Ist ok so – zur Lyrik von Nathalie Schmid

Ist ok so – zur Lyrik von Nathalie Schmid

Die Suche nach einem anderen „Wort für einverstanden“ ist literarisches Programm und ein beständiges Abwägen im gesamten Oeuvre der Lyrikerin Nathalie Schmid. Im jüngsten Band gibt zudem eine Art Vorwort Anregungen, wie Gedichte geschrieben werden, wie sie gelesen werden sollen. Die Verben darin stehen im Imperativ: schreib, setz dich, hör zu, halte fest, bevor die Welt verbrennt, dreh den Lautstärkeregler runter, werde langsamer im Leben, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Nimm dir das Recht heraus, aufzustehen und wegzugehen oder zu bleiben, trotz allem.

Die Suche nach einem einvernehmlichen Lebensmodus zeigt sich im neuesten Lyrikband von Nathalie Schmid in fünf Kapiteln wie in einem Lebensbogen. Jedem Kapitel sind Zitate oder Gedichte von Autorinnen und Autoren vorangestellt: Anne Carson sei genannt, Ezra Pound, Else Lasker-Schülers „Wolke“. Manche Zeilen fließen direkt in Gedichte ein wie beispielsweise jene über die Kühe in „Jahrmarkt der Wunder“ von Wisława Szymborska. Damit weitet sich der Echoraum, wird geteilt mit anderen Stimmen, die anklingen, die Gedichte zum Schwingen bringen.

Schon im ersten Kapitel „Alltag und Abstammung“ wird das strampelnde Ich verortet in einem Koordinatensystem, aus dem es auszuscheren gilt. Allerdings geht die Sippschaft je nach Bodenbeschaffenheit wie die Wurzeln einer Tanne auch in die Breite und trägt den Einzelnen. Man macht sich diese Abhängigkeiten bewusst, was gleichfalls ein Einverständnis ist. Wenn wir uns jedoch zu sehr verankern, drehen wir uns womöglich immer nur um uns selbst, fürchtet die Ich-Figur.

 

Und während

der Anker sich immer tiefer dreht

weiss ich: Ich bin einverstanden.

 

Die Welt dient der Autorin als Materiallager, wie eine Alchimistin legt sie die einzelnen Elemente frei und destilliert aus ihnen, aus Alltäglichem Literatur. Das lyrische Ich wandelt zwar inmitten der Elemente, hütet sich jedoch davor, zu schmelzen oder sich gar aufzulösen, denn auf allem liegt ein skeptischer Blick, der allerdings nie in Widerstand mündet, sondern eben in: Einverständnis.

 

Ist es das

was mich am meisten interessiert?

Alchemie? Die Verwandlung

von unedlen Metallen

zu Gold?

 

Das sich Verflüchtigende ist überhaupt ein Wesensmerkmal der Dialektik in diesem Schreiben, das Bilder im Gedicht festhalten will und gleichzeitig umwandelt in ein anderes Element, um Zusammenhänge zu verstehen, auch wenn sich alles wie Rauch, wie Wasser, wie Flocken, wie Feuer unablässig wandelt. Nur das Gedicht bewahrt seine Form.

Weiter geht es im Kapitel „Raumschiff“ vom Acker vor der Tür und dem Reiher am Feldrand ins Weltall – weil es auf Erden nicht auszuhalten ist? Ausgerechnet hier stehen die Familie, die einengenden Verhältnisse auf dem Prüfstand und weiten damit den Blick eines früheren Gedichtbands: Atlantis lokalisieren ( Wolfbach Verlag 2011, neu aufgelegt bei Gans 2026). Das schroff-scharfe Verhältnis zur Mutter, anderswo das Gespräch mit dem Vater, gleicht einem Stochern im gemeinsamen Schweigen, und doch wird der eigenen Gefühligkeit misstraut. Deshalb werden Göttinnen wie Sappho und Lilith, Iris und Demeter angerufen, damit nicht jede allein ist auf ihrer Umlaufbahn im Weltall, so die Bitte an Hestia:

 

Bring unseren Köpfen etwas Licht und

lehre uns das Gegenteil

von vereinzelt.

 

Es sind die göttlichen Schwestern, von denen Hilfe zu erwarten ist, nicht von den Ahninnen, nicht von der Mutter. Im Gedicht „Demeters Tochter“ wird diese alles überschattende Unzufriedenheit der Tochter mit der Mutter zugespitzt – ein Thema, das bereits im Roman Lass es gut sein (Geparden Verlag 2023) und im Lyrikband Atlantis lokalisieren aufgegriffen wurde. Was würde die Mutter für einen tun, wie weit reicht ihre Liebe? Aus fünf langen quälenden Fragen besteht das Gedicht. Ohne Antwort, ohne Widerhall.

Fast feige wirkt das Hadern allerdings in dem zentralen Gedicht „Am See“. Das lyrische Ich, nach Eigenaussage die Lyrikerin selbst, beobachtet eine junge Frau, die einen Nudelsalat und eine Red Bull Dose ins Gebüsch wirft. Die Sonne spiegelt sich in der Plastikschale, Schinkenstücke hängen zwischen Vergissmeinnicht, doch das Ich ist eingeschüchtert, denn die Frau scheint ihr wie eine „Kriegerin mit Kampferfahrung“, wie sie unbeirrt mit ihren goldglänzenden Fingernägeln weitergeht. Zwar räumt das Ich den Abfall weg, ist jedoch keineswegs einverstanden, milde empört springt es in den See. Die Flucht in die Natur, der Sprung in Wasser, das Abstoßen vom Grund, um Kraft zu gewinnen – auch so geht die Suche nach einem anderen Wort für einverstanden.

„Eine Anleitung gibt es nicht“ - zur Sterbehilfe, so ließe sich die Kapitelüberschrift ergänzen, denn der Tod findet den Weg nicht zur Großmutter, heißt es gleich zu Beginn. Diese Verse im Blocksatz verdinglichen das Eingesperrtsein im Körper, das Nicht-Sterben-Können. „Ich hatte Betonblöcke vor Augen, aus denen nicht auszubrechen ist, und dieses Bild gab den Texten diese bestimmte Form“, so die Lyrikerin in einem Interview. Freie Assoziationen fließen ineinander, dieses Fließen ohne Punkt und Komma, ein einziger Bildrausch. Auch hier ist das Einverständnis kein einfaches, vor dem Allerletzten, dem Tod, wird zurückgeschreckt. Die Enkelsöhne weinen, warum tun sie das, fragt sich die Großmutter und rät trocken, sich doch bitte ein Taschentuch zu holen. Humor und das gemeinsame Lachen sind mächtig, bis endlich alle Papiere unterzeichnet sind und das Datum feststeht, damit auch die Stunde des Todes. „Es wird nicht lange dauern, es wird scheußlich schmecken. Sie wird nicht einschlafen. Sie wird sterben.“ Und die Autorin? Fast möchte man es schreien: „Erst jetzt verstehe ich, was es bedeutet zu bleiben“, einverstanden zu sein also mit dem Tod im Leben.

Keine Spielerei sind die Mundartgedichte „Wie mer send“. Sie erzählen in bodenständigen Reflexionen vom Abstrampeln im Alltag, von Leisem und Lautem, Sound statt Sinn, Kacke statt Korrektheit. Manche Gedichte sind ins Schriftdeutsche übersetzt, damit Leserïnnen, denen die Mundart fremd ist, die Fassungen vergleichen können. Hier zeigt sich die Vehemenz der mundartlich gehaltenen Gedichte, ihr Klang erzielt eine eindringliche Wirkung, die Melodie, der Rhythmus sind vollkommen anders (Über dem Misthaufen / Öber em Meschthuuffe) – ungleich spröder wirken die in Schriftdeutsch gesetzten Poeme. Und manches, wie beispielsweise „Es erschtbeschts Wonder“, würde in dieser Bildlichkeit schriftdeutsch wenig überzeugen, wenn Kühe unter dem Kirschbaum warten, zum Wassertrog traben und mit ihren Glocken läuten – das ist von einer Farbigkeit, die standardsprachlich nicht wiederzugeben ist.

 

Gseesch wie d Chüe im

Ooebelicht zwösche de Chriesiboim

schtönd ond waarte. Wie eini

nach de andere langsam

zom Wassertroog

choont ghörsch

wie s glocksed i erne Büüch.

 

Oder das balladenhafte Gedicht über einen Nussbaum, das parallel vom Sterben der Nachbarin Lina über einer Aprikosenschnitte erzählt. Und zwischen all dem Leben und Sterben einmal nur die Welt kopfüber betrachten, um andere Lebensweisen zu erblicken. Bloß klingt das in Mundart weniger altklug. In „Schlaarpi“ kommen die Ahninnen zu Wort und mahnen: Schlurf nicht, benimm dich wie ein Mädchen, sprich nicht zu viel, heb deine Füße ordentlich, dann wirst du geliebt ‒ das ist ein Auftrag, von dem es sich schreibend freizumachen gilt. Der Dialekt zeigt eine lokale Verwurzelung, die bei Nathalie Schmid weder volkstümlich noch anbiedernd klingt. Seine Verwendung ist auch keine laute Verteidigung des Regionalen gegenüber dem vereinnahmenden Globalen, sondern entzieht sich ganz einfach den Regeln der Standardsprache, den Gesetzen der Grammatik ebenso wie der „korrekten" Lesart eines Wortes.

Im letzten Kapitel „Iris“ spricht eine Frau, die Pulver für die Knochen in ein Glas gibt und jeden Morgen trinkt. Sie räumt ihre Vergangenheit auf und entledigt sich ihr, denn der Körper barg all die Jahre die Kränkungen wie eingekapselte Versteinerungen. Beim Durchblättern des jugendlichen Poesiealbums wundert sie sich über ihre einstige unerträgliche Gefallsucht, die eigenartige Feindschaft zu sich selbst ‒ was die gereifte Iris fast zärtlich registriert, auch wenn solcherart Milde erst im Rückblick möglich ist, das weiß sie schon. Schließlich verweigert sie sich endgültig den Anforderungen der „Abstammung", die wie eine Staffel von Generation zu Generation weitergereicht werden. Nur wird „Iris“ die Ablösung wirklich gelingen? Immerhin hat sie den Käfig erkannt und bittet ihre Tochter inständig darum, ihr nicht zu gefallen. Iris ist keine Visionärin, sie muss nichts beweisen, sie lässt es geschehen und blickt auf ein Leben auch in Wollust zurück. Der Wunsch, sich treiben zu lassen, bedeutet allerdings auch, rechtzeitig vor dem Wehr auszusteigen, sich nicht einfach hinzugeben, sondern wach zu sein, alert.

Überhaupt ist viel von Gewässern die Rede, ohne die Gedichte zu überfrachten und womöglich dem Genre Nature Writing zurechnen zu wollen. Vom Festhalten und Fallenlassen von Regentropfen wurde wohl selten sinnlicher und präziser geschrieben:

 

Nicht so als wäre es leicht zu fallen sie zögern

leuchten noch einmal auf und lösen sich ganz in ihrer eigenen Zeit.

 

Auch der Schreibprozess wird mancherorts reflektiert, das Wachliegen wegen eines Wortes, das Nicht-steckenbleiben-Wollen wie das Cargo-Schiff Ever im Suez-Kanal. Es ist ein Hadern auch mit dem Schreiben, das dem Alltag abgerungen werden muss, und womöglich ist ein Gedicht eine Frucht, die wie bei Bäumen das Wachstum bremst? In einer Überarbeitungswut schneidet die Ich-Figur schließlich mit dem Japanmesser zu viele Stellen aus dem Text heraus.

In Ein anderes Wort für einverstanden werden persönliche Erfahrungen und Erschütterungen mit universellen Fragen verschränkt. Nathalie Schmids Lyrik kommt ohne überdehnte formale Spreizungen aus, ist unprätentiös und bildhaft, assoziativ fließen die Enjambements über das Zeilenende hinaus, ein Punkt hier und da beendet mitunter einen Gedanken mitten in der Zeile. Fragen sind als konstituierendes Prinzip zu verstehen, sie gehen auf und zu wie ein Schmetterlingsflügel, öffnen den Duktus des Bandes und machen ihn sympathisch. Abstoßung und Anziehung magnetisieren diese Gedichte. Man mag das behutsame Abwägen, das Arrangement mit Bestehendem, die Suche nach den Möglichkeiten des Einvernehmens als banal abtun. Trotz des Haderns liegt eine der Möglichkeiten bei Nathalie Schmid nicht etwa im Widerstand, im Aufbegehren, sondern in einer weisen Klarheit. Unberirrt folgt sie ihrem erzählerischen Impuls, sich mit dem Seienden in ein Einvernehmen zu bringen. Das steht quer zur derzeitigen Empörungsliteratur, doch die Suche nach einem Einvernehmen mit der Welt wird keineswegs auf die leichte Schulter genommen, ist vielmehr eine Frage der Haltung – Lass es gut sein heißt denn auch ein Roman von Nathalie Schmid. Eine versöhnliche Erkenntnis, die Mutter und vieles andere auch zu lassen/nehmen, wie es ist.

 

Nathalie Schmid: Ein anderes Wort für einverstanden. Gans-Verlag, Berlin, 2025. 132 S. Geb. 22,- €.


Nicht so leicht einverstanden

 

Nathalie Schmid, 1974 geboren, reist nach der Matura durch Nord- und Zentralamerika und ist verblüfft, wie wenig sie eigentlich über das eigene Land, die Schweiz, weiß. Kurzerhand meldet sie sich bei einer Bergbauernschule an, macht dort allerdings ein paar ruppige Erfahrungen und bewirbt sich mit ihren Reisenotizen für ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (1998–2003), das sie mit einer lyrischen Arbeit abschließt, ihrem ersten Lyrikband: Die Kindheit ist eine Libelle. (München, Lyrikedition, 2000, Neuauflage Eggingen, Edition Isele, 2024). Später folgt eine Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin, noch später zur Sekundarlehrerin.

Nathalie Schmid lebt in der Nähe des aargauischen Wasserschlosses, wo Limmat, Aare und Reuss zusammenfließen. Flüsse ziehen sich wie Wege durch die Landschaft und gleichsam durch ihr Werk. Das Fluide verfängt sich auch im Quecksilber, alchimistisch schmilzt die Lyrikerin die Elemente in ihrer Umgebung zu einem poetischen Amalgam. Reiher, Amseln, Libellen bevölkern die lyrische Welt – und immer kreist irgendwo ein Milan, manchmal an einer unsichtbaren Leine, die es abzustreifen gilt.

Mit dem Lyrikband Atlantis lokalisieren (2011 im Zürcher Wolfbach Verlag erschienen, der mittlerweile seine Lyrik-Reihe einstellte, das Buch wurde bei Gans neu aufgelegt) schreibt sich Nathalie Schmid in die Literaturszene der Schweiz ein. Mundartgedichte sind hier erstmals eingestreut.

Nach drei Gedichtbänden erscheint der Roman Lass es gut sein (Zürich, Geparden Verlag, 2023). Ein Familiennetz, das trägt und zugleich fesselt, das unentwegte Hadern mit der Mutter – es begegnet uns wieder im jüngsten Gedichtband. Möglichkeiten des Einvernehmens werden aus der Vergangenheit abgeleitet, so sagt die Hauptfigur im Roman: „Vielleicht bin ich Restauratorin geworden, weil ich lieber einen Weg zurückverfolge, als mir einen neuen auszudenken.“


„ALLES WANKT“. Zu Thierry Rabouds „Terres déclives“ / „Schieflage“

„ALLES WANKT“. Zu Thierry Rabouds „Terres déclives“ / „Schieflage“