Zum ersten Mal wird der Preis für junge Lyrikkritik vergeben
Die Online-Zeitschrift zæsur. poesiekritik hat 2026 zum ersten Mal den Preis für junge Lyrikkritik ausgeschrieben. Er richtet sich an junge Kritikerïnnen zwischen 18 und 26 Jahren. Aus allen anonymisierten Einsendungen wurden zwei Beiträge ausgezeichnet:
Hannah Schaede aus Berlin gewinnt den 1. Preis für junge Lyrikkritik für ihren Text zu Zheng Xiaoqiongs Erzählung von den Konsumgütern (Engeler Verlage, 2025).
Lizzie Renger aus Berlin gewinnt den 2. Preis für junge Lyrikkritik für ihren Text zu Michael Stavaričs spüren (Limbus Verlag, 2025).
Das gesamte Team von zæsur. poesiekritik und der herausgebende Verein Poesiekritik international gratulieren herzlich. In Kürze werden die prämierten Beiträge auf zæsur. poesiekritik veröffentlicht.
Die Jury bestand aus Leonie Köhler, Adela Sophia Sabban, Beate Tröger und Asmus Trautsch.
Begründungen der Jury:
1. Preis: Hannah Schaede für ihre Rezension zu Zheng Xiaoqiongs Erzählung von den Konsumgütern (Engeler 2025)
Die Jury des Preises für junge Lyrikkritik der Online-Zeitschift zæsur. poesiekritik zeichnet Hannah Schaede aus Berlin mit dem 1. Preis für junge Lyrikkritik 2026 für ihre Rezension von Zheng Xiaoqiongs Erzählung von den Konsumgütern (Gedichte, aus dem Chinesischen übersetzt von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips (Hrsg.), Engeler 2025) aus. Hannah Schaedes Kritik gelingt es, das historisch Besondere des aus dem Chinesischen übersetzten Gedichtbandes von Zheng Xiaoqiong zu würdigen, die als Wanderarbeiterin den Alltag in chinesischen Fabriken beschreibt. Gleich zu Beginn führt Hannah Schaede deutschsprachigen Leserïnnen ihre eigene Involviertheit vor Augen, denn die günstigen Produkte aus China verdanken sich einer vor allem durch hunderte Millionen von Arbeitsmigrantïnnen ermöglichten rasanten Industrialisierung seit den 1980er Jahren. Zheng Xiaoqiongs dokumentarische Gedichte, die auf eigenen Erfahrungen und Interviews beruhen, wie Hanna Schaedes kundige Rezension informiert, führen, so weist sie plastisch nach, ins dunkle Herz eines Fabriklebens, in dem Individuen austauschbar werden und ihr Leben sich mit der Funktionalität der Maschinen verbindet. Dabei geht Hannah Schaede auf die formalen Eigenschaften der Gedichte ein, indem sie etwa auf die Satzformen, die „stakkatohaften Aufzählungen“ und „vielen Enjambements“ verweist, die einen maschinell getakteten Alltag evozieren, in dem Menschen anonymisiert werden. Zugleich, so argumentiert Hannah Schaede, zeigen Zheng Xiaoqiongs Gedichte die Ausbeutung und Entmenschlichung der Arbeiterinnen nicht nur, sondern bilden auch „Zeugnisse ihrer Existenz als Individuen“. Hannah Schaede ordnet den Gedichtband in eine anspruchsvolle Kritik der industriellen Modernisierung ein und legt dessen historische, mythische und ökologische Dimensionen frei. Dabei argumentiert sie immer konkret mit mehreren Beispielen aus dem Buch. Wir beglückwünschen Hannah Schaede zu ihrer klugen, analytischen und sich ihrer Form stets bewussten Würdigung des Gedichtbands Erzählung von den Konsumgütern.
2. Preis: Lizzie Renger für ihre Rezension zu Michael Stavaričs spüren (Limbus 2025)
Die Jury des Preises für junge Lyrikkritik der Online-Zeitschift zæsur. poesiekritik zeichnet Lizzie Renger aus Berlin mit dem 2. Preis für junge Lyrikkritik 2026 für ihre Rezension von Michael Stavaričs spüren. Gedichte (Limbus Verlag 2025) aus. Lizzie Rengers Rezension beginnt mit einer Frage, die umgehend etwas von der Poetizität des von ihr besprochenen Gedichtbands verrät: „Was empfindet ein Feuerlöscher, der seit Jahrzehnten verstaubt auf seinen Einsatz wartet?“ Ihre gut nachvollziehbar aufgebaute Rezension macht spürbar, mit welcher Art von Poetik es die Leserïnnen des Gedichtbands des österreichisch-tschechischen Schriftstellers zu tun haben: einer Radikalität der Empfindung, die über das Menschliche hinausgeht, zusammengehalten von einem lyrischen Ich ohne feste Identität, dafür mit radikaler Empathie. Lizzie Renger zeigt, wie die Elemente des Langgedichts sprachlich unterschiedliche Empfindungsqualitäten auch nicht-menschlicher Lebewesen und nicht-lebender Dinge evozieren: „das Zarte, das Grobe, das Laute, das Leise, das scheinbar Natürliche und das längst durch den Menschen von seiner Natürlichkeit Entfremdete, das Lebendige und das Leblose, das Wirkliche und das Phantastische.“ Lizzie Renger versteht es dabei, ihre Wertschätzung auch mit kritischer Analyse von Plattitüden zu verbinden und ihren Text mit der Bestimmung einer Wirkungsqualität der Gedichte Michael Stavaričs zu beenden: sie „erweitern ein Stück weit die Grenzen der eigenen Empathie.“ Wir beglückwünschen Lizzie Renger zu ihrer klugen, kritisch unterscheidenden wie nahezu mitempfindbaren Würdigung von Michael Stavaričs spüren.

