„ALLES WANKT“. Zu Thierry Rabouds „Terres déclives“ / „Schieflage“

„ALLES WANKT“. Zu Thierry Rabouds „Terres déclives“ / „Schieflage“

Thierry Raboud ist ein Kind der Alpen. Er wuchs im Wallis in der Schweiz auf, einer Gegend, die an Schönheit kaum zu überbieten ist und wo der Klimawandel nicht in Zeitlupe, sondern im Schnelldurchlauf wütet. Im Frühling des Jahres 2025 schaute nicht nur die Schweizer Bevölkerung fassungslos auf die Bilder aus Blatten, dessen Dorfidylle in Sekunden von einem Gletschersturz ausgelöscht wurde. Daran dachte ich, als ich Schieflage (2025), französisch als Terres déclives bereits 2022 veröffentlicht, erstmals durchblätterte:

hinter dem heiligen feld

ergiesst sich die stadt

hemmungslos über den 

von der grossen wolke

durchtränkten hang 

Ich lese die deutsche, von Yves Raeber übersetzte Version des Werkes zu Anfang der Sommerferien 2026, während die Brände in der Gironde bereits unzählige Hektar Wald, aber auch Orte und Häuser vernichtet und zahlreiche Tiere getötet haben. Die Flammen stehen vor der Großstadt Bordeaux, während die Verse Rabouds den Schrecken reflektieren und nachklingen in Kopf und Seele als unheimliche Begleitmusik zur Realität, die eindringlicher nicht sein könnte. In dieser Situation verstehe ich das lyrische Ich als einen hilflosen Propheten, den die Wirklichkeit, das Unmittelbare, in diesen Tagen gänzlich überholt hat, noch ehe sein Warnen wirklich vernommen wurde:

ich bin der letzte

glaube ich

spätgekommen

Es gibt keine Satzzeichen oder Zwischentitel im Band, die Kleinschreibung ist  durchgängig, was schwebende Bedeutungen möglich macht. Die Gedichte können auch als ein einziges Langgedicht gelesen werden. Oft wirken die Verseinheiten wie Gedankenwellen aus einem Bewusstseinsstrom, aus einem Fluss aus Sprache, der in der Erinnerung an früheres Glück erst ruhig, dann im Angesicht des Kommenden immer schneller und reißender fließt.

Bereits auf den ersten Blick verstehe ich daher Schieflage als eine gehetzte Bewegung auf die unvermeidliche Apokalypse zu. Diese Bewegung, die mal ein Fließen, aber auch ein Gehen, Steigen oder am Ende ein Fallen sein kann, vollzieht sich in drei unterschiedlich langen Etappen, in drei gekennzeichneten Teilen (I, II, III). Sie geht von der Vergangenheit, in der sich die Menschheit noch in Sicherheit wiegte, in die nahe Zukunft, wo die Zeiger der Uhr bald schon nicht mehr auf fünf vor 12 stehen. 

Passend zur ablaufenden Zeit laufen auch die Seitenzahlen rückwärts: Am Anfang des Bandes, wo die Reise gen Weltuntergang beginnt, befindet sich statt Seite 1 also Seite 61. Es folgt ein unbarmherziger Countdown, der auf Seite 7 mit der Stille endet, derer sich das lyrische Ich von Anfang an bewusst ist und auf die alles hinausläuft.

Sein einsames Wandeln durch die von Raboud als Gegensätze aufgerufenen Räume Natur und Kultur könnte auch als eine Abfolge von Träumen, vor allem von Albtraumsequenzen verstanden werden, in denen apokalyptische Visionen auftauchen. Zeitweise erscheint die Ich-Stimme, die eines ohnmächtig Sehenden, zwischen Wachen und Schlafen hervorzustammeln:

vereinzelt

nackt

ich bin

die irrlaufende

entkräftete

nacht

bevor

bevor

Nicht zufällig hat Thierry Raboud dem Band zwei Zitate vorangestellt. Das erste lautet: „Nous nous endormons en sursaut“. Es stammt von Damien Murith und wird in der deutschen Version übersetzt mit: „Wir fallen erschrocken in den Schlaf.“ 

Es gäbe andere Möglichkeiten des Übersetzens dieser Zeile, zum Beispiel: „Wir schlafen aufschreckend ein“. In der Tat bedeutet „en sursaut“ ein Zusammenzucken, eine körperliche Reaktion, nicht nur ein Gefühl. Der Widerspruch wird bei dieser Interpretation noch klarer. Erschrocken in den Schlaf zu fallen, das bedeutet, resignierend wegzutreten, sich dem Schlaf zu ergeben, zu fliehen. Aufschreckend einzuschlafen, könnte eine Chance lassen, doch noch zu reagieren.

Raboud wählt als Ausgangsort seiner Gedichte ein Museum, wo das lyrische Ich, wie im ersten Gedicht deutlich wird, allein „die Nacht verbracht“ hat, unter den Schätzen und Gemälden einer fern scheinenden Vergangenheit. 

ich erwache unter dem alten auge 

unberührter landschaften

[…]

ich regloser pilger

verblichener paradiese

Raboud hat diese Situation selbst erlebt: Er ließ sich drei Tage und Nächte in einem Museum einschließen und hämmerte dort sein Manuskript (à la Kerouac) in eine lange Papierrolle.

Die Gedichte, die in diesem ersten Teil fast ausnahmslos in den Zeitformen der Vergangenheit gehalten sind, erzählen unter anderem vom Trost durch Kunst, den unsere Vorfahren ge- und erlebt haben, der sich aber hier als Illusion, gar Verblendung entpuppt: 

da habe ich geschlafen

zuoberst auf der treppe

dem höchsten punkt

dessen was wir waren

bei den sammlungen

vom lauf der zeit

Und dann Wiederholung und Variation im nächsten Text:

da habe ich geschlafen

an die werke gekuschelt

die mich sorglos 

durch die nacht führten

Der Schlaf als Motiv wird gleichgesetzt mit dem Nicht-Sehen-Wollen, mit dem Wegschauen der Gesellschaft, die gerne so weitergemacht hätte wie bisher und aus der sich das lyrische Ich zunächst nicht ausklinkt. Sein Aufwachen, das früher stattfindet als das seiner Mitmenschen, ist nichts als ein Begreifen des Unausweichlichen.

So heißt es zu Anfang des dritten Teils, wo die Katastrophe immer näher rückt:

und schlafe nicht mehr

nach der nacht weckt mich

im fahlen morgen das wort

mit russigen lippen

Rabouds imaginäre Reise kann neben dem nächtlichen Museumsrundgang als ein Auf- und Abstieg, das Bezwingen verletzter Berge und als eine direkte Auseinandersetzung mit der kranken Natur gelesen werden. Wir können zunächst den Eindruck haben, dass das Ich in die Bilder der Ausstellung hineingesaugt wird, aber wenn das alles wäre, bliebe es ja in der noch intakten Welt, an die die Kunstwerke und das gesamte Anthropozän geknüpft sind. Im Laufe des Lesens verstehe ich, dass für das lyrische Ich die Kunst überholt ist, auch wenn sich die Kinder unserer Zivilisationen noch blauäugig und ungläubig an ihr festklammern. Die Visionen des lyrischen Ich vertreiben es aus dem Museum, seine einstige Sorglosigkeit ist nur noch eine Erinnerung, es scheint aufzubrechen zu einer letzten Wallfahrt, durch Gegenwärtiges und Zukünftiges hindurch, nach draußen, wo alles brüchig geworden ist und wo die Katastrophe lauert.

So scheint der intermediäre zweite Teil, der auch der kürzeste ist und in dem sich Präsens und Vergangenheitsformen abwechseln, eine Art Aufschub. Der Tod, der des Individuums und der Menschheit insgesamt, tritt noch nicht ein, aber er steht kurz bevor: „und ich bin nicht tot/ den gipfel vor augen“. Und gleich darauf heißt es:

laufe auf mein ende zu

auf der suche nach 

dem letzten absprung

bevor

bevor 

Das lyrische Ich ist draußen und drinnen zugleich, immer in Bewegung, ein Getriebener durch Tage und vor allem durch Nächte. Es zieht uns mit sich in die irdischen Räume und Zeiten, die bald an ihr Ende gelangt sein werden. „helläugige gewissheiten“ von früher existieren nicht mehr, der Tempel der Weisheit wird zur bloßen „wiege aus stein“, „KUNST und WISSENSCHAFT“ vermitteln nur noch „verjährte werte“.

Im dritten, umfangreichsten Teil des Buches besteht die Bewegung im Niedergang, es ist ein einziges Stürzen, Neigen, Wanken und Fallen, was die Titel des Bandes in beiden Sprachversionen bildreich einfangen: Terres déclives bedeutet wörtlich „abschüssiges Gelände“ oder „geneigtes Land“, was auch durch den deutschen Titel Schieflage treffend ausgedrückt wird.

Im Unwetter wird der Mensch zum Spielball. Er verliert, was ihn ausmacht: die Kontrolle über sein Handeln und seine eigene Reflexion sowie jedwede Zuversicht, denn der Versuch, die Zeit zurückzudrehen, ist zum Scheitern verurteilt:

ich möchte denken

eine idee erhaschen

in einer blume oder knospe

ein versprechen sehen

den zündenden funken

aber ich verrinne

in der vernichtung

Die Kunstwerke, denen er im Museum begegnet, verlieren angesichts des Infernos einer sich aufheizenden Erde mehr und mehr ihren Sinn: „ich meide die unsteten statuen/ ihren kleinmütigen blick“. Und immer wieder, zweimal für sich alleinstehend oder auch eingebettet in den Wortfluss, heißt es, als gäbe es keinen Safe Space mehr, auch nicht den des konservierenden Museums: „alles wankt“.

Nichtsdestotrotz lautet das zweite dem Band vorangestellte Zitat von Philippe Jacottet: „Man wähnt sich bewegungslos und fällt doch langsam. Den Fall als Aufstieg begreifen.“

Vielleicht liegt hier der einzige Hoffnungsschimmer: Im Verstehen der Situation gibt es wenigstens eine Chance, sich ihr zu stellen und dadurch nicht völlig der Verzweiflung anheimzufallen und wieder tätig, wieder handelnd zu werden.

Zwei aus dem Konvolut herausstechende, starke Texte bestätigen diese Idee. Diese längeren Verse sind anders, parataktische Aussagesätze mit Groß- und Kleinschreibung, aber ohne Punkt und Komma rhythmisch angeordnet. Sie klingen wie die Beschwörungen eines antiken Chors, ein Backgroundgesang, in dem das Ich zum Wir und immer lauter wird:

Wir werden 

uns akklimatisieren Im versenkten Glück Mit katas- 

trophalem Ausgang In der Vergeudung Wir werden 

singen Im Zusammenbruch Wir werden wachsen

Die Gemeinschaft ist es hier, die stärkt und kurzfristig zu trösten vermag, die es überhaupt noch möglich macht zu denken: „Wir Solidarisch Wir/ Hier“. 

Aber auch diese Vision ist nur eine Möglichkeit, das Ende zu erwarten. Schnell fällt das Ich in den folgenden Texten wieder auf sich selbst zurück, dem „abgrund“ entgegen, während die Zivilisation zugrunde geht:

ziegel rutschen

vom dach

ziegel um ziegel 

ein ziegelhagel 

über dem kopfstein

nichts hält mehr stand

ausser meinem

lied

das mit sinkt

Wir bemerken in der deutschen Übersetzung die gelungene Doppeldeutigkeit zwischen den Verben „singen“ (das hier nur mitklingt) und „sinken“, die Thierry Rabouds poetischen Verfahren entsprechen. Aber nicht überall war es dem Übersetzer Yves Raeber möglich, Rabouds experimentelle Wortspielereien auf diese Weise einzufangen. Das liegt in erster Linie daran, dass Raboud die Texte an ihre Grenze treibt, die gewöhnliche Sprache dekonstruieren will. 

So hat er auch Raeber, mit dem er einige Tage konstruktiv zusammengearbeitet hat, freie Hand gelassen, seinen Text zu etwas Neuem zu machen, in dem Bewusstsein, dass eine andere Sprache die ursprüngliche Aussage durchaus verändern oder umdeuten darf.

Zu Anfang der französischen Fassung wirft das lyrische Ich die Asche seiner Vorfahren in den Wind. Sie fällt von oben zurück und bleibt ihm an der nassen Haut kleben:

chargé de flambeaux éteints

d’augures calcinés

de cendres héritées

que je lançais parfois au vent

dans la sueur de l’ascension

où elles revenaient se coller 

In der deutschen Übersetzung sind es wohl die Fackeln, die dem lyrischen Ich als Wurfgeschoss dienen und ihm kurz darauf hart in den Rücken stoßen, wodurch eine andere metaphorische Dynamik und Sinnverschiebung entsteht:

beladen mit erloschenen fackeln

einem verkohlten omen

und mit vermachter asche

warf ich sie beim anstieg

schwitzend in den wind

schlug er sie mir wieder 

auf den rücken

Beim Lesen der Ursprungsfassung Terres déclives – einige Wochen nach Schieflage – hatte ich große Hochachtung vor der Übersetzungsleistung Raebers, der die Dramatik und Spannung der Texte sowie die Gefühlssituation des lyrischen Ichs gekonnt überträgt. Ich verstand im direkten Vergleich allerdings auch, warum die Sprache der deutschen Gedichte mich an einigen Stellen irritierte.

Dass Schieflage im Deutschen etwas adjektivlastig daherkommt, ist kein Zufall. Raboud spielt mit Adjektiven, benutzt sie als Stilmittel; aber das Französische ist schon an sich blumiger und pathetischer als das Deutsche und kann diese Häufungen besser verkraften, zumal sie auch wieder durch experimentellere Textstellen gebrochen werden, die in der deutschen Fassung getilgt sind.

Ein wenig schade finde ich auch, dass Partizipialkonstruktionen verbunden mit Genitiven den deutschen Gedichten an einigen Stellen die Leichtigkeit vorenthalten, die der französische Ausgangstext trotz des schweren Themas besitzt. 

Rabourd schreibt zum Beispiel: „les mélancholies éteintes/ assoupies“. Die deutsche Entsprechung dazu: „im schlummer erloschener/ melancholie“. Bei Raboud sind die Melancholien (im Plural) selbst Akteure. Deshalb hätte mir hier eine schlichtere Übersetzung näher am Original, auch was die Silbenverteilung in den Versen betrifft, besser gefallen, zum Beispiel so: die melancholien gelöscht / eingenickt.

Rabouds französischsprachige Dichtung ist musikalisch und ausgesprochen rhythmisch; er verwendet häufig Alliterationen, Assonanzen und gelegentlich Reime, auch setzt er Beinahe-Gleichklänge ein, die zwei Worte mitdenken lassen (zum Beispiel „chaudes lames“, dt. „heiße Klingen“, statt „chaudes larmes“, dt. „bittere Tränen“). Daraus entstehen hochinteressante Sounds und hintergründige doppelte Böden, die ich in der deutschen Fassung stellenweise vermisse.

Beeindruckend zum Beispiel im Französischen die zwei Endzeilen eines Textes im dritten Teil: „où la lumière même/ sombre“. Raboud braucht nur wenige Worte, aber in ihnen liegt eine ganze Welt. Auf Deutsch bedeutet „sombre“ „dunkel“ und steht gleichzeitig für ein in der 3. Person Singular konjugiertes Verb, welches in etwa „deprimiert vor sich hinvegetieren“ bedeutet. Hier wird das Licht selbst zum handelnden Subjekt, wird das Oxymoron zur Personifikation. In Raebers Übersetzung dieser Zeilen, die den Kontext brauchen, um als Sinneinheit zu bestehen, verliert sich das Ätherische und dabei doch Klare des Ursprungsgedichtes:

auf den von wetterschlägen

zermürbten mauern

klafft unsere niedertracht

als einzige das licht

verdunkelnde einsicht

Kritisch anmerken würde ich noch, dass die Übersetzung einige wissenschaftliche Schlüsselworte verwischt, die ich mit Blick auf den Gesamtkontext für wichtig erachte. Wenn von „versilberten Wolken“ die Rede ist, schrammt das leicht am Kitsch vorbei und führt damit in die Irre. Im Französischen benutzt Raboud hier keine Metapher, sondern den Fachterminus, „nuages ensemencés“. Es handelt sich um „geimpfte Wolken“, die künstlichen Regen erzeugen. Auch der seit 2003 von Glenn Albrecht eingeführte philosophische Begriff „Solastalgie“, die Trauer um klimabedingt verschwindende Orte wie Blatten, hätte meiner Meinung nach im Deutschen ruhig stehen bleiben dürfen. 

Insgesamt wirkt die deutsche Sprache in Schieflage für mich wesentlich traditioneller als das Französische in Terres déclives. Das muss kein Nachteil sein; vielleicht erleichtert es den Zugang zu den Texten, zum Beispiel für Schülerïnnen, die damit im Unterricht arbeiten können. Ideal wäre natürlich, beide Versionen zu lesen und zu vergleichen: Sie ergänzen und befruchten sich gegenseitig. Ganz sicher bin ich, dass sowohl Original als auch Übersetzung gerade nach diesen brennenden Sommermonaten 2026 große Intensität entfalten und die Lesenden noch länger berühren werden.

Thierry Raboud: Schieflage- Aus dem Französischen übersetzt von Yves Raeber. verlag die brotsuppe, Biel / Bienne, 2025. 72 S. geb. 24,– €.

Thierry Raboud: Terres déclives. Editions empreintes, Chavannes-près-Renens, 2022. 68 S., 21,– CHF.


Zu Thierry Rabouds Biographie, Werk und Literaturverständnis

Thierry Raboud wurde 1987 in den Schweizer Alpen im Wallis geboren und wuchs dort auf. Er lebt heute am Genfer See und ist Vater einer Tochter. 

Raboud studierte französische Literatur, Philosophie und Musikwissenschaften in Lausanne und Fribourg und ist als diplomierter Journalist und Literaturkritiker bei der Schweizer Tageszeitung La Liberté tätig.

An der Haute École de Musique de Lausanne durchlief er außerdem eine Ausbildung als Musiker. Literatur und Musik sind für ihn bei Auftritten untrennbar miteinander verbunden. Bei seinen literarischen Performances steht er häufig zusammen mit anderen Musikerïnnen oder auch selbst mit Gitarre auf der Bühne.

Lesungen aus seinem Gedichtband Terre déclives (2021, auf Deutsch 2025 erschienen im Verlag Die Brotsuppe unter dem Titel Schieflage, übersetzt von Yves Raeber) lässt er oft von einem Schlagzeuger begleiten. Sein künstlerisches Schaffen begreift er als eine Art Spiel im Spannungsfeld von Sinn und Klang (sens/son), vom Wort zum Ohr. 

Auch mit Fotografïnnen und Illustratorïnnen hat Raboud in den letzten Jahren in drei Künstlerbänden lyrisch-bildliche Dialoge geführt. In seinem aktuellen Band Un monde en liquidation (2026, Eine Welt in Auflösung, erscheint 2027 auf Deutsch) setzt er sich mit der Gletscherschmelze und ihren kulturellen Folgen auseinander.

Ein Großteil seines Werkes ist von einer tiefen Bindung zur Natur und dem Bewusstsein ihrer Fragilität sowie vom Misstrauen gegenüber der virtuellen Welt geprägt. Sein erster Lyrikband Crever l’écran (Empreintes 2019) bedeutet wörtlich „Den Bildschirm zerstechen“, im übertragenen Sinne aber auch „eine enorme Präsenz auf der Leinwand haben“. Der Text hinterfragt die digitale Revolution und ihre Auswirkungen auf den Menschen.

Zum Thema Umwelt entstehen seit 2024 in Zusammenarbeit mit verschiedenen Wissenschaftlerïnnen typografische Bilder auf der Schreibmaschine, so auch eine Serie mit dem Titel Ecographies („Ökographien“), wobei der französische Titel gleichzeitig auf das Wort „Ultraschallbild“ anspielt). Diese Werke werden in mehreren Schweizer Galerien und Museen ausgestellt.

Das dreiteilige Langgedicht Terre déclives tippte er während einer Residenz im Musée Jenisch in Vevey auf eine mehrere Meter lange Papierrolle. Für das Werk wurde er mit dem Literaturpreis „Tirage limitée“ der BCUL ausgezeichnet, wo sich heute auch das Original-Typoskript befindet.

Zwischen Klang- und Wortwelten sowie bildender Kunst kann Raboud als eine Art Universalpoet im Sinne Friedrich Schlegels gelten. Der Frühromantiker sah bekanntlich Literatur, Musik und Malerei als eine Einheit an.


Elegien für das 21. Jahrhundert?

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