Regnet es schon „wölfe im metaphernpelz“?
Verdichtete Beziehungen als Suchbewegung
Wer hat Zugang zur Gegenwart, wenn nicht die Lyrik. Die Frage klärt sich schnell, wenn man Positionen liest, die sich die Mühe machen aus Polykrisen eine Poetik zu weben. Positionen, die für Klimawandel und Umbrüche (und vielleicht erstmal, ohne etwas zu benennen) eine Sprache zu finden versuchen. Weder Anklage noch Analyse, sondern Suche: Was passiert hier eigentlich gerade? Mitten in diese Krise hinein schreibt auch Samuel Kramer mit seinem Lyrikdebüt endlich regen. In endlich regen wird die Gegenwart zum Sprachmaterial und damit meine ich nicht die Gegenwartskultur oder Technologie oder eine andere Schicht der Sprache, sondern alles gleichzeitig.
Meine Zugangsberechtigung gilt hier nichts mehr.
Eine exotherme Reaktion. Auf den Straßen,
in den Kopfzeilen. Es gibt hier nichts zu sehen.
heißt es gleich zu Anfang, doch gibt es hier wirklich nichts zu sehen? Der Band macht eine niemals enden wollende Suchbewegung, tastet sich vor, mal dichter, mal weiter, mal präzise. Dabei ist es die Bewegung selbst, die den Band voran treibt. Gedichte haben hier meist keine Titel, sie haben keine Verortung, sind Teil des Gesamtgeflechts. Gegenstände verschieben sich, doch die Technik, mit der sie verschoben werden, mit denen Alltagssprache und Floskeln und Beobachtung und poetische Versuchsanordnungen einander abwechseln, bringt Kohärenz. Nicht ein was, sondern ein wie, gestaltet endlich regen.
Ich ist ein Trugbild des Marktes. Spricht Körper-Teil-
Sprache: pars pro toto. Mit Rosmarinkrone.
Und so muss auch das lyrische Ich ein Trugbild des Marktes sein, oder? Dennoch wird es hier aktiv. Schon das erste Gedicht beginnt mitten im Satz: „erneut. Verstreut liegen gebleichte Blätter, bionische Faltpläne.“ Wer hier einen Anfang sucht, ein vor dem erneut, sucht vergeblich. So tasten sich die ersten Gedichte vor, sind sich selbst nicht sicher, was sie da sehen, sind es gemahlene Schmerztabletten oder virtueller Schnee, was da liegt. Rhythmus triumphiert gerne über Sinnhaftigkeit: „Die Vermutung tropft, dass / Blöße nichts beweist.“ Verben (tropfen, beweisen), deren Handlung nicht ganz zu den Nomen zu passen scheint, die sie beschreiben, aber dennoch passiert etwas. Auch das Theoretisieren scheint nur mäßig sinnvoll, denn
Deine Theorie
operiert mit einem anthropozentrischen, androzentrischen,
biozentrischen, eurozentrischen Subjektbegriff.
An diesen Stellen zeigen die Gedichte ihre kritische Haltung, die schon viel, fast schon zu viel gesehen hat. Das ganze Theorienbilden scheint vorbei, es sind also keine Theoriegebäude, die hier aufgebaut werden, aber was dann? Wird mit der Gegenwart abgerechnet?
Das „Ich“ der Gedichte ist keineswegs abgeschmackt oder enttäuscht, es hat Lust auf das Leben und scheut sich nicht vor der Begegnung mit einem „Du“. Doch es stottert: Überschlägt sich selbst beim Denken und zeigt uns den Überschlag, während die ganzen offenen Tabs geschlossen werden sollen:
Schließ alle Tabs, ein Tag voll entschlüsselter Zuckungen
sucht nach dir.
An manchen Stellen wird es konkret, hält einen Gedanken durch, der sich komplett formt:
Wir sind also noch einmal hingegangen. In dieselbe Ausstellung
wie gestern. Wie kann das sein, dass jetzt nicht gestern ist?
Noch spüre ich sie hinter mir, dasselbe Bild betrachtend.
Aber das sind kleine Inseln von scheinbarer Logik, die nur dazu dienen, uns durchatmen zu lassen, bevor es weitergeht mit der geloopten Befragung von Sprache:
Hiermit beantrage ich den Anschein der Ewigkeit
gemäß Richtlinie 1, Absatz 2,
für das Glitzern der Sonne auf dem frisch zambonierten Eis,
einschließlich der verbundenen Eindrücke und Bewegungen, [...]
Ewigkeit und Mythos, Pathos und Hoffnung schimmern oft als ironische Brechungen durch, nie ganz aufgebrochen. Das Ironische daran scheint zu sein, dass wir beim Lesen nie ganz wissen können, ob es ernst ist, obwohl die Notwendigkeit von Transzendenz oder einer Ewigkeit oder irgendeines Systems von Werten, Hoffnungen und Glaubenssätzen, gegeben scheint. Irgendwas muss doch Klarheit bringen. Aber selbst die Gewalt ist in „endlich regen“ oft nur noch als ein Echo vorhanden: „zeichnet wölfe im metaphernpelz die mit ihren kreidezähnen signifikanten zerreißen“.
Angst vor Klimakitsch
Der Band wechselt zwischen den suchenden Gedichten, die sich lesen wie Einzelbausteine einer größeren Bewegung und anderen Texten, die sich mehr anfühlen wie schnelle Notizen. Abgehoben ist die zweite Textform in eigenen Kapiteln und durch eine andere Schrift, und formal sind diese Texte wie kleine Blöcke aufgebaut. Sie haben Untertitel, die von Orten sprechen („SEA LIFE OBERHAUSEN“, „GROSSRAUM“, „ROBERT JOHNSON“), Natur („FROSCH“) oder gemorphte Mythen („CASINO YGGDRASIL“) aufrufen. Einen Kontrast zwischen verschiedenen Textformen in einem Band aufzumachen, ist eine gelungene Idee. In diesen Textblöcken geht es viel dichter und schneller zu, die Sprache bricht auf:
der bankangestellte wirt rot schreit klimakitsch
noch simulation ist die nachbildung verschiedener
realitäten inneren wie äußeren inner
Der Tempowechsel zwischen beiden Formen braucht einen Moment, bis er sitzt. Nicht immer können die Textblöcke mit den anderen Kapiteln mithalten. Sie wirken mitunter zu schnell, ein paar interne Sprachspiele und ein schneller Wechsel von Verweisen, bei denen manche Referenz vorbeirauscht. Was in den längeren Gedichten als assoziativer Sprung durchgeht, wird hier zum abrupten Cut. Das Staccato der Bewegung untergräbt, was vorher einen Raum aufgemacht hat. Die Textblöcke sind dicht (verstärkt durch Blocksatz und Schrift), mit scheinbaren Tippfehlern und Sprachmischungen, und hin und wieder finden sich verbaute Referenzen, wie hier im Gedicht mit dem Untertitel „FROSCH“, „find mich gegen der regentonne ran tstoßen in trinkender haut listen mizu no oto“, die wahrscheinlich berühmteste Stelle aus einem Haiku von Basho zitiert:
古池や (furu ike ya) / ein alter Teich
蛙飛び込む (kawazu tobikomu) / ein Frosch springt hinein
水の音 (mizu no oto) / Geräusch des Wassers
Ist Basho zitieren Klimakitsch? Die Frage lassen wir kurz offen und gehen weiter.
Danksagung verweist auf das Netzwerk
Soll man in die Danksagung schauen, wenn man eine Rezension schreibt? Wahrscheinlich nicht, aber wer Samuel Kramers Position verstehen will, der tut gut daran, diese Position in einen Kontext zu stellen. Auch Anja Utler und Rike Scheffler, die in der Danksagung auftauchen, schreiben spekulativ und kritisch über die Gegenwart, machen sich zum Projekt, sich nicht mit dem zufriedenzustellen, was gerade um uns tobt. Andere Namen, auf die Kramer verweist – und das soll keine Nachforschung von lyrischen Freund- oder Bekanntschaften sein – haben ebenfalls ein Interesse an einer Lyrik, die die Beziehung zwischen Menschen, Ökologie und Poetologien befragt. Wenn wir Kramer lesen, dann lesen wir zugleich ein immer weiter wucherndes Geflecht aus deutscher Gegenwartslyrik, die sich die Frage stellt, wie das Leben auf diesem Planeten, in dieser Gegenwart, weitergehen, fortbestehen und lyrisch gedacht, dokumentiert werden kann.
Kramers Zugang dazu ist nicht der systematisch ausgebaute von Rike Scheffler oder das spekulative und gleichzeitig verkörperte von Anja Utler. Kramer nimmt sich die Sprache als Material vor und erlaubt sich, sich hindurchzubewegen. Die Bewegung selbst ist der Prozess. Wenn wir die Texte lesen, dann nicht, weil sie ein Argument verfolgen, sondern weil sie non-lineares poetisches Erzählen verproben. Sie haben eine Agenda, sie wollen sich mitteilen, aber sie tun das nicht in Konkretion, sondern in verstreuten und assoziativen Ketten aus Bildern.
Ist Basho Zitieren also Klimakitsch?
Ein wenig, denn Basho selbst ist Kitsch geworden, eine Idee von Weltliteratur, aber es ist nicht das was, sondern das wie, das Kramers Ansatz interessant macht. Es sind nicht die Themen, die er streift, nicht die Sprache-als-Material-Sedimente, nicht der geschickte Umgang mit verschiedenen Registern – sondern vielmehr der vielfältige Bezug, der sich in diesen semantischen Flächen ergibt. Eine Lyrik, die alles miteinander in myzelische Verbindungen bringt. Alles lässt sich so durcheinander lesen und macht aus dem, was uns in der Gegenwart durcheinanderbringt, durch Assoziation und Gegenüberstellung eine Ordnung ohne Hierarchien. Doch wenn wir uns was von diesem Kitsch zutrauen, nicht vor ihm zurückschrecken, sondern ihn befragen, dann gibt es endlich regen.
Samuel Kramer: endlich regen. Verlag Urs Engeler, Schupfart 2025. 86 S., br., CHF 16,–/12,– €.

