An der Grenze erklingt der Raum

An der Grenze erklingt der Raum

Das menschliche Leben findet statt zwischen harten Grenzen, dem Moment der Zeugung, vor dem eine Person noch nicht existiert, und dem Tod. Charlotte Mew interessiert sich für diese Übergänge, das Noch-nicht, das Noch-immer, die Räume, die um diesen Schnitt entstehen. Zukunft ist unwirklich, noch nicht da. Vergangenheit ist unwirklich, nicht mehr da. Dazwischen ist das Jetzt.

Madeleine L’Engle schreibt in Die Zeitfalte (A Wrinkle in Time, 1962), die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten sei nicht die Strecke, sondern die Falte. Damit wird aus dem Zweidimensionalen der Strecke etwas Dreidimensionales.

Was den Moment der Gegenwart ausdehnt, sind Klänge, eine Melodie, bei der man im Moment des Hörens das Vergangene noch im Ohr hat, den Rest der Melodie von ihrer Harmonieauflösung noch erwartet.

Dass in Charlotte Mews Gedichten an den und innerhalb der Grenzen ein Raum aufgeht, hat auch mit ihrem Klang zu tun. Man muss ihre Gedichte hören, auf Tonaufnahmen wie dieser hier, oder laut vorlesen.

Wilde Reime, die Leben und Kraft einholen, die unvorhersehbar unregelmäßig und regelmäßig sind wie ein Netz, das wie eine Falte fungiert, die etwas zusammenziehen: verschiedenes Gewicht, das sich in diesem Netz verteilt, in der Durchlässigkeit des Netzes – zwischen Wasser und Luft, zwischen Leben und Tod der Fische.

Charlotte Mew (1869 bis 1928) wuchs im viktorianischen London auf, das ihr Lebensmittelpunkt blieb – als Teil des verarmten englischen Landadels und eines von sieben Kindern eines Architekten, der 1898 verstarb. Drei ihrer Geschwister starben im Kindesalter, zwei wurden mit der Diagnose Schizophrenie eingewiesen, was damals noch bedeutete, dass man sie wegsperrte.

Besonders der Tod des Bruders, der mit fünf Jahren starb, prägte Charlotte Mew:

 

What shall we do with this strange summer, meant for you, –

Dear, if we see the winter through

What shall be done with spring? –

(“TO A CHILD IN DEATH“)

 

Nach dem Tod ihres Vaters lebte die Familie mehr und mehr in Armut, trotz Charlottes Arbeit als Sozialarbeiterin in Londons schwierigeren Stadtteilen, und nach dem Tod ihrer Mutter 1922 und dem ihrer Schwester Ann, mit der sie bis zum Schluss zusammenlebte, nahm sich Charlotte Mew 1928 das Leben.

Tod und die Grenzen menschlicher Existenz bildeten ihren Erfahrungshintergrund. Ebenso die Kontinuitäten und Brüche ihrer Zeit, Patriotismus und Pastorale des Viktorianischen Zeitalters, die Endzeitstimmung der Kultur des fin de siècle, der Erste Weltkrieg mit seiner damals neuen Kriegsmaschinerie.

 

ON THE ROAD TO THE SEA

We passed each other, turned and stopped for half an hour, then went our way,

I who make other women smile did not make you –

But no man can move mountains in a day.

So this hard thing is yet to do.

But first I want your life: – before I die I want to see
The world that lies behind the strangeness of your eyes,

There is nothing gay or green there for my gathering, it may be,

Yet on brown fields there lies

A haunting purple bloom: is there not something in grey skies

And in grey sea?

I want what world there is behind your eyes,

I want your life and you will not give it me.

 

Die Bilder ihrer Gedichte bewegen sich an den Grenzen von Tag und Nacht, Land und Meer, die Stimmen, die in den Gedichten sprechen (wie Charlotte Mews Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit), an der Grenze von Mann und Frau. Die Gedichte, die von den Kontinuitäten und Brüchen ihrer Lebenszeit geprägt sind, verwenden einerseits Strukturen des spätviktorianischen Zeitalters, wie durchgängige Reime oder einen erzählenden, dramatisierenden Monolog in oft pastoralem Setting. Anderseits sind deutliche Anzeichen für den Einfluss der Moderne erkennbar, wie freie Metrik, ein Reimschema, das keinen bekannten Regeln folgt, gebrochene Charaktere jenseits der moralischen Klarheit, mehr wirkliches Leben als empire und die Erfahrungen einer Sozialarbeiterin statt beauty of england and its virtues.

Mews Lyrik bricht nicht wirklich mit der Tradition, aber sie ist überlagert mit Neuem, wie dem sehr wachen Blick für das konkrete Erleben, den nie vorhersehbaren Schemata ihrer Reime und dem Metrum, das sie immer wieder verlagert und bricht.

Realismus und Symbolismus oszillieren mit einem psychologischen Blick auf die Charaktere. Die Figuren ihrer Gedichte sind, untypisch für die viktorianische Pastoral, nicht moralisch eingeordnet, es gibt kein Schwarz und Weiß, keinen urteilenden Blick, keine Moral. Sie werden in einer Bewegung gezeigt, in Handlungen, die sich ergeben, Räumen, die sich öffnen, durch die Wege, die sie gehen, ohne dass ihre Motivation völlig transparent ist.

Plötzlich geht ein Raum auf.

 

SATURDAY MARKET

Bury your heart in some deep green hollow

Or hide it up in a kind old tree

Better still, give it the swallow

When she goes over the sea.

 

In Saturday Market there’s eggs a ’plenty
And dead-alive ducks with their legs tied down,

Grey old gaffers and boys of twenty –

Girls and the women of the town –

Pitchers and sugar-sticks, ribbons and laces,

Posies and whips and dicky-birds’ seed,

Silver pieces and smiling faces,
In Saturday Market they’ve all they need.

 

What were you showing in Saturday Market

That set it grinning from end to end

Girls and gaffers and boys of twenty –?
Cover it close with your shawl, my friend –

Hasten you home with the laugh behind you,

Over the down –, out of sight,

Fasten your door, though no one will find you

No one will look on a Market night.

 

See, you, the shawl is wet, take out from under
The red dead thing –. In the white of the moon

On the flags does it stir again? Well, and no wonder!

Best make an end of it; bury it soon.
If there is blood on the hearth who’ll know it?

Or blood on the stairs,
When a murder is over and done why show it?

In Saturday Market nobody cares.

 

Then lie you straight on your bed for a short, short weeping

And still, for a long, long rest,

There’s never a one in the town so sure of sleeping
As you, in the house on the down with a hole in your breast.

Think no more of the swallow, Forget, you, the sea,

Never again remember the deep green hollow Or the top of the kind old tree!

 

Handelt es sich in Saturday Market um eine Fehlgeburt, eine Schwangerschaft („showing“), eine Abtreibung, die das you unter Stoff verbirgt? Ist das hole in your breast eine emotionale oder eine physische Wunde? Diese Offenheit bleibt stehen wie das Netz, das durch das unerwartete Auflösen des Reimschemas entsteht („the kind of old tree“).

Klänge antworten aufeinander wie Geräusche am Feldrand in der Dämmerung, das Sinken der Ähren, das Wispern der Bäume, die Geräusche der Tiere.

 

Towed like a ship through the harbour bar,

Safe into port, where le petit Jésus
Perhaps makes nothing of the look they shot at you:

Si, c’est défendu, mais que voulez-vous?

It was the sun. The sunshine weaves
A pattern on dull stones: the sunshine leaves

The portraiture of dreams upon the eyes

Before it dies:
All Summer through

The dust hung white upon the drowsy planes

Till suddenly they woke with the Autumn rains.

(aus: “THE FÊTE”)

 

Ein Reimschema wie ein zusammen gesammelter Blumenstrauß, einbinden, wo passt noch ein Stengel, eine Farbe hinein, eine Blume ergänzen, die noch fehlt. Oder zusammengeknüpft wie ein Fischernetz, das man repariert, wenn wieder ein Reim fast hinuntergefallen ist wie eine Masche. Was könnte die Vergangenheit stärker in die Gegenwart holen als ein Reimschema, das noch auf Auflösung wartet und das die Zukunft in den Moment des Lesens bringt, von der Gespanntheit auf diese Auflösung gehalten. Bei der Erwartung der Auflösung des Reims entsteht ein Raum, man wartet, wie in der oben genannten Melodie, die den Moment der Gegenwart ausdehnt.

Regen spielt eine wichtige Rolle, sein Klang. Möglicherweise folgen Mews unvorhersehbare Metren dem „patter of the rain“ (der Regen ist ein wiederkehrendes Motiv, wie Liebe und Tod, die Dämmerung, das Licht des Mondes, die Küste). Die Energie liegt im Reim; die Reime tragen die Gedichte und öffnen den Dialog zwischen den Zeilen und tragen durch das Metrum.

Mit diesem verborgenen und damit auch geschützten Raum, der an einer Grenze entsteht, beschäftigt sich Charlotte Mew. Etwas ist unsichtbar, kann aber aufgefaltet werden, mit Reimen aufgestemmt.

An dieser Stelle muss etwas über die Übersetzung gesagt werden. Die erste Ausgabe von Charlotte Mews erstem Gedichtband, The Farmer’s Bride, erschien 1916 im Verlag The Poetry Bookshop in einem seltenen (manche würden sagen: seltsamen) Format, weil sie darauf bestand, ihre teils überlangen Zeilen nicht umzubrechen.

Der übersetzte Band folgt den aufgrund des Druckbilds eingesetzten Zeilenbrüchen weiterer Ausgaben, fügt ihnen auch die zu Lebzeiten nicht publizierte Lyrik Mews hinzu und kommt damit auf 70 Gedichte. Außerdem fügt die zweisprachige im C. H. Beck erschienene Ausgabe leider auch weitere optische Brüche hinzu; die meisten der kürzeren Gedichte beginnen auf der Mitte der Seite und enden auf der Mitte der nächsten, obwohl sie auf Seite gepasst hätten.

Trotz des haptisch sehr schönen Leineneinbands entsteht durch die Zeilen- und Seitenumbrüche alles in allem ein gestauchter Eindruck. Das macht den Band, verbunden mit der Zweisprachigkeit, in der das Original auf der linken Seite steht und die Übersetzung auf der rechten, sodass man mitten im englischen Gedicht erstmal in die Mitte der Übersetzung des vorigen Gedichts auf der nächsten Seite springt, schwer lesbar. Dass nur die Seiten mit dem englischen Original-Seitenzahlen haben, davon immer zwei, hilft dabei nicht.

Zudem handelt es sich bei Wiebke Meiers Übertragung um eine Übersetzung, bei der viel am Zusammenspiel der Motive, an Rhythmus bildenden Enjambements und vor allem an der die Erfahrung eines die Atmosphäre fundierenden Klangs verloren geht.

Hervorzuheben ist jedoch die Gestaltung des Buchcovers. Es verwendet ein Aquarell von Dorothy Hawskey, die dieses Portrait der Autorin 1926 anfertigte. Auf dem Cover wird dieses Portrait nur in Streifen sichtbar, die wie Fingerstriche über vom Regen benetzte Fensterscheiben erscheinen. Damit greift das Bild das Motiv des Fensters als einer Grenze auf und spiegelt die Verfahren der Gedichte, ebenso erinnert es an das Bild des Wassers, zwischen seinen Aggregatzuständen hin und her wechselnd, sich abkühlend an der kalten Fensterscheibe.

Charlotte Mew: Alle belebten Dinge halten den Atem an. C.H. Beck textura, München 2026. 176 S., geb., 22,– €.

Regnet es schon „wölfe im metaphernpelz“?

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