Ephemer, dauerhaft, transitorisch: Die ‚Natur‘ in Elke Heinemanns neuen Gedichten

Ephemer, dauerhaft, transitorisch: Die ‚Natur‘ in Elke Heinemanns neuen Gedichten

Elke Heinemann hat sich auf ein schwieriges Feld begeben: Naturlyrik. Im Zeitalter des Anthropozäns gibt es kaum noch einen Quadratmeter Erde oder Atmosphäre, der nicht vom Menschen umgeformt wurde. Wenn am Himmel Kondensstreifen statt Wolken zu sehen sind, ist die ‚Natur‘ dort oben bereits stark verändert. Wie also mit den Mitteln der Poesie sich dem Sujet nähern, ohne in 70er-Jahre-Betonklagetöne zu verfallen, in den oft so wohlfeilglatten Alarmismus der Gegenwart oder gar zurück in pastorale Nostalgie?

Elke Heinemanns neuer Gedichtband gewölk gestein gewässer / nubi rocce acque verweigert sich jeder anthropozentrischen Vereinnahmung. Es geht nicht um unseren Blick in den Himmel, auf die Berge oder das Meer, sondern um die Elemente selbst. Die Autorin betreibt eine sprachtopographische Tiefenbohrung ohne ständige Ich-Rekurse. Ihr triadischer Titel spannt eine präzise Matrix auf zwischen dem Ephemeren (gewölk), dem Dauerhaften (gestein) und dem Transitorischen (gewässer).

Der Band ist unterteilt in serielle Abschnitte wie „modifikationen“ oder „proben“, in ihnen nutzt Heinemann wissenschaftliche Nomenklaturen und mots trouvés. Meteorologische Wolkenformationen wie Cirrus oder Altostratus und geologische Begriffe wie „blauschiefer“, „dropstone“ oder „chert“ werden zu lyrischem Material. Gerade „chert“ – jenes tiefseeisch Kieselgestein, das aus den mikrokristallinen Skelettresten uralten Planktons sedimentiert – fungiert hier als poetologischer Schlüssel: Es ist die Versteinerung des ehemals Lebendigen. Diese semantischen Vermessungen münden folgerichtig in künstlichen Himmelsphänomenen: „kondenzstreifen von flugzeugen am himmel des anthropozän“. Heinemann blickt auf eine ‚Natur‘, die längst von Menschenhand umgestaltet wurde, sie zeigt sie uns als ein Archiv, das wir mit den Spuren unserer Zivilisation überschrieben haben.

Formallogisch besticht das Werk durch die Verweigerung syntaktischer Hierarchien. Das interpunktionsfreie Fließen der Texte erzeugt einen unaufhaltsamen rhythmischen Sog, der die Statik des Gedruckten aufzulösen scheint. Das Gestein verflüssigt sich im Blick der Betrachtung, das Gewölk gewinnt eine haptische, fast mineralische Dichte. Wie intensiv die verschiedenen Aggregatzustände der Elemente ineinander übergehen, zeigt sich in Passagen wie dieser: „aber die felsen im meer rotgerändert wie/ sie und weißgeädert gespiegelt im himmel awesome/ dachte ich“.

Unterstützt wird diese Verräumlichung der Sprache durch das visuelle Gesamtkonzept: Die schlichten, nicht ihr Sujet romantisierenden Fotografien von Elke Bludau – Steine, wehende Wäsche, Wolken, Wasser – und die sehr feinen, rhythmisch-poetisch erscheinenden Grafiken von Erec Schumacher fungieren nicht als illustrative Dekoration, sondern als synästhetische Erweiterungen des Textraums. Die Leerstellen – das Weiß zwischen den Zeilen – sind aktive Zonen eines anderen – stummen – Elements, einer Textur des Dazwischen.

In einer der schönsten Strophen hinterfragt Elke Heinemann aber dann doch das Stumm- oder So-Sein der Elemente:

 

hinter weißen flöckchen das blau und was ist hinter dem

blau fragt das kind das vor dem himmel steht ein kind das

immer weiter fragt und jede neue antwort zu einer neuen

frage verdreht was ist hinter dem blau und was ist über

dem blau fragt das kind troposphäre stratosphäre meso

sphäre schichten der erdatmosphäre teile der homosphäre

der ionosphäre und wo ist gott fragt das kind in der wolke

 

Dass der Band in einer zweisprachigen Edition vorliegt, erweist sich als Glücksfall. Wer wie Elke Heinemann selbst Italien kennt und dort gelebt hat, begreift das Parallele der deutschen Verse und der italienischen Entsprechungen als ein oszillierendes Zwiegespräch. Die Verse erscheinen hier als sprachliche Sedimente, die sich schichtweise übereinanderlegen. Die romanische Sprachmelodie sowie ihr Schriftbild fungieren als weitere ästhetische Texturen.

Heinemann zeigt, wie Naturlyrik im 21. Jahrhundert klingen, aussehen und wie das Ich sich in der (unromantischen) Betrachtung wieder zurücknehmen, vom Sehnsuchtssujet lösen kann.

 

Elke Heinemann: gewölk gestein gewässer / nubi rocce acque. Gedichte (Deutsch | Italienisch). Aus dem Deutschen ins Italienischen von Cristina Vezzaro. Mit Fotografien von Elke Bludau und Grafiken von Erec Schumacher. etcetera press berlin, Berlin 2025, 104 S., geb., 18,– €.

Zum ersten Mal wird der Preis für junge Lyrikkritik vergeben

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