Giorgio Orelli: Dichter der Grenze

Giorgio Orelli: Dichter der Grenze

Die Schweizer und die italienische Lyrik setzen sich, wie die Länder selbst, aus zahlreichen Provinzen zusammen, eine jede mit ihren Eigenheiten, Schönheiten und unverwechselbaren Problemen. Dass einige der italienischsprachigen Regionen geographisch außerhalb der italienischen Halbinsel liegen, bringt die Zuordnungen ein wenig durcheinander. Woher kommt einer, der von der Grenze kommt? Giorgio Orellis Nachlassband L’orlo della vita / Am Rande des Lebens, übersetzt von Christoph Ferber, gibt schon im Titel einen Hinweis darauf, was für diesen wohl bedeutendsten Lyriker der italienischsprachigen Schweiz im 20. Jahrhundert mehr als alles andere zum Erkennungszeichen wurde. 1921, am südlichen Fuß des Gotthardpasses in Airolo im Tessin geboren, wo er – in Ravecchia – 2013 verstarb, wurde Orelli wie viele Schriftsteller dieser Region lange Zeit durch eine Art ‚ Grenzperspektive‘ gelesen: als italienischer Dichter aus der Schweiz oder als Schweizer Dichter italienischer Sprache.

Nimmt man diese doppelte Zugehörigkeit etwas genauer unter die Lupe, stellt sich bald heraus: Sie ist kein problematisches Dazwischen, sondern der unveräußerliche Kern seines poetischen Tuns. Auch damit reiht sich Orelli in eine Tradition ein, lebt doch ein großer Teil der italienischsprachigen Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gerade von diesen Spannungen: zwischen Zentrum und Peripherie, Hochsprache und Alltagssprache, nationalem Kanon und lokalen, dialektalen Ausdrucksformen. Auch dem Schaffen bedeutender Stimmen Italiens wie Andrea Zanzotto, Pier Paolo Pasolini, Giovanni Giudici oder Amelia Rosselli, deren Werke unter ganz anderen Vorzeichen stehen, ist diese typische Dynamik eingeschrieben.

Der Romanist und Literaturkritiker Gianfranco Contini bezeichnete Orelli früh als „toscano di Svizzera“, also einen „Schweizer Toskaner“ oder „toskanischen Schweizer“. Die Formel ist einprägsam, gibt aber auch zu Missverständnissen Anlass, indem sie die Schreibweise des Tessiners mit einer besonders korrekten, nach dem florentinischen Modell der Tre Corone geformten Hochsprache assoziiert. Tatsächlich geschieht bei Orelli etwas anderes: Seine Dichtung, die lebendig, dingnah und zugleich von lokalen Einsprengseln koloriert ist, entwickelt über die Jahre eine Art ‚dialektales Idiom zweiten Grades‘ , ohne jemals ins Folkloristische oder Pittoreske abzugleiten.

Diese zurückhaltende Vielsprachigkeit macht sich schon früh bemerkbar, etwa in der Sammlung L’ora del tempo (1962), deren Titel auf Deutsch mit „Die Stunde der Zeit“ wiedergegeben werden könnte. Ein schöner, etwas verwirrender Titel, in dem Ingeborg Bachmanns Die gestundete Zeit (1953) widerklingt und der im Original nicht zuletzt davon lebt, dass „ora“ zugleich Uhrzeit und Stunde bedeuten kann. Zeit als Frist, aber auch: Zeit als jederzeit zu relativierende Größe. Zu diesem individuell aufgeladenen Zeitbegrif f kommt bei Orelli ein ebenso reflektierter Begriff des poetischen Raums, der mit dem geographischen bald kontrastiert, bald interagiert. In späteren Sammlungen nimmt diese „sprachtopographische“ Tendenz noch zu und schlägt sich auch auf der Ebene der Wortwahl nieder. Eine Häufung von Eigennamen und Ortsnamen ist die Folge, die einerseits in der direkten Rede deutlich wird, andererseits auch den Fachsprachen-Fundus der Gedichte bereichert.

Mit dieser Hellhörigkeit  für Sprachregister und ihre Anwendungsformen korrespondiert auch Orellis Tätigkeit als Übersetzer, als der er sich unter anderem der Werke Johann Wolfgang von Goethes und Friedrich Hölderlins annahm. Und sowohl als Übersetzer als auch als Verfasser eigener Schriften g elingt es ihm, seinem Stil eine feine, doppelbödige Ironie zugrunde zu legen . Der Kritiker Pier Vincenzo Mengaldo hat diesen Gestus einmal als „ilarità“ bezeichnet – eine heitere, zugleich von tiefen Einsichten geprägte Haltung zur Welt, in der dem Dichter nahestehende Leserï nnen auch den Menschen Giorgio Orelli erkannten .

Diese Leichtigkeit (italienisch: leggerezza), die bekanntlich nicht leicht zu erreichen ist, geht in Orellis Gedichten Hand in Hand mit einer markanten Beobachtungsgabe. Noch einmal muss an dieser Stelle betont werden, wie stark seine Lyrik im Konkreten verwurzelt ist: Im Tessin, seinen Landschaften, seinen Menschen und seiner Geschichte. Von diesem besonderen Ort aus falten sich auch alle anderen Perspektiven auf:

 

In poco d’ora

In quella parte dell'anno non più giovinetto

che tuttavia uno, se muore, muore d'inverno,

la ragazza che viaggia sul diretto

del San Gottardo, in diagonale

con me e di fronte all'anziana signora

che l'accompagna (parlano insieme tedesco)

è ticinese, torna a Zurigo per cura,

ed io penso: « Ahi, tant’è pallida

che morte è poco più. Certo ha i giorni contati

(mi ha detto che non va meglio), forse

questa compita signora è la moglie del medico... Spesso

così: quando uno, nel Ticino, dopo aver speso soldi e soldi, gli dicono

che non c'è più niente da fare,

va a Zurigo. O a Lourdes ».

      Poi, durante la sosta

in non so quale stazione, sentiamo improvvisa la pioggia

picchiare sul tetto del treno, ed io dico: « Laggiù nel Ticino

non piove da mesi, perciò mi rallegra quest'acqua »,

ed è allora che tutto si sposta come tra sole e pioggia

e ringavagno la speranza, ché la ragazza, venuta a sedersi

fra la signora e me, dice a un tratto che il male di cui soffre

non è poi tanto grave, si tratta soltanto

di una storia un po' lunga alla spina dorsale,

ed è contenta, pallida di un pallore consueto.

 

In kurzer Stunde

In diesem Teil des nicht mehr jungen Jahres,

wobei, wenn einer stirbt, er doch im Winter stirbt,

reist im St. Gotthard-Eilzug

schräg mir gegenüber

ein junges Mädchen, das mit seinem Vis-à-vis,

einer älteren Dame, die es begleitet,

Deutsch redet; sie ist Tessinerin und kehrt

nach Zürich zurück zur Behandlung,

und ich denke: «Bei Gott, sie ist blass,

dass der Tod sie fast einholt. Ihre Tage sind sicher gezählt

(sie hat mir gesagt, es gehe nicht besser), vielleicht

ist die vornehme Dame die Frau des Arztes ... Oft

ist es so: wenn man einem, der im Tessin viel Geld ausgegeben hat, sagt,

es sei nichts mehr zu machen,

geht er nach Zürich. Oder nach Lourdes.»

         Dann,

während eines Aufenthalts auf irgendeinem Bahnhof hören wir plötzlich den Regen

aufs Zugdach hämmern, und ich sage: «Dort unten im Tessin

regnet’ s seit Monaten nicht mehr, deshalb bin ich froh über dieses Wasser»,

und da ist’ s gerade, dass alles sich zwischen Sonne und Regen verrückt,

und ich kehr wieder Hoffnung hervor, so sehr, dass das Mädchen,

das zwischen mir und der Dame sich niedersetzte, auf einmal sagt, dass die Krankheit,

an der sie leidet, doch nicht so schwer sei, es handle sich nur um eine

ein bisschen lange Geschichte am Rückgrat,

und ist zufrieden, blass von gewohnter Blässe.


(aus: Rückspiel / Partita di ritorno. Gedichte, Italienisch und Deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Limmat Verlag. Zürich 1988)

 

Das Einzelschicksal wird exemplarisch, der k onkrete Krankheitsfall tendiert zum existentiell-gesellschaftlichen Befund und das Beobachtete bleibt offen für neue Bedeutungen. Auch die Veränderungen der Landschaft und des öffentlichen Raums beobachtet Orelli mit wachem Blick. Besonders in Sammlungen wie Sinopie (1977) und Spiracoli (1989) erweist er sich als vehementer Sozial- und Kulturkritiker, der durchaus energisch gegen die „Wem-gehört-die-Welt-Ideologie“ Stellung bezieht, die nicht nur die Schweiz, sondern den ganzen Globus regiert. Die Fremdenangst, die aufgrund der Grenzlage zu Italien und der besonderen wirtschaftlichen Situation wiederholt für Spannungen in der Tessiner Gesellschaft sorgt, spart er von dieser Analyse nicht aus. Vor diesem Hintergrund ist Orellis Liebe zu seiner Heimat niemals naiv, sondern scheint sich gerade in der Fähigkeit zu äußern, seine Umwelt kritisch zu durchleuchten.

Von da aus ist der Weg nicht mehr weit zu Orellis Spätwerk, das – wer ihn kennt, weiß um die Neigung , seine Verse langen Reifungsprozessen und mannigfaltigen Überarbeitungsschritten zu unterziehen – leider über weite Strecken nur in vorläufigen Fassungen auf uns gekommen ist. Dafür zeigt die ins Deutsche übersetzte Sammlung Vom Rande des Lebens, wie sehr Orellis späte Poetik die Dialektik von Rand und Zentrum zu einer Rhapsodie von Präsenz und Verschwinden variiert. Selbst da, wo den Texten der sprachliche Feinschliff noch fehlt , sind  die poetischen Bilder ganz bei sich:

 

Via Ravecchia

II

 

Nel giardino di casa, con sospetta

complicità di ortensie

è raggiante il bambino che mangia

il fiore di magnolia,

mentre un altro contempla una lucertola

che non scappa, protesa sul bordo

del marciapiede come in ascolto,

e non osa toccarla, quasi incredulo

della morte;

e in poca terra pedala pedala

un terzo, che al saluto

mi dice: «Questa qui

è la bici del mio fratello,

quand’ero grande me la regalava».

 

 

Via Ravecchia

II

Im Garten vor dem Haus, mit vermuteter

Komplizenschaft der Hortensien,

strahlt übers ganze Gesicht das Kind, das gerade

eine Magnolienblüte isst,

während ein anderes eine Eidechse betrachtet,

die nicht entschlüpft und sich am Rande

des Trottoirs, als würde sie lauschen, ausstreckt,

und es wagt nicht, sie zu berühren, als glaubte

es nicht, dass sie tot ist;

und auf dem kleinen Grundstück radelt

und radelt ein drittes Kind und antwortet

auf meinen Gruß: «Dies da

ist das Fahrrad meines Bruders,

als ich groß wurde, hat er es mir geschenkt.»

(aus: Vom Rande des Lebens/ L’orlo della vita. Gedichte, Italienisch und Deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Limmat Verlag: Zürich 2025)

Oft kurz und lakonisch gefasst, referieren die Texte auf minimale Szenen des Alltags oder erweitern unscheinbare Naturbeobachtungen zu phänomenologisch komplexen Tableaus. Neben einigen dialogisch dichten Erinnerungsstücken enthält Vom Rande des Lebens auch zweisprachige (italienisch-deutsche) Verse sowie eine Reihe von Gedichten im leventinischen Dialekt. Seine Position bezieht der Dichter der Grenze auch hier am liebsten am Rand: als nachdenklicher Beobachter, kommentierender Gast. In einer ständigen Schwebe zwischen Wahrnehmen und Eingedenken ziehen die Gedichte ihre Kreise in Erinnerung, Gesellschaft, Geschichte, kehren jedoch immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück. Das lyrische Ich, sympathisch und nahbar in seinem „Danebenstehen“, fällt nie vollständig mit seinem Gegenstand zusammen, geschweige denn mit sich selbst.

Giorgio Orelli, Begründer einer regelrechten Schule der italienischsprachigen Poesie aus der Schweiz im 20. Jahrhundert (die heute bis zu Fabio Pusterla reicht), besticht durch eine Ethik der Aufmerksamkeit der Welt gegenüber – einer Welt, die weniger beschrieben als  ‚gesehen‘ werden will. Vom Rand sprechend, bleibt Orellis Dichtung in Bewegung; in Bewegung befindlich, spricht sie unverrückbar vom Rand. Ihr Signum ist eine unaufdringliche Zugewandtheit zum Leben – diesseits und jenseits der Grenze.

Abseilen vom Rand. Giorgio Orellis Gedichte aus dem Nachlass

Abseilen vom Rand. Giorgio Orellis Gedichte aus dem Nachlass

Die „Angst, aus dem Gedicht zu fallen“, und der Halt der Sprache: Kollektivkritik über Prinzenbad (Elif Verlag 2022) von Ozan Zakariya Keskinkılıç

Die „Angst, aus dem Gedicht zu fallen“, und der Halt der Sprache: Kollektivkritik über Prinzenbad (Elif Verlag 2022) von Ozan Zakariya Keskinkılıç