Sweet Peg in der deutschen Literatur. Zu Juliane Lieberts Mörder(innen)balladen
Der neue Gedicht- oder genauer: Balladenband Juliane Lieberts trägt eine der originellsten zugleich und witzigsten Widmungen der vergangenen Jahre: „für die tanzenden Blechbläser die nie die spucke aus ihren instrumenten klopfen“. Damit ist der in die Lyrikempfehlungen 2026 aufgenommene Band unter das Zeichen der Musik gestellt oder wiederum genauer: unter das Zeichen der Balkan-Bands mit ihren experimentellen Mischungen verschiedener Stile. Man kann das als einen ersten Hinweis auf Lieberts Verständnis des alten und seinerseits grenzüberschreitenden Genres der Ballade auffassen, das sie – so unzeitgemäß wie sympathisch – in ihrem Band zu neuem Leben erweckt. Genau genommen greift Liebert auf ein spezifisches Subgenre der Ballade zurück, das ebenfalls weit zurückreicht – mindestens bis in die Moritaten der Frühen Neuzeit –, in jüngerer Zeit jedoch, oftmals vermittelt durch Nick Cave und sein Album Murder Ballads von 1996, vor allem in popkulturellen Kontexten zu finden war: die Mörderballade. Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dieter Burdorf hat diesem – in seinen Worten: „neu zu entdeckende[n] Genre der deutschen Lyrik“ – vor einiger Zeit einen Aufsatz gewidmet. Allerdings behandelt Burdorf darin nur solche Mörderballaden, in denen Männer Frauen ermorden, wie es etwa bei Helmut Krausser der Fall ist, was in der gegenwärtigen Diskurslandschaft durchaus irritierend wirken kann.
Bei Juliane Liebert stehen – ganz so, als habe sie den Aufsatz Burdorfs gelesen und darauf hinweisen wollen, dass nicht nur Männer morden und nicht nur Autoren darüber schreiben – vor allem (historische) Mörderinnen im Zentrum, wobei es gar nicht immer um Mord geht, zumindest nicht in einem engeren Sinn, und die Frauen teilweise trotzdem Opfer männlicher Gewalt sind. Die verstörende „ballade vom ungeborenen leben“ zum Beispiel handelt von der Geburt des Kindes einer für hirntot erklärten Mutter in Georgia, der der Text drastischerweise in den Mund bzw. Kopf gelegt ist. Eine andere, die explizit „keine moritat“ sein will, schildert einen exemplarischen Fall von female revenge („es war ein montag als maria an der haltestelle“). Man wird also von einer feministischen Interpretation des Genres sprechen können, selbst wenn dies nicht im Vordergrund steht und man im Band auch einigen illustren Mördern begegnet. In jedem Fall ist die Mörder- bzw., wie man sie spätestens von jetzt an nennen möchte, Mörderïnnenballade um einprägsame Fälle, Figuren und Verse reicher geworden. Einige von Lieberts ‚Mörderïnnen‘ wird man so schnell nicht mehr vergessen: Peggy Jo Tallas aus Texas etwa – die, als Mann („cowboy bob“) verkleidet, mehrere Banken ausgeraubt hat, ohne dabei eine Schusswaffe zu verwenden, und so zum Exempel für eine so gewaltfreie wie listenreiche weibliche Variante des Bankraubs geworden ist. In die US-amerikanische Kultur ist sie in Form eines Theaterstücks und eines Musicals bereits eingegangen – jetzt ist „sweet peg“, wie sie von der Erzählerin der „ballade von peggy jo tallas“ zärtlich genannt wird, auch ein Teil der deutschen Literatur. Oder die Serienmörderin Lizzie Halliday, die als erste Frau zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt worden ist, dann aber begnadigt und in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde, wo sie einen weiteren Mord beging.
All diese Fälle sind kurios und schon insofern interessant. Dass man sich aber länger mit ihnen beschäftigen möchte (und selbst anfängt zu recherchieren, um mehr zu erfahren), ist vor allem der besonderen Darstellungsweise Juliane Lieberts zu verdanken, die – bei aller Lust an der Drastik – von Empathie bestimmt ist, außerdem von einem schrägen Humor sowie untrüglichem Timing, das noch mehr an Musik als an Lyrik geschult zu sein scheint. Insofern verwundert es nicht, dass sich im Band – was man als einen Verweis auf Brechts „Hauspostille“ verstehen mag, einen Klassiker der Mörderïnnenballade – auch drei Texte mit Noten finden: „das amazon prime lied“ (das „mit vollen backen zu singen“ ist, „bis man erstickt“), „essen töten shoppen“ (eine Variation über Mark Ravenhills „Shopping and Fucking“) und „the real true crime song (gesetzt für chor mit vier stimmen)“. Diese Stücke sind aber wohl eher als Witze zu verstehen.
Juliane Lieberts wahre Stärke liegt in Texten, die von Musik inspiriert, selbst aber keine Lieder oder Songs sind, sondern Gedichte, die für sich stehen können und keine Musik benötigen. Das wahrscheinlich krasseste Gedicht des Bandes – „die ballade vom mitleid” – ist mit Musik sogar kaum vorstellbar. In ihm geht die Erzählerin von einem scheinbar nebensächlichen Detail aus: dass die Henker einer zum Tod am Galgen verurteilten Frau eine Jacke um die Schultern gelegt hatten: „– wozu/ die jacke?// sorgte jener, der dich band/ sich um dein frösteln? oder deine lunge?“ Erst in den Quellenangaben am Ende erfährt man, dass es sich bei der Frau um Elisabeth Becker handelt, die Aufseherin im KZ Stutthoff gewesen war und 1946 gehenkt wurde. Fotografien von ihr mit der Schlinge um den Hals und der Jacke um die Schulter finden sich im Netz.
Ganz andere Töne gewinnt Liebert dem Genre in „ballade für meine toten lieben“ ab, die einer erwachsen gewordenen Tochter in den Mund gelegt ist, der „letzte[n]“ ihrer Familie:
wie es wohl meiner mutter geht
dort in der hellen erde
trinkt sie? horcht sie? ist ihr kalt?
ich habe ihren schmuck noch hier,
den ausweis, ein paar strümpfe
Und am Ende heißt es:
ich blieb allein hier mit der zeit,
der wahren mörderin
in den wohnlandschaften des heimwehs
mit euren möbeln und eurem besteck
Die Zeit als die wahre Mörderin – das prägt sich ein, genauso wie das Gedicht „ach sehen Sie mich nicht so schrecklich an“, in dem ein desillusioniertes Lebensmotto formuliert wird, neben dem die atheistischen, auf protestantischen Kirchenliedern beruhenden Gedichte aus Brechts „Hauspostille“ (die hier wieder anklingt) geradezu fromm wirken:
ich will kein vernünftiges leben führen
denn alle trifft das gleiche geschick:
den frommen und den gottlosen,
den guten und den bösen,
den reinen und den unreinen
den guten und den sünder
und die hölle ist so leer
wie der himmel
Juliane Liebert: mörderballaden. Suhrkamp, Berlin 2025, 60. S., geb., 20,– €.

