Abseilen vom Rand. Giorgio Orellis Gedichte aus dem Nachlass
Der Gedichtband Am Rande des Lebens / L’orlo della vita existierte ursprünglich nur im Nachlass. Giorgio Orelli hatte zwar ein Typoskript unter diesem Titel vorbereitet, ohne jedoch vor seinem Tod 2013 abschließend entschieden zu haben, welche Gedichte darin aufgenommen werden sollten. In der italienischen Gesamtausgabe Tutte le poesie (2015) wird die Editionsgeschichte der einzelnen Gedichte akribisch aufgearbeitet, was ebenso verdienstvoll ist wie die pragmatische Entscheidung des Limmat Verlags und seines Herausgebers und Übersetzers Christoph Ferber, sie schlicht nach dem Typoskript zu publizieren und in einer schlanken zweisprachigen und ausnehmend schön gestalteten Ausgabe Zugang zum Spätwerk des Tessiner Lyrikers zu ermöglichen.
Wie so oft bei postum veröffentlichten Werken stellt sich jedoch die Frage, ob das wirklich im Sinne des Dichters gewesen wäre. Denn das Qualitätsgefälle zwischen den ersten, bereits zu Lebzeiten publizierten Gedichten wie „Der Briefkasten“ oder „Die Schaukel“ und den offensichtlich nicht bis zu letzter Hand gereiften Impressionen und Vignetten, die den Band füllen helfen, ist deutlich. Orelli, selbst Literaturkritiker, Übersetzer und Dozent, ließ sich viel Zeit mit seinen Gedichten. Nur etwa alle zehn Jahre erschien ein neuer Band – zuletzt Sinopie (1977), Spiracoli (1989) und Il collo dell’anitra (2001) –, so dass man sich der Vermutung nicht erwehren kann, dass er auch im vorliegenden Band vieles noch einmal anders geschrieben oder angeordnet hätte.
Und doch darf man sich glücklich schätzen, mit den „Spinnen“ Bekanntschaft zu machen, den Protagonistinnen des Eingangsgedichts. Sinnfällig mit der Frage „Da quando?“ / „Seit wann?“ das Gedicht und den Band beginnend, räsoniert Orelli hier in vierzig Blankversen über zwei kleine Spinnen an der Zimmerdecke, die er „seit Tagen/ und Tagen, ja schon Monaten,/ während ich ausruhe“, beobachtet, dann wieder vergisst und staunend neu entdeckt. Bereits in den ersten fünf Versen gelingt Orelli damit ein Porträt des Alters in nuce, das sowohl die Kontemplation und Wertschätzung buchstäblich kleinster Dinge wie auch das ständig drohende Vergessen umfasst. Die intensive Betrachtung fördert Licht- und Farbspiele in den Spinnen hervor – „lichtdurchlässig“, „fast rosa erscheinend“ –, die keinerlei Aufregungspotential haben, anders als etwa die „achtlose Hornisse“, die an der Lampe verbrennt, oder die fette schwarze Spinne, „Großinquisitor oder Kommissar“, die zwischen den beiden hindurcheilt, um „auf dem großen Weiß“ schließlich wieder zu verschwinden. Stattdessen bilden sie eine Metapher für Leben und Schreiben, die in ihrer häuslichen Unaufgeregtheit umso wirkmächtiger erscheint: So wie die beiden Spinnen, zugleich nah beieinander und weit voneinander entfernt, „wie zwei Muttermale auf dem Rücken“, beim allmählichen Abseilen „in der Leere hängen,/ wo sie nicht einmal träumten, einen Haken/ für ihren Faden zu finden, darauf achtend,/ ihr Garn nicht vorzeitig zu verbrauchen, als ob/ das Gewicht ihres Daseins, das Geheimnis/ sie prüften, bereit schon, Distanz und Faden/ schnell zu verschlingen“, so muss auch das beobachtende lyrische Ich Faden sparen und das Gewicht des Daseins prüfen. Wo findet man Halt? Wie schwer ist zu schwer? Stehen Fähigkeit, Gewicht und Faden im richtigen Verhältnis, um sich abzuseilen und wieder aufzusteigen?
Leider spart hier auch die Übersetzung Faden: „um nochmals/ über mir einfach/ zwei Punkte zu sein“ unterschlägt im Indikativ die zentrale Vokabel „fingersi“, mit der Orelli den Spinnen nicht nur zugesteht, ihn und seine Augen möglicherweise zu täuschen, sondern mit diesem „so tun als ob“ auch eine zentrale Metapher der Dichtung aufruft: „per fingersi di nuovo/ due punti nei dintorni/ di me“. Ist die Welt so, wie sie uns im ersten Augenblick erscheint? Sind das wirklich zwei Spinnen oder nur zwei schwarze Punkte? „Einfach“ wie in der deutschen Übersetzung ist das keineswegs, und das lyrische Ich fällt, leider nur im italienischen Original, auf sich zurück: Die beiden Wörter „di me“ des letzten Verses stehen so verloren und undurchdringlich auf dem weißen Blatt wie die beiden Spinnen auf der weißen Wand. Hier sitzt nicht einfach ein Opa im Lehnstuhl und beobachtet Insekten, hier prüft einer noch einmal am seidenen Faden die existentiellen Fragen von Dasein und Dichtung.
Aufschlussreich ist dabei ein Vergleich mit dem Gedicht „Nello stesso giorno“ aus dem Band Sinopie, auf das Piero de Marchi in seinem kenntnisreichen Nachwort hinweist, in dem er Motive aus Orellis verschiedenen Werken miteinander in Beziehung setzt. Hier haben gleichfalls zwei Spinnen einen Auftritt, diese beiden stehen allerdings mit „langen Beinen“ gewissermaßen mitten im Leben: Zweimal erscheint gleich im ersten Vers das Wort „furia“; sie erschrecken vor dem plötzlichen Lichteinfall und der Konfrontation mit dem eigenen Schatten, werden „reglos, ähnlich unsicheren Fingern“ („immobili, molto simili a incerte/dita”). Diese Spinnen haben andere Sorgen als ihre Artgenossinnen 35 Jahre später. Oder es sind die gleichen Spinnen, nur dass der Betrachtende nun über ein erweitertes Maß an Lebenserfahrung verfügt und sich neu zu ihnen in Beziehung setzen kann.
Auch der Titel des Bandes Am Rande des Lebens erscheint eingesponnen in den semantischen Raum der auf- und absteigenden Spinnen. Er stammt aus dem „Purgatorium“ der Göttlichen Komödie: „Se quello spirito ch’attende,/ pria che si penta, l’orlo della vita,/ qua giù dimora e qua su non ascende“, – „Wenn aber doch die Seele eines Verstorbenen, der mit der Reue bis zum äußersten Rand des Lebens gewartet hat, dort unten bleiben muss und nicht hier herauf darf“ (XI, 127-129/132, Übers. von Hartmut Köhler, Reclam 2007). Ein solcher Rand verweist weniger auf ein beschauliches Alterswerk als auf die furchteinflößende Abrechnung am Ende des Lebens: wer bleibt unten, wer steigt auf.
Der Band mit seinen verstreuten Gedichten, in denen Alter, Natur, Heimat und Erinnerung die wesentlichen Motivketten bilden, lässt beide Deutungen zu, und doch bleibt die interessante Frage, wo Orelli, hätte er die Gelegenheit zur Fertigstellung des Bandes gehabt, den Schwerpunkt gesetzt hätte: in der (manchmal auch betulichen) Rückschau oder dem Risiko des drohenden Absturzes am Rande des Lebens. Oder ob das Geheimnis eines gelungenen Alterswerks vielleicht genau darin besteht, dass beides gleichzeitig möglich ist.
Der wunderbare Spaziergang „Mit Tullio” jedenfalls lässt den Wunsch aufkommen, dass Orelli, der früher auch seiner Tochter Lucia immer wieder Gedichte gewidmet hat, weitere Enkel-Gedichte verfasst hätte, in denen wie bei den Spinnen die sich verändernde Perspektive des lyrischen Ichs hätte deutlich werden können; leider bleibt es im Nachlass bei diesem einen. Nur die Figur des „Alten“ hat immer wieder ihren Auftritt, zum Beispiel auf der „Fähre“ „zwischen Charybdis und Skylla“, oder wenn ein „Tropfen“ von einer alten Nase rinnt, betrachtet von einem „strohblonden Kleinkind“, das „die Augen nicht lösen/ kann von diesem klebrigen/Gerinnsel“.
Im schönen kleinen Zyklus „Via Ravecchia“ ist es die abschüssige Straße, auf der die jubelnd Skateboard und Fahrrad fahrenden Kinder und Jugendlichen in akustisch und physisch schönem Kontrast stehen zu den Alten, die in der „Unterführung manchmal verweilen,/ um Atem zu holen, um die Kinder/ mit dem Echo von Uhu-Lauten/ in Staunen zu versetzen.“
Analog zum Spinnenfaden übernimmt die Straße die Bewegung des Auf und Ab. Entweder wird sie „durchtrainiert/ und mit übertriebenem Eifer,/ gesenkten Kopfes, die Knie kaum gebogen, die Seele/ im Handinnern” von den Jugendlichen auf ihren Skateboards im Schuss bergab genommen oder von den Alten als monströses Hindernis beim Weg hinauf gerade eben noch bewältigt: „Die Erde bebt, denkt/ der Mann auf dem steil/ ansteigenden Bürgersteig,/ von einem starken/ Absatzklappern hinter/ seinem Rücken getroffen. Dann und wann hält er inne,/ nimmt Atem.”
Neben dem Alter und dem heimatlichen Bellinzona – dem vier Gedichte in leventinischem Dialekt gewidmet sind –, ist vor allem die Natur Gegenstand der Gedichte, die Flora des Tessin breitet sich buchstäblich im ganzen Band aus. Immer wieder haben die Glyzinien ihren Auftritt, das „Lilienblau”, das „Immergrün”, die „Erhabenheit/ einer Araukarie”, „Palmen-/Birken und Fliederbuschdickicht”, „Ginster- und sonstige Beeren,/ besonders die roten der Stechpalme”, Ebereschen, Erlen, Eidechsen, Dahlien, Kamille und Ringelblumen.
So schön das ist, so können sie in aller Pracht doch nicht darüber hinwegtäuschen, zwar aufgerufen, aber nicht immer ausreichend semantisch gefüllt zu sein: Während im „Briefkasten” die Flora sich in einer aufregenden rhythmischen Aufzählung des Briefkastens bemächtigt und ihn zum Verschwinden bringt, verblasst sie in „Libia” zu einer wenig originellen Analogie des Lebens, diesem „buntfarbigen Durcheinander”, von der titelgebenden Alten, „die/ wie eine violette Schwertlilie an der Mauer” steht, so kommentiert: „Komisch, sagte sie,/ komisch das Leben”.
Das ist, im Vergleich mit den Spinnen, eher unterkomplex, ebenso wie die zu vernachlässigenden anekdotischen Prosastücke im Kapitel „Die zwei“ oder die Auswahl „Geschütztes Reservat“: Hier bezieht sich Orelli auf die im 13. Jahrhundert anonym erschienene Gedichtsammlung Fiore, wie sich anhand des gesamten Zyklus, der auch deutschsprachige Gedichte enthält, in der Gesamtausgabe nachvollziehen lässt. Im vorliegenden Band sind jedoch nur die Gedichte mit den Nummern 2,4,6 und 9 aufgenommen worden, Leerstellen, die einmal mehr daran erinnern, dass der Band Fragment geblieben ist. Doch alle, die hier mit Giorgio Orellis Perspektive vom Rand hinauf und hinunter schauen, um das Gewicht des Alters zu prüfen und sich mit diesem letzten Werk des Tessiner Dichters bekannt zu machen, werden dennoch Beute machen – dank des Übersetzers und Herausgebers Christoph Ferber, dem es zu verdanken ist, dass nicht nur Orelli, sondern ein Großteil der Tessiner Lyrik überhaupt im deutschen Sprachraum lesbar und bekannt geworden ist.

