Cosmic Liebeslyrik mit Quanten-Katzen

Cosmic Liebeslyrik mit Quanten-Katzen

Manchmal sind Abstecher in die Kulturgeschichte hilfreich, um über einen Gedichtband in angemessenem Rahmen nachzudenken, insbesondere wenn sein Titel und Untertitel es regelrecht nahelegen: Gestirne heißt der Band des 1994 geborenen Alexander Schnickmann, Leonce und Lena-Preisträger und form- und sprachbewusster Dichter, der nach seinem Debutband Requiem (Matthes und Seitz 2024) nun einen Band mit „Weltraumgedichten“ vorlegt, wie es der Untertitel ankündigt. Allzu konzeptuell sollte man letzteren dabei nicht verstehen, der Begriff zieht keine unerwarteten Formen nach sich, er dient eher dazu, die Gedichte in eine bestimmte Denktradition einzuordnen.

Denn das Verhältnis von Mensch und Kosmos hat unzählige Bilder, Mythen, Gedichte, Lieder, Sinfonien, Filme hervorgebracht. Denken wir etwa an den Anfang von Johann Wolfgang von Goethes „Dichtung und Wahrheit“, der sein Leben als Ausdruck einer besonders glücklichen Konstellation erfasst:

Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Der Stern von Bethlehem, der die Geburt Jesu ankündigt, Gustav Holsts Die Planeten, Lars von Triers Melancholia, Samantha Harveys Umlaufbahnen sind weitere Beispiele für ein Fruchtbarmachen dieses existenziellen Verhältnisses –der „Konstellationen“, die in abstrakteren theoretischen Schriften, etwa bei Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, in sich vom metaphysischen Kontext allmählich entfernenden Denkfiguren fortwirken.

Ganze Weltbilder bauten auf konstellativen Verhältnis von Menschen und Planeten auf, die Astrologie, aber auch das in seiner Logik der Entsprechungen so faszinierende elisabethanische Weltbild, das geprägt war von der Vorstellung, die Ordnung des Universums, der Makrokosmos, spiegle sich im Kleinsten, im Mikrokosmos. Im Falle eines Ungleichgewichts in dieser Ordnung, die sich auch auf das Kleinste auswirkte, käme es darauf an, die Ordnung im Großen wiederherzustellen – eine Logik, vermittels derer Stephen Greenblatt in seinen Shakespeare Negotiations die Stücke des weltliterarisch bedeutenden Autoren deutet.

Verbindungslinien dieses Weltbildes lassen sich aus dem 15. Jahrhundert bis in die Antike zurückverfolgen, z.B. zur Temperamentenlehre, wie sie der Arzt Galen entwickelte, der eine Art psychologisches Schema entwickelte, das auf den Körpersäften und deren Vorkommen im menschlichen Organismus beruhte.

Winzig wird der Mensch beim Blick in den nächtlichen Himmel, und dem Melancholiker, der ein Übermaß an schwarzer Galle in sich trägt, haftet das Image des Grüblers, Künstlers und Dichters an. Die Kunsthistoriker Erwin Panofsky, Raimund Klibansky und Fritz Saxl haben mit Saturn und Melancholie, ausgehend von Albrecht Dürers Kupferstich Melencholia II, diesem Temperament und seinen kulturhistorischen Darstellungen eine bahnbrechende Studie gewidmet.

Puh! So viel Ballast, könnte man einwenden. Aber es gibt ihn nun einmal und auch Schnickmann kommt nicht um ihn herum. Seine Gedichte wissen ganz offenbar von Traditionen und ihren Ausprägungen. Sie kennen den Club der melancholischen Dichter, und ihr Sprechersubjekt zählt sich dazu, wenn eines den Titel „the history of melancholia includes all of us“ trägt. In diesen Club gehören für das lyrische Subjekt vor allem Vertreter der anglo-amerikanischen (beat) poetry von Walt Whitman, Emily Dickinson, Peter Orlovsky, Diane Seuss oder Allen Ginsberg, aber auch eine zufällige Bekanntschaft, „that guy I/ met on the beach“:

 

:       Charles & Emily & Walt & Diane

& Saul & Peter & that guy I

met on a beach somewhere &

:       I’ve been losing names lately

als lägen sie auf dem Boden

irgendeines Kraters und ich

komm einfach nicht dran or

:      I can’t seem to get my arms

working like literally wirklich

jetzt this is not a metaphor

oder Schwerkraft suspended das

:      Deutsch ist mir sehr schwer ge

worden ruder durch den Orbit and I

can’t seem to get my mind working

and my feet landing & Naomi

& Allen & Sylvia & my buddy C

whose face I haven’t seen in

twenty million years : : : : : : :

 

Die Gestirne prägt letztlich weniger eine Ästhetik der Kosmologie und Kosmogonie, wie sie heute noch etwa im Werk von Raoul Schrott oder ein Jahrhundert früher auch bei William Butler Yeats fruchtbar wird, als die postmoderne Kunst des Zufälligen, derer, die sich beim Cruisen zufällig begegnen – „Naomi & / Allen & Sylvia & my buddy C“. So bedeutend wie das Wunder der Sprache, das Entferntes zusammenrücken kann, und der Sterne, die viel weiter entfernt sind, als es für das menschliche Auge den Anschein hat, ist das des Körpers mit Haut und Haar, mit der Möglichkeit zur Nähe:

 

ich suche die Sterne auf deiner Haut

dass und dämmernd Wolken drehen

 

und kann nichts mehr sehen

als den schwachen Schein über Feldern

dass ich wirklich wach

liege neben dir: ausgestreckt und schwingen

sehr zart deine strings sicher

 

und sicher

und dass

sicher dass

                       

und dass Gestirne gehen

denk ich flüstre und atme bete GOTT

lass keine Sonne aufgehen

lass keinen Morgen kommen

lass die Wolken weiterziehen

dass die Sphären nicht mehr drehn

 

Erotik und Lust machen die Ordnungen der Welt vergessen, sie erzeugen den faustischen Moment, in dem das erotische „Verweile doch!“ die Vernunft, die Logik, die Ordnung der Welt unterbrechen will.

Alexander Schnickmanns lyrisches Subjekt denkt oftmals romantisch, ist auch ein bisschen Kind; seine Weltraumgedichte haben dann etwas von dem womöglich elementarsten Weltraumgedicht der deutschen Sprache. Im Lied „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“, das Kinder beim Laternenumzug singen, konzentriert auf die Laterne schauend, die man stolz vor sich herträgt, um das Licht darin nicht zum Erlöschen zu bringen, ist jenes Gefühl von großer Wichtigkeit, die Parallele vom Kleinsten im Größten ebenso präsent wie in derart beseelt sprechenden Versen Schnickmanns:

 

die Nacht wird klar

ich schwebe über den Decken

ich wende mich dir zu

wie die Gezeiten

ich schreibe ein Gedicht über die Sterne

sage ich in deine Dunkelheit

deine Atemzüge:         Strecken im Raum

 

Diese Romantik und Sehnsucht einer im schönen Sinn naiv-erotischen Urszene wird vom Motto des Bandes unterstrichen, in dem das Staunen ebenfalls präsent ist:

 

Admirer as I think I am

Of stars that do not give a damn

I cannot, now I see them, say

I missed one terribly all day

 

zitiert Schnickmann Verse von W. H. Auden, aus dessen Gedicht „The More Loving One“. Die Bewunderung des lyrischen Subjekts bei Auden gilt nach dem Blick auf das All bewusst dem, was ihm wichtiger erscheint als Sonne, Mond und Sterne: der konkreten und sich im Leiblichen realisierenden Hinwendung zu einem menschlichen, sterblichen und fassbaren Du.

Gestirne sind Liebes- und Sehnsuchtsgedichte. Sie denken das Nächste mit dem Fernsten zusammen: den menschlichen Körper mit den Himmelskörpern. Das Durchdeklinieren des Verhältnisses des sprechenden Ichs zu den Planeten von der Sonne bis zum Saturn bildet den romantischen und schicksalhaften Unterstrom für das rauschhaft sich als Teil einer größeren Ordnung inszenierende Ich.

Gäbe es hier kein Gegengewicht zu dem pathetisch gefeierten Wissen, gäbe es nicht auch eine ironische Ebene, die immer wieder beschritten wird, glitte der Band womöglich ab in den Kitsch. Gegen das Eingebundensein in höhere Ordnungsprinzipien schreiben einige Gedichte mit Rückgriffen auf die Physik an. Eine Katze, die sich als Motiv durch den Band zieht, entpuppt sich als Schrödingers Katze. Der Terminus, der sich auf das Gedankenexperiment aus den Anfängen der modernen Physik bezieht, weist nach, dass die direkte Anwendung der Quantenregeln auf große Objekte zu absurden Schlussfolgerungen führt. Vorstellung von Teilchen werden falsch, wenn man sie auf zu große, grob tastbare und sichtbare Dinge bezieht: Ergebnis kann die irrige Annahme sein, etwas sei zugleich tot und lebendig:

 

mir ist das nicht geheuer deine Katze

auf der Straße unzählige Katzen auf

allen Straßen die Stadt ertrinkt in Katzen

 

heißt es im mehrteiligen Gedicht „Schrödinger in Dublin“.

Das harte Gegeneinanderschneiden einer Position des sprechenden Ichs, die besagt: „Seht her, ich bin Teil eines kosmischen Prinzips“ und einer, die besagt: „Es gibt hier nichts zu sehen, wenn man nach dem sprechenden und sehnenden Ich sucht“, das manchmal gleitende Ineinanderfließen, manchmal Auseinandertreiben einer schwärmerischen und einer rationalistischen Haltung, Fülle und Leere, Sinn und Unsinn stehen sich in Gestirne gegenüber, prallen aufeinander:

 

ich schreibe ein Gedicht über die Sterne

sage ich zu nobody in particular

sage ich von der Bettkante herab

sage ich in den Staub und die Leere

 

Darüber hinaus flicht Schnickmann in die Verse dieses Bandes immer wieder Verweise aus der Pop- und der Subkultur ein: Songs von Björk (wie einer ihrer Songs heißt ein Gedicht „Venus as a Boy“); „Gatorade“, der Energy Drink, tröpfelt in ein anderes Gedicht hinein, Memes, mit  Anspielungen auf alles, was gay ist – damit schließt Schnickmann doch wieder einen Kreis zu Shakespeares Welt und der elisabethanischen Weltordnung, den man dann allerdings nicht mehr bierernst nehmen sollte, wenn ihn eine Feder erschrieben hat, die nicht nur von Liebe, sondern eben auch von Wein trunken sein kann:

 

und gerade als wir den Weinvorrat

der Bayerischen Motoren Werke

vernichtet hatten das Knirschen

der Steine vor dem Hof

 

die unsicheren Schritte in der Dunkelheit

derselbe Mond über dem Turm

 

Die Kunst des Witzes und höherer Unsinn werden ebenso zelebriert wie die Freude am denkenden Spiel und am spielenden Denken. Diese Gestirne strahlen eine produktive Unruhe aus, ein queeres Flirren, ein hohes Maß an Lust, sei es Lust am Sex oder Lust am Denken. „Für dich, wenn du nicht schlafen kannst“, heißt es in der Zueignung des Bandes, und man bleibt mit diesen Gedichten auch dann gerne noch wach, wenn man doch schon zur Ruhe kommen könnte.

Alexander Schnickmann: Gestirne. Weltraumgedichte. Matthes und Seitz, Berlin 2026, 100 S., 20, – €.

zæsur. poesiekritik – Preis für junge Lyrikkritik

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