Jona und sein Wal

Jona und sein Wal

Das Alte Testament erzählt vom Propheten Jona, der sich einem Auftrag Gottes widersetzt und auf einem Schiff zu fliehen versucht. Dort wird er über Bord geworfen und von einem großen Fisch verschluckt. Jona verbringt in ihm drei Tage und drei Nächte und wird nach einem Gebet schließlich aufs Land gespien.

Katrin Pitz reaktiviert in ihrem Band Organe des Wals diese Geschichte auf höchst kluge und poetische Weise ‒ das Ich im Text findet sich an zahlreichen dunklen, stillen Orten wieder, an denen es heranwachsen kann („die böden knarzen wie die gerippe von tieren die schwerer gewesen sein/ müssen als fische“), und erwartet seine zweite Geburt.

Als Jona aus dem Fisch herauskommt, versteht er sicherlich die Welt nicht mehr ‒ auch das Ich in den Gedichten scheint manche Dinge zum ersten Mal bei Tageslicht zu sehen und ihre Bezeichnungen, Zusammenhänge vergessen zu haben. Es hat eine fast außerirdische Perspektive, etwa wenn es „weißes fell auf den feldern“ sieht oder neue kausale Schlüsse zieht, zum Beispiel: „die steine sie wachsen schon auf zwischen kleinen heimischen blumen“.

Dabei weiß das Ich genau, was es will, und findet Wörter dafür, zum Beispiel „ein haustier/ reptiliengestalt/ etwas das man für einen stock halten kann/ wenn es will und man nicht allzu lang schaut“. Allerdings gibt es außerhalb des Wals das Gewünschte nicht, egal wie präzise man es zu formulieren vermag, Gebete funktionieren nicht mehr.

Wie ist das Verhältnis zwischen dem Wal und dem Menschen gestaltet, der sich durchs Meer treiben lässt und doch nicht zu einem inneren Organ des Tiers mutiert? Wer wird hier eigentlich leer, der Wal oder sein ausgespuckter Bewohner, eine Mutter („die eine trauer verarbeiten muss“) oder das Neugeborene? Und was haben triste Städte, Konvikte und Busse mit einem Bauch gemeinsam? Ein Kind stopft Watte in ein gehäkeltes Spielzeug, und das Heilsversprechen („manche glauben bis heut/ an den rückkehrerfisch“) entpuppt sich als ein Heimweh nach dem Uterus. Stinkende Fische begegnen einem in der Fastenzeit, als Symbol für das Christentum, selbst in den „silbernen fischen“ im Teppich. Das Ich ähnelt einem Einsiedlerkrebs, der immer wieder sein Zuhause verliert und nicht mehr weiterweiß, „um mich herum/ fehlt immer die wichtigste wand“.

In der Gebärmutter gibt es keine Namen, auch spricht der Wal nicht, zugleich wird „ein buch/ aus seinem bauch rausgeschnitzt“. Im Grunde entfaltet sich bei Pitz die ersehnte Einsamkeit ‒ eine kurzzeitig gelungene Flucht vor dem zornigen Jahwe ‒ als ein Anfang der eigenen Sprache und vielleicht waren die drei Tage im Wal ja die glücklichsten im Leben des Propheten Jona.

Ein unglaublich tiefgründiges, vielschichtiges Buch!     

 

Katrin Pitz: Organe des Wals. Elif Verlag, Nettetal 2026. 124 S., geb., 24,– €.

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