicht von 1648 (das die irreführende Zeitspanne im Untertitel des Bandes ermöglicht, dessen übriges Material aus der Zeit seit etwa 1900 stammt) und führt weiter über brave Hochzeitslieder, bei denen einem das Jauchzen im Hals steckenbleibt.
So etwa in Maria Luisa Decurtins-Cavigellis Gedicht auf ein »Wertes Brautpaar« von 1950, in dem sich in der deutschen Selbstübertragung der Autorin das Liebesglück im Schlusswort unfreiwillig sarkastisch auf seine Kehrseite reimt: „Wünsche Segen viel und Glück;/ denn nun gibt es kein Zurück!” Dies und eine Reihe von biederen Moralnarrativen über hochmütige oder übellaunige Jungfern („Dich soll ich nehmen böses Mädchen?/ O nein, mein Kind, bin nicht so dumm!”) sind eher von sozialgeschichtlichem als literarischem Interesse.
Doch gibt es glücklicherweise auch viel literarisch Überzeugendes in dieser Anthologie. Hervorzuheben wäre etwa Andri Peers „Erfüllung” (1958), das die amatorische Vereinigung des Paars aus weiblicher Sicht mit einer Reihe von Metaphern skizziert, die zugleich handfest und eigentümlich zart sind: „Meine Arme Zedernruder/ am Boot unsrer Freude…„ (Übers. Urs Oberlin). Oder Louisa Famos’ kurzes Gedicht „Not d’amur” von 1974, das nicht etwa die Liebesnot, sondern die Liebesnacht behandelt und dabei die Himmelsseligkeit und gleichzeitige Flüchtigkeit des erotischen Ereignisses in nicht zu übertreffender Prägnanz einfängt:
Not d’amur Liebesnacht (Übers. Luzius Keller)
Tuottas stailas Alle Sterne
dal firmamaint des Firmaments
sun crodadas sind wie Herbstblätter
sco föglias d’utuon in meine Arme
in mia bratscha gefallen
Vent dal cler di Wind vom hellen Tag
ingio tillas hast wohin hast du sie
scurrantadas? verweht?
Auch unter einer strengeren Auswahl der stärksten Gedichte aus früheren Zeiten müsste sich die jüngste Generation der rätoromanischen Lyrik nicht verstecken. Eine ganze Reihe von poetischen Stimmen, die in den letzten Jahren debütiert haben, sind hier mit bemerkenswerten Gedichten vertreten, allen voran Flurina Badel, Jessica Zuan und Gianna Olinda Cadonau. „alba/ e bler plü fina co mia/ es tia pel/ cun be üna natta”, so beginnt Cadonaus Gedicht „consort”, das in einer wunderbaren Schwebe bleibt zwischen zarter Erotik und der Andeutung von Verletzungen, die in die Leiber und wohl auch in die Seelen der Liebenden eingeschrieben sind: „weiss/ und viel feiner als meine ist deine Haut/ mit nur einer Narbe” (Deutsche Fassung der Autorin).
Bei allen Unterschieden verbindet die Texte dieser jungen Dichterinnen die sorgfältige und hellhörige Arbeit an einer Sprache, die von klingender Mündlichkeit und leiblicher Lebenswelt gesättigt ist. Nicht nur darin führen sie Charakteristiken der rätoromanischen Lyriktradition in eine avancierte Gegenwartslyrik fort, sondern auch in der Tendenz zur Kürze. Denn das bündnerromanische Gedicht drückt sich typischerweise bündig aus, sowohl was die Zeilenzahl, als auch was die Zeilenlänge angeht. Zwei- und dreihebige Zeilen sind das Normale, einhebige keine Seltenheit. Beim Vierheber scheint in Graubünden die Geschwätzigkeit anzufangen. Ob dies der Kurzatmigkeit in der dünnen Alpenluft oder der Schroffheit eines abgeschiedener Berglervolks geschuldet ist?
Solche ethnogeografischen Klischees sind natürlich Unsinn. Die Knappheit und Dichte des Ausdrucks lädt überdies ein zu einer langsamen Lesung, in der sich die Musikalität und eine stimmige Metrik entfalten und so die für das Auge kurzen Zeilen im Ohr ausdehnen. Tista Murks Gedicht „Berna la not” von 1945 etwa ist ein wunderbares Beispiel für die Reduktion auf ein raffiniertes Destillat von Klang. Die erste Strophe lautet:
Berna dorma
s-chürantada,
gnanc’ün’orma
plü per strada;
be sulet
eu at spet.
Es ist kaum ein Zufall, dass dieses Gedicht nur in einer französischen Übersetzung in den Band aufgenommen wurde. „Berne sombre/ dans la nuit drue,/ plus une ombre/ par les rues;/ seul passant/ je t’attends”, heißt es in der Übersetzung von Gabriel Mützenburg. Während das Französische und Italienische eine dem Rätoromanischen ähnliche Prosodie besitzen, würden die Konsonantensalven des Deutschen das nächtliche, neblige Bern zu greller Unkenntlichkeit ausleuchten.
Die Übertragungen ins Deutsche, welche die umtriebige Literaturvermittlerin und Übersetzerin Ruth Gantert für jene Texte von Amur besorgt hat, die nicht schon in Übersetzungen vorlagen, sind verlässliche Lesehilfen und Wegweiser zu den Schönheiten des Originals. Der Versuch, die reichhaltige Klanglichkeit der romanischen Originale in allzu penibler Weise nachzukonstruieren, ist allerdings gerade im Deutschen absturzgefährdet und führt zuweilen zum Eindruck der Holprigkeit. So etwa in den vierhebigen Couplets von Chasper Pos „Wilder Rose”, wo es heisst, „ich wollte ihren Stiel grad brechen,/ da tat ein scharfer Dorn mich stechen” („mo cur cha quella clejer laiva/ ajüzza spina am sgrafflaiva”).
Die deutschen Übertragungen überzeugen dagegen vor allem dort, wo sie weniger streng im Nachbau der Formen sind und nach freieren Lösungen suchen, die der Zielsprache und ihren klanglichen Möglichkeiten besser entsprechen. So beispielsweise in Leontina Lergier-Caviezels „Suffel” („Sturmwind”), für den Gantert ganz eigene jedoch durchaus angemessene Klangwirkungen und Rhythmen schafft, wie bereits in der Einstiegsstrophe zu hören ist:
ti du
sfraccas en la finiastra zerbrichst das fenster
scumbeglias mes cavels zerzaust mein haar
scarpas naven mia vestgadira zerfetzt mir die kleider
greschas zeterst
scadeinas polterst
selamentas klagst
e lu – tschessas und – stehst still
Solche Freiheiten müssen sich die Übersetzenden beherzt zu nehmen erlauben. Und so ist es wohl kein Zufall, dass eine Reihe von besonders interessanten Übersetzungen aus der Hand der Dichterïnnen selbst stammt. Die Selbstübersetzung ist denn auch eine Eigenart der bündnerromanischen Lyrik, geschuldet der Kleinheit der Sprache und dem Umstand, dass die Rätoromanischsprecherïnnen, im Gegensatz zu denen der Restschweiz, fast ausnahmslos perfekt mehrsprachig sind.
So schreibt etwa Jachen Andry seine Poesie doppelt und lässt sich vom Klangsinn der jeweiligen Sprache leiten. Die Versstruktur hält er in beiden Fassungen analog, anders als Leta Semadeni, die den Zeilenfall in den beiden Sprachen unterschiedlich löst: „Survart/ ün grond tschêl fraid/ con sulai” – „Darüber/ ein grosser/ kühler/ Himmel/ mit Sonne”. Hier, in der Bündner Dichtung, gibt es sie also, die echte Mehrsprachigkeit. Sie ausgiebig nachlesen und nachhören zu können, ist ein Hauptvergnügen bei der Lektüre des Bandes Amur, der seinerseits als lyrisches, herausgeberisches und übersetzerisches Kollektivwerk eine verdienstvolle und anregende Vermittlungsleistung erbringt.
Die rätoromanische Lyrik
Als Rätoromanisch wird in der Schweiz die Gruppe der bündnerromanischen Sprachvarietäten bezeichnet. Innerhalb des Rätoromanischen gibt es fünf verschiedene Idiome, also Dialekte mit eigener Schriftsprache: Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Putér und Vallader. Die rätoromanischen Schriftsprachen wurden im 16. Jahrhundert entwickelt und zunächst vor allem für Kirchen- und Verwaltungstexte verwendet. Eine rätoromanische Literatur entstand erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zug der Herausbildung eines Bewusstseins für die eigene Tradition, Kultur und Sprache. Es wurden Sagen, Märchen und andere volkstümliche Stoffe festgehalten. Neben Balladen und Epen entstanden insbesondere Natur- und Heimatlyrik.
Ab 1900 ließ diese sogenannte »rätoromanische Renaissance« die Zahl der literarischen Publikationen anwachsen. Viele Autorïnnen wandten sich der Lyrik zu, beispielsweise Peider Lansel, der aus dem Unterengadin stammende Dichter, Anthologe und Fürsprecher einer rätoromanischen Literatursprache. Erst in der Nachkriegszeit öffnete sich die rätoromanische Literatur den Einflüssen der modernen internationalen Literatur. Lyrikerïnnen wie Andri Peer, Luisa Famos oder Hendri Spescha orientierten sich an Verfahren und Themen der zeitgenössischen Strömungen. In der Gegenwart floriert ein reichhaltiges rätoromanisches Lyrikschaffen. Einige der meist zweisprachigen Autorïnnen schreiben auch auf Deutsch, der Bündner Mehrheitssprache, und übersetzen sich selbst. Manche verstehen sich als mehrsprachige Autorïnnen, die parallel in eigenständigen rätoromanischen und deutschen Varianten schreiben.

