Tage, wie Graubrot öde

Tage, wie Graubrot öde

„da wird’s knapp mit der Unendlichkeit“, schreibt Bertram Reinecke in seinem Gedichtband Mit den Jahren Selbst 10/24, erschienen bei Moloko Print 2025. Das strophische, in Kapitel unterteilte Langgedicht nimmt „direkt“, wie der Autor im Nachwort versichert, eine Bestandsaufnahme vor. In einem Plauderton skeptischer Positionierung streunt das lyrische Ich durch Bibliotheken und durch ins Metrum eingeschobene Notate mit Parallelkonstruktionen wie „Aber mal im Ernst“, „Aber mal ehrlich“, „Aber im Ernst“ oder „Naja Sie merken schon“:

 

Naja, aufkehren und weiterwursteln

immerhin kommst du mit dir selber klar

hat man ja auch Jahrzehnte Übung damit

. . . oder kann zumindest geräuschlos mit sich Kompromisse machen.

 

Ergänzt um Fotografien, spannt der strophische Bogen in zwölf Abschnitten von Friedhof bis Grab eine eigenwillige, einzelgängerische Grübelpoesie auf: „Tja und was die Landschaft betrifft/ früher sah es so aus, als wäre sie zuverlässig da“, und „sobald man ein Stück fährt/ fährt man schon jemandem über die Füße“. Zeichensatz-Eigenwille, auch gewisse Rauheit in der Fügung, Ergänzungen, Auslassungen in den gefundenen Notaten, eine zuweilen eher flüchtige Rechtschreibung, trockene Vokalführung treten auf und bewirken gemeinsam den wahrnehmbaren Habitus jener Direktheit. Rhythmisch eingebaute Zwangsläufigkeit im sprachlichen Anschluss (von Silben, ganzen Fremdzitaten) findet sich durch eingeschobene Collagenblätter aus naturwissenschaftlichen Quellen, z.B. zu Staub. Dazu greifen Reflexionen auf Poesieproduktion, süffisante Anmerkungen, in den Gesamtstrom ein –

 

Eines Morgens wirst du aufwachen

und dein Terminkalender ist dir einen Tag voraus

 

oder

 

Aber damals, damals, damals zu sagen

ist natürlich auch eine Möglichkeit

seine Zeit rumzubringen . . .

 

– genauso wie vorausgeahnte Bonmot-Déjà-vus aufgerufen werden: „hüte dich vor dem Kanon/ er trachtet dir nach dem Leben“. Reineckes ironisch-bitteres Sound- & Inhaltsspiel mit Realia, wie z.B. abgefahrenen Ortsnamen, ungewöhnlichen Sitten, Gebräuchen, den Aufenthaltsorten Gerhart Hauptmanns, erinnert an Ulf Stolterfohts bekannte Verfahren zur Silbton-Einspeisung für den übergeordneten rhythmischen Zusammenhalt, Materialgewinnung im Verlauf des Langgedichts. Reineckes Fluss bewegt sich dennoch atmend auf Natürlichkeit zu, die Wogen & Täler verirren sich nicht im eigenen „Plaudando“, sondern zielen ins inhaltlich Konkrete, vermeiden die Hülse, und es gelingt ihnen weitgehend, Leserïnnen in plausibler Hochsprache abzuholen; von der Schule bis ins Altenheim (gefühlt) in einem Bewusstseinsstrom entlang der Gegenwarten. Konfrontiert mit ihren Auswirkungen, porträtiert sich die Zeit selbst, möchte man sagen, in einer inszenierten Zunge. Derer typisch Reineckesche Zusatzstoffe, das Nachwort, das Quellenverzeichnis, machen auch diesen Gedichtband, trotz seiner proklamierten „Direktheit“, sofort dem Autor zuordenbar. Die Gedichte sollen nicht für sich stehen, sondern im Zusammenhang mit ihren Entstehungsverfahren genannt sein. Die damit stets zugehörige Montage, hier nicht „streng“ wie sonst, fungiert als sich selbst erweiternde Kommentarfunktion politisch-gesellschaftlicher Beobachtung, Kants idealistische Ethik vom Himmel herabzerrend:

 

Der stirnlose Himmel über mir

das morsche Geschwätz in mir:

Halt was du hast, dass niemand dir die Wohnung nehme . . .

 

[…]

 

Gerade immerhin im Gedächtnis weniger

bald schon immer weniger im Gedächtnis

wie sich Wege zurückbilden, die nie jemand geht.

 

[…]

 

du fühltest dich einsam

ein Rip Van Winkle des Schienenverkehrswesens.

 

Struktur, Zitate, Nachwort, Zufall – dies „hatte ich nie vorgehabt zu schreiben“, schreibt Reinecke hintan und gibt zu verstehen, dass Mit den Jahren Selbst 10/24, zunächst als Impulsreplik auf Peter Rühmkorfs Mit den Jahren Selbst III/88 gestützt, während eines Arbeitsaufenthaltes im Hauptmann-Haus Agnetendorf entstanden ist, um sich zu verselbständigen, sozusagen aus der Übung in den Gleitflug. Die Fotografien vermitteln lebendige Pausenanker. Der Gedichtband, handlich und kompakt, wird so zu einem sachdienlichen Einstieg (oder Bestandssignal) in Bertram Reineckes lyrische Anliegen. Dabei vermittelt die nachwortliche Kategorisierung zweier Auswahlmethoden in der Zitationsweise - „eher zugeflogene Fragmente im Kopf“ oder „absichtlich weit aus dem Kontext gerissene Textteile“ - ein durchaus grundsätzliches Verfahren von lyrisch-inhaltlicher Fügung mit. Hier im vorliegenden Gedichtband wird sie nicht zum Selbstzweck. Dass die Zeit drängt, scheint trotz aller Abschweifungen und Stilverhandlungen in mit den Jahren mehr als gewärtig – politisch-anthropomorpher Handlungsbedarf zeigt sich in Reineckes lyrischem Aufruf sowie damit einhergehende Resignationsbedrohung, Verdruss, seufz.

 

Bertram Reinecke: Mit den Jahren Selbst 10/24, Moloko Print, Schönebeck 2025, Paperback, 74 Seiten, br., 15,€.

Cosmic Liebeslyrik mit Quanten-Katzen

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