Der Orionnebel der Großmutter

Der Orionnebel der Großmutter

Der zweite, soeben im Innsbrucker Limbus-Verlag erschienene Gedichtband Ortsauflösung der luxemburgischen Dichterin Chris Lauer entfaltet auf sechsundneunzig Seiten einen Kosmos an surrealistisch anmutenden Bilderwelten. Mythische, traumhafte oder sublime Elemente brechen dabei in eine Welt des Alltäglichen ein, verschränken sich mit ihr – eine Liaison, die neue Blickwinkel ermöglicht. Das Vertraute wird fremd, das Fremde vertraut, im alltäglich Banalen öffnen sich mythische Dimensionen und das Sagenhafte bindet sich an das Gewöhnliche. Da ist der „Himmel […] eine Tasse, die ein träger Engel repariert hat“, Gott trägt Lockenwickler und klaubt Sterne vom Himmel wie Salzkörner von einer Laugenstange, eine Riesin schüttelt ihre tuberkulösen Lungen aus und verrichtet bizarre Hausarbeiten. Mit ihrer metaphernreichen Sprache verbindet Lauer die semantisch entlegensten Gebiete und löst traditionelle Dichotomien fast wie nebenbei auf. Weiblich konnotierter Alltag tritt in ein Verhältnis zu Kosmos, Märchen, Mythos.

Vielleicht kann man ihr Verfahren als eine Anspielung auf Edmund Husserls Idee der Lebenswelt lesen: Auch Theorie und Mythos entspringen einem ganz konkreten, praktischen Kontext, der sie bedingt, jedoch im Lauf von Arbeits- und Entwicklungsprozessen in Vergessenheit gerät. Folgt man diesem Gedankengang, wären die Gedichte in Ortsauflösung auch als eine Art poetische Umkehrung dieses Prozesses lesbar – als Aufzeigen von alltäglichen Zusammenhängen in der Lebenswelt, die hier zur Sprache kommen und wieder sichtbar werden.

Lauers phantastisch erscheinende Welt mit ihrer surrealen Bildsprache entspringt weder einer Jagd nach der originellsten Idee, noch ist sie als Erkundung des Unbewussten oder als Entwurf einer anderen Wirklichkeit zu verstehen. Sie ist vielmehr der Versuch, festgefahrene Kategorien des Verstehens und Sehens aufzubrechen und durch die poetische Verfremdung das Absurde, Verquere und Groteske unserer Gesellschaft aufscheinen zu lassen.

Dass durch die Texte hinweg immer wieder die Sterne eine Rolle spielen, ist kein Zufall. Wenn die Milchstraße allerdings in der Salatschleuder entsteht, der Himmel plötzliche eine Firma ist, die Sagittarius-Zwerggalaxie zum Altpapiercontainer wird oder die Großmutter den Orionnebel bei Festlichkeiten über ihrer Brust trägt, fällt die Möglichkeit weg, durch den Stand der Himmelskörper Orientierung zu erhalten, und die Dinge müssen neu verortet werden. Vielleicht ist der Gedichtband von Chris Lauer gerade dies: eine Einladung, Topoi im Sinne von etablierten Orten, Allgemeinplätzen, einfachen Wahrheiten hinter sich zu lassen bzw. aufzulösen und das Projekt einer poetischen Neuorientierung zu wagen, die vom Sinn für das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen und für das Absurde im Etablierten ihren Ausgang nimmt.

 

Chris Lauer: Ortsauflösung. Limbus Verlag 2026. 96 S., geb., 15,– €.

Tage, wie Graubrot öde

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