Elegien für das 21. Jahrhundert?

Elegien für das 21. Jahrhundert?

Glück ist: wenn einem etwas Außerordentliches in die Hand fällt, die man selbst nicht danach ausgestreckt hat – etwa nach diesem schmalen, leinengebundenen Bändchen aus dem Verbrecher Verlag. Tatsächlich war es die Gattungsbezeichnung „Elegien“ im Untertitel des Bandes, der die Rezensentin bewogen hat, die Anfrage nicht abzulehnen, da sie sich als Literaturwissenschaftlerin zuständig fühlte.

Studierende der Literaturwissenschaft lernen zwei Bestimmungen der Elegie: Nach der formalen bezeichnet diese ein Gedicht, das meist in elegischen Distichen – also der antiken Abfolge von Hexameter und Pentameter – verfasst ist. Wird die Elegie inhaltlich gefasst, wird sie – als threnetische – auf die Themen der Klage oder – als erotische – der Liebe festlegt. Idealerweise lernen sie auch, dass die formale Bestimmung von der inhaltlichen zunehmend abgelöst bzw. überdeckt wurde. Entsprechend ist die Elegie im 21. Jahrhundert tendenziell etwas für formbewusste Germanistiklieblinge: Man denke an Durs Grünbeins „September-Elegien“ (in: Erklärte Nacht 2002), eine melancholische Reflexion auf 9/11, oder an Jan Wagners formal freiere „elegie für knievel“ (in: Australien 2010), dem amerikanischen Stuntman gewidmet, der durch halsbrecherische Motorradsprünge unsterblich wurde.

 

Tatsächlich verhält es sich heute mit der Elegie wie mit vielen anderen Gattungsbezeichnungen: Elegie ist, was ‚Elegie‘ genannt wird, sei es von Dichterïn, Kritikerïn oder Verlag. Das feierlich klingende Distichon ist ohnehin schon in Rilkes Wiederaufnahme herabgedimmt, heute nahezu ausgestorben.

Benjamin Stein nimmt sich nun seiner an – und bezeichnet Rilkes Umgang mit der Form in den Duineser Elegien als einen „Befreiungsschlag“: die Verkürzung und Abweichungen vom Betonungsschema der antikisierenden Verse, den Einsatz semantischer Pausen, die Fortführung der Syntax über Versgrenzen hinweg. Doch selbst diese freiere Form müsse, so Stein im Gespräch mit Hendrik Jackson auf lyrikkritik.de, „auf einen jüngeren Leser von heute einen altmodischen Eindruck machen. Man muss wohl im 21. Jahrhundert noch ein Stück weiter gehen als er.“ Das tut er in Tiferet. Elegies | Elegien (Berlin 2026), und bei Stein werden aus Rilkes zehn Elegien sieben.

Die jüdische Klagedichtung reicht zurück über die hebräischen Kinot bis zu den Klageliedern Jeremias über die Zerstörung Jerusalems; Paul Celan oder Nelly Sachs schlossen an die ritualisierten Formen kollektiver Trauer an und überführten die historische Katastrophenerfahrung der Shoah in eine fragmentierte, sprachskeptische Dichtung, in der Verlust und Verstummen selbst zum Thema werden. Der tschechische Dichter Jiří Orten hinterließ bei seinem Tod 1941 neun Elegien, die zwischen Februar und April 1941 entstanden und, recht formstreng, an Rilke anschließen.

Die Verschränkung von Titel und Untertitel – Pole, zwischen denen sich das weite poetische Terrain aufspannt, das Tiferet. Elegies | Elegien in sieben Suchbewegungen durchmisst –, hat es jedenfalls in sich. Ist die threnetische Elegie die Form für das Unwiederbringliche, für Bruch und Trauer, so bedeutet das hebräische ‚Tiferet‘ (תִּפְאֶרֶת) wörtlich: Schönheit, Herrlichkeit, Glanz, Harmonie. Der kabbalistisch konnotierte Begriff bezeichnet die sechste der zehn göttlichen Emanationen (Sefirot) im kabbalistischen Baum des Lebens, der auch vor der Haupttitelseite des Büchleins als Grafik erscheint. Darin steht es in der Mitte, als vermittelnde Kraft zwischen Gegensätzen, etwa zwischen ‚Chesed‘ (Güte) und ‚Gevurah‘ (Gericht, Strenge) – ebenso auf der Website, denn Tiferet gibt es in Papier und digitaler Form auf tiferet.net.

Steins Elegien lesen sich ebenso eindrücklich auf dem Handy- wie auf dem Computerbildschirm. Die Online-Version hat den Vorzug, dass hier Kommentare mit Wort- und Sacherläuterungen angeboten werden, die der Leserin einige Recherchearbeit ersparen. Wer indes das schöne Büchlein kaufen möchte, findet es im Verbrecher Verlag, die Kommentare auf separatem Display der digitalen Publikation, dazu die „Elegischen Notizen“, einen Kommentar des Autors.

 

Die zweisprachige Ausgabe auf Deutsch und Englisch lädt zum Vergleich ein – und man merkt gleich, dass es sich beim englischen Text auf der linken Seite nicht bloß um Steins nachträgliche Übersetzung eines deutschen Originals handelt, sondern um eine Stufe eines Aushandlungsprozesses, der, so scheint es, auch auf den deutschen Text zurückgewirkt hat. Eine Qualitätsentscheidung zugunsten der englischen oder deutschen Fassung mag ich nicht treffen, hat doch der punktuelle Vergleich in der synoptischen Darstellung Seite an Seite einen eigenen Reiz. Der entfällt in der digitalen Version, da man hier mit einem Klick in die obere rechte Bildschirmecke zwischen Deutsch und Englisch entscheiden muss.

Die Verbindung von jüdischer Mystik und antiker Form, die doch ganz gegenwärtig ist: Das ist keine kleine Aufgabe, die sich Stein (freilich nicht als Erster) stellt und die ihm doch – so viel sei vorweggenommen – eindrucksvoll gelingt. Der Autor hat bereits seit 1982 Lyrik und Kurzprosa in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Mitte der 1980er Jahre begann Stein, sich intensiv mit dem Judentum zu beschäftigen. 1991 vollzog er den Übertritt zum reformierten, 2004 zum orthodoxen Judentum, befindet sich seit 2010 aber „in einer Phase der suchenden Neuorientierung“, wie es in einem Aufsatz von Georg Langenhorst heißt. Den Begriff ‚Konversion‘ lehnt Stein ab, da er nicht aus einer anderen religiösen Konfession zum Judentum übergetreten sei, wie er in einem Beitrag auf seiner Homepage berichtet.

Er ist Vater von vier Kindern, leitet eine Firma, die Unternehmen im Bereich IT-Sicherheit berät („Es gibt keinen Mangel an handgreiflich sinnvoller Betätigung“, sagt er von sich). Als seine Mentorïnnen nennt er Ulrich und Charlotte Grasnick, als seinen Lehrmeister Zbignew Herbert. Für Romanlesende ist der 1970 in Ostberlin geborene Autor womöglich kein Unbekannter, hat er nach seinem Debüt Das Alphabet des Juda Liva (1995 im Ammann Verlag) zwei weitere Romane bei C. H. Beck (2010 Die Leinwand, 2012 Replay) und 2014 im Verbrecher Verlag eine überarbeitete Neuausgabe des Debütromans veröffentlicht, dazu 2015 Ein anderes Blau. Prosa für 7 Stimmen, zuerst 2008 in einer Kleinstauflage in der edition neue moderne erschienen, einem Autorenverlag, den Stein von 2008 bis 2020 betrieb.

Vom Roman also nun zum Gedichtband, von der großen Form zur poetischen Verdichtung und Reduktion. Seine Formentscheidung – für die Lyrik, für die Elegie – kommentiert Stein lakonisch in den „Elegischen Notizen“: „Aber ich hatte Grund zur Klage und wollte einen Gesang; und die Elegie ist die prototypische Form des Klagegesangs.“

 

Stein schreibt Tiferet aus einer jüdischen Perspektive gegen die Logik der wechselseitigen Entmenschlichung und versucht dabei, so meine Lesart, sowohl die jüdische Erfahrung von Gewalt und Bedrohung als auch die palästinensische Erfahrung von Vertreibung, Besatzung und Vergeltung ins Bild zu rücken. Sein poetisches Verfahren besteht darin, beide Erinnerungs- und Leidensgeschichten in eine gemeinsame genealogische und religiöse Bildsprache zu überführen. Und Stein, der Judaistik und Hebraistik in Berlin studiert hat, vermittelt der Leserin die Sicherheit, dass er weiß, was er tut, wenn er in den sieben Elegien furchtlos die großen Themen der Dichtung anfasst: Kindheit, eigene Kinder und das Sterben der Eltern, Heimkehr und Exil, Liebe und Verlust, Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Alltag und Transzendenz, Tod, Trauer und Glück.

Dabei wird ein großes literarisches, mythologisches, religiöses und historisches Figureninventar aufgeboten. Rilkes Engel bekommen den Djinn (Dschinn) Al-Hāris an die Seite gestellt. Mystische Figuren wie Baal haben ebenso ihren Auftritt wie Mušḫuššu, ein Mischwesen der sumerischen Mythologie, der Utøya-Attentäter Breivik, der Tate-Mörder aus der Manson-Familie, der Unabomber Ted Kaczynski ebenso wie Lenin auf der Zugfahrt nach Russland. Die Konturen des Guten und des Bösen werden in der Bilderfolge – ich unterstelle: äußerst bewusst – unscharf; das (lyrische) Ich nennt sich probeweise selbst Abu Daoud und weiß, dass einer der Attentäter von München 1972 denselben Namen trug. Das Buch mit dem hebräischen Titel und den Bibelreferenzen (etwa auf Genesis 16 und 21, der Verfluchung und Vertreibung Ismaels und Hagars) ist durchsetzt mit arabischen Wörtern wie ‚Thawb‘, ‚Sujúd‘, ‚Baba‘, die bei Bedarf in den Anmerkungen erklärt werden.

Die poetische Trauerarbeit vollzieht sich zwischen mystischer Ordnung (Tiferet) und der offenen, nie abgeschlossenen Bewegung der Klage (Elegie), zwischen Resignation und Hoffnung, Menschheitskatastrophe und Utopie, zwischen persönlicher und kollektiver Erfahrung – des (Sprach-)Verlusts, des Traumas, des Exils. Die Gedichte werden nie explizit in der Trauer, nie larmoyant; Tragik offenbart sich umso ergreifender durch Andeutung:

 

Der Djinn stand bei ihr, als sie sprang.
Sag einer Fackel, sie soll nicht mehr brennen,
eher verlöschen auf nasskaltem Stein.
Wir waren fern. Kein Engel, kein Freund in der Nähe.

 

Die erste Elegie ist nicht wie bei Rilke eine vergebliche Anrufung eines Engels; stattdessen blickt sie auf das Kind, das das Ich war, ein Kind, das die Sprache der Mauersegler spricht, die in seinem Haar wohnen, von den anderen Kindern verspottet, von der Mutter behütet: „auch sie sah die Flügel nicht.“ Es bleibt „die Leine der Kindheit gespannt“, auch über Jahrzehnte hinweg; sie löst sich erst mit dem Tod der Mutter, der den Abschluss eines eindrücklichen Gedichts bildet:

 

In der Nacht, als sie starb,

schlief ich leicht und stieg

schwerelos auf,

und niemand hielt meine Hände.

 

Das dichte Referenznetz, das Tiferet durchzieht (Zitate intermittieren häufig kursiv gesetzt die Elegien), verbindet Shakespeares Hamlet mit Tim Burtons Filmfassung von Alice in Wonderland, die Lieder des elisabethanischen Dichters und Komponisten John Dowland aus dem Second Book of Songs mit dem finnischen Volkslied „Tuoll on mun kultani“ (in englischer Übersetzung Steins); Kafkas berühmten Tagebucheintrag vom 20. November 1913 – „Im Kino gewesen. Geweint.“ – mit dem Epitaph Sylvia Plaths – „Even amidst fierce flames the golden lotus can be planted.“ Die Referenzen sind keineswegs gelehrt-dekorative Bildungsnachweise, sondern fügen Steins Elegien Haltepunkte, Reflexionsraum und einen poetischen Soundtrack hinzu. Von Dowland etwa finden nicht allein die dem Band als Motto vorangestellten Verse aus „I saw my Lady weep“ Eingang, sondern auch der Vers aus „Flow My Tears“, der auch von Benjamin Britten und Sting vertont wurde und die Thematik des Exils aufruft:

 

Heimat, Exil – das sind Worte, die schmecken

und riechen nach bitterer Mandel.

Heimkehr ist immer auch

Abschied von anderswo.

Exiled forever, let me mourn.

Das Exil, das auch bei Celan im Bild der bitteren Mandel Ausdruck findet, ist ein endgültiges und dauerhaftes, ja, der existenzielle Zustand des Menschen, sei es des jüdischen (die Westwand bzw. Klagemauer, Kotel, ist das letzte Überbleibsel des Herodianischen Tempels in Jerusalem, wie es im Kommentar heißt) oder jedes anderen; Stein findet an späterer Stelle mit dem Verb „luftwurzeln“ dafür ein eindrückliches Bild.

 

Kein Himmel hängt mehr zwischen uns und dem Nichts.

Der Vater ist tot, den wir hatten.

Die Mutter in uns siecht dahin.

Nichts ist geblieben vom Haus als die Westwand.

Heimkehren können wir nicht.

 

Der Beginn der vierten Elegie antwortet auf die Anfangszeile von T. S. Eliots The Waste Land, „April is the cruellest month“ mit „Auch ein grausamer Monat, Oktober“. Diese vierte Elegie, die (neben der sechsten) vermutlich die politisch deutlichste ist, führt in eine Bildwelt von Gewalt und Angst, in der auch eine religiöse Zentralfigur aufgerufen wird – mitsamt dem umstrittenen Symbol bei studentischen Demonstrationen in Berlin nach dem 7. Oktober 2023: „Ishmael brennt sich durch Orte und Felder,/ reckt rot seine Hände zum Himmel/ und füllt sich die Taschen mit Seelen.“ In der jüdisch-christlichen Tradition steht Ismael für den anderen Sohn Abrahams; im Gedicht wird er zur Chiffre für den arabisch-muslimischen Anderen. Doch wenn es heißt: „Ishmael, Ishmael, wie/ soll ich in dir noch den Bruder erkennen,/ in deinen Kindern die Nichten und Neffen“, wird der Konflikt aus der politischen in eine genealogische und familiäre Sphäre verschoben, der Feind zum verlorenen Bruder. Der Andere ist nicht bloß der Feind, der politische Konflikt kein Kampf zweier fremder Kollektive, sondern – und wie oft in der Menschheitsgeschichte umso hasserfüllter – eine zerstörte Verwandtschaft. Und wenngleich die Gewalt eindeutig aus dem Nahen Osten in den Text einbricht, verweigert Stein eine einfache politische Identifikation, indem das Geschehen entnationalisiert und universalisiert wird: ein Verfahren, das man in Frage stellen, als eine naive Nivellierung von Differenzen lesen kann – oder als einen poetischen Versuch, das zeitlich und existenziell Nächstliegende zu bearbeiten.

In Tiferet erscheint der 7. Oktober als Teil einer langen Geschichte von Hass, Gewalt und Vertreibung, in einer Klage, die ausdrücklich palästinensisches Leid und die Logik der Vergeltung einbezieht: „Väter und Mütter und Kinder,/ fünfzig für einen, hundert für einen“ oder: „in diesem Land, das sich seinen Bewohnern nur/ leiht und sie ausspeit“.

Dass und wie Stein dafür auch auf narrative Muster rekurriert und diese in Tiferet einwebt, zeigt eine eindrückliche rückwärtslaufende Sequenz wie die folgende, in der Zerstörungen und Versehrungen heilen, Feuer verlöschen, Geschosse auf Geschütze und die vertriebenen Menschen in ihre Heimstätten zurückkehren:

 

Zeig mir den Film vom Ende zum Anfang:

wie das Haus aus den Schuttbergen aufsteht,

wie das Korn auf den Feldern sich reckt in die Flammen,

wie eine Detonation das Feuer mit einem Schlag ausbläst,

wie Wunden sich schließen,

wie Projektile, Granaten, Raketen

landen auf Rampen, in Mörsern, Gewehren,

wie Jungen die Waffen in Tunneln begraben,

wie wir, den Rücken voran,

nach Teheran, Tripoli, Baghdad, Aleppo,

Zug um Zug in die Städte Europas,

zu Schiff von Fès nach Granada,

zu Fuß nach Madjdal und Haifa,

heimkehren, heimkehren,

immerfort heimkehren –

Die palästinensische Vertreibung wird nicht ausgeblendet, sondern in eine gemeinsame Geschichte von Exil und Heimkehr eingeordnet. Es geht nicht darum, wer das Recht auf Land, Geschichte oder Opferrolle besitzt, sondern um die Anerkennung geteilter Herkunft und Verwundbarkeit:

 

bis endlich auch die vertriebene Frau

mit ihrem Kind aus der Wüste zurückkehrt

und wir im Schatten des Zeltes spielen,

von unseren Müttern und unserem Vater

gleichermaßen geliebt.

 

Trotz solch utopischer Zeilen kann man (will ich) Tiferet nicht den Vorwurf machen, einen naiven Pazifismus zu performen. In der dritten Elegie ist die Gewalt beider Seiten sehr konkret. Die Verse führen eine Sprache vor, die selbst von Propaganda und Gewalt durchsetzt ist und die Hasskraftwerke auf beiden Seiten bezeigt:

 

Jeden Tag Grund, wen zu töten.

Kaum noch geht anderes andern

anders ans Herz als mit Messern.

Nur Unterdrückung macht frei.

Allerseits rufen die Werber

neue Rekruten zum Kampf.

Ausweisen, ausschalten, ausmerzen –

 

Das Gedicht stellt die sprachlichen Mechanismen aus, durch die Gewalt gerechtfertigt und normalisiert wird – und erscheint so stellenweise fast schon als Medienkritik des 7. Oktobers und seiner Folgen. Tiferet ist ein Gedicht, kein politischer Essay; die Verse sind keine überprüfbare Chronologie des Nahostkonflikts. Sie reagieren auf eine medialisierte Gegenwart, in der Nachrichten, Bilder, Propaganda und Gegenpropaganda ineinanderlaufen: „Panik springt uns aus den Nachrichten an“, und: „Gedankenfilz, Unrat aus allerlei Häusern,/ eigens für dich brikoliert,/ täglich vom Gleichen noch mehr.“

 

Der Band entstand vor und nach dem 7. Oktober 2023; am Ende des Gedichts findet sich der Entstehungsvermerk: „Berlin / Doha / Aljezur / März 2023 – Juni 2025“.

Tiferet ist eine Reise in sieben elegischen Bewegungen, die von Pankow über Portugal bis nach Khor Al-Adeyd im Süden Katars reicht. Wie weit das geistige Panorama ist, auf dem die Gedichte aufruhen, zeigt sich, wenn Stein hebräische und arabische Ortsnamen abwechselt: Madjdal und Haifa, Jaffa und Ramla, Akko, Zefat und Il-Lid.

Stein antwortet in Tiferet auf den israelisch-palästinensischen Konflikt weder mit Schuldzuweisung noch mit äquidistanter Neutralität. Seine jüdische Poetik der Klage versucht vielmehr, die gegensätzlichen Erinnerungs- und Leidensgeschichten als gespaltene Genealogie lesbar zu machen: Israel und Palästina erscheinen in den Gestalten von Isaak und Ismael als zerrüttete, aber nicht auflösbare Verwandtschaft. Die Poetik von Tiferet ist – so stellt es sich zumindest der Rezensentin dar, die jederzeit einzuräumen bereit ist, dass sie irrt (in einer Gemengelage zumal, deren Dimensionen, Abgründe und Verwerfungen sie nicht zu überblicken imstande ist) – keine Poetik der Parteinahme, sondern der Vermittlung, nicht der harmonisierenden Versöhnung durch Tilgung oder Nivellierung der Differenz, sondern des Aushaltens gegensätzlicher Kräfte – und zugleich eine medienkritische, die darauf insistiert, dass Leidensgeschichten nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen.

 

Es ist eine weite Reise, und – in den Worten Steins im Gespräch mit Jackson: „Es behauptet aber auch niemand, es sei leicht. Deswegen ende ich in ‚Tiferet‘ mit ‚Die Reise ist lang und beschwerlich.‘ Immerhin ist sie lang. Wir haben uns nicht aufgehängt. Aber leicht ist es nicht.“

Zur Suche nach der Form, zu den spirituellen und geografischen Suchbewegungen, gesellt sich die ungleich schwerere nach der eigenen und zugleich fremden Sprache:

 

Langsam verlässt mich das Deutsche,

die Vaterlandssprache, ihr Mutterton.

Schlapp klappt die Zunge tief in die Kehle.

Die purpurne Schnur würgt im Hals.

 

Wie zum Beweis klingt an dieser Stelle die englische Version mit der Assonanz „tongue“ und „tone“ eindrücklicher: „German is slowly abandoning me, / my fatherland's tongue, its mothering tone.“

Doch am Ende des Bandes wird eine zaghafte leise Hoffnung artikuliert, bevor die Motive vorangegangener Gedichte kunstvoll enggeführt und im prägnanten Bild der Luftwurzel wiederum Celan anklingen lässt:

 

Vielleicht kann ich doch die eigene Sprache

wieder erlernen und üben.

Und die der andern und Welten entdecken,

luftwurzeln anderswo.

Noch einmal staunen und träumen und fliegen

als Turmsegler, Möwe und Falke.

Herzen mit tausenden Armen und singen,

womöglich das Feuer berühren.

Im Schmerz wird uns klar, dass wir leben.

„Im Schmerz wird uns klar, dass wir leben.“ Stein hat keine Angst vor der Fortschreibung des elegischen Distichons ins 21. Jahrhundert, keine Angst vor gewaltigen Versen, die dadurch umso eindrücklicher werden, dass sie mit Lakonie vorgetragen werden. Ein Glück.

Wir wissen ja nicht, was wahr ist,

sagst du.

Wir können nur sagen,

was zählt.

 

Benjamin Stein: Tiferet. Elegies | Elegien. Verbrecher Verlag, Berlin 2026. 80 S., geb., 20,– €.

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