Enzyklopädische Iteration eines Mythos – Daniel Bayerstorfers Neulich starb Antigone
Nach Gegenklaviere und Die Erfindung des Rußn – geschrieben mit Tobias Roth – erscheint mit Neulich starb Antigone Daniel Bayerstorfers dritter Lyrikband als quadratisches roughbook im Urs Engeler Verlag mit einem Umfang von 106 Seiten. Die Texte sind in drei Teile und zwei Abschweifungen gegliedert und umfassen in der Regel etwa eine Seite. Den Hauptstrang bildet eine Reihe von Texten, die mit „Ur-1“ bis „Ur-23“ überschrieben sind. Außerdem befinden sich drei Bilder im Buch, wovon das erste – laut eigener Angabe – mit einer KI erstellt wurde. Die Orthografie ist größtenteils regelhaft, linear, von links nach rechts, von oben nach unten, und mit Ausnahme des kyrillischen, chinesischen oder japanischen Schriftsystems wird bevorzugt das lateinische verwendet. Die Kapitel sind betitelt mit „Ur“, „Kreutzersonatenphantasie (erste Abschweifung)“, „Me-Time mit Geschichte“, „Wal“, „a bis f (zweite Abschweifung)“ und „Neulich starb Antigone.“
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Der Titel des Bandes besteht aus drei Wörtern, beginnend mit „Neulich“. ‚Neulich‘ wird landläufig verwendet, um zu beschreiben, dass etwas vor kurzem stattfand, also ein Ereignis in einer linearen Zeitvorstellung nicht lange zurückliegt bzw. in der Erinnerung noch präsent ist, vielleicht vor einer Woche oder so. In der mangelhaften Präzision des Wortes lauert wiederum jene Beiläufigkeit, durch die sich die Grausamkeit des Restsatzes mitteilt – jemand starb, und zwar Antigone.
Bei genauerem Hinhören, beim Wiedersagen und beim Einstieg in die Ur-Texte erschließt sich, mit einem Mal, ein Umschwung in Duktus und Wort, die Kehrseite: dass Antigone nicht einfach vor kurzem starb. Neulich, das bedeutet nämlich auch: wieder und erneut und schon wieder. Der Titel bezieht sich zunächst auf die lange Tradition der Antigone-Rezeption und -Übersetzung.
Und je weiter der Text sich entfaltet, verweist ‚Neulich‘ auf eine Philosophie der Zeit und eine dazugehörige Poetik: „Ur-“, hat das nicht eine Ordnungszahl; denke ich nicht an Uran und ist nicht jedes seiner Isotope nach dem Zerfall radioaktiv? Denke ich nicht auch an Urahn?
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Wenn sich die Zeit im Kern einer Poetik befindet, liegt die Frage nah, von welchem Zeitbegriff ausgegangen wird. Gleich mit dem Einstieg unter dem Titel „Prélude/Löwengrube“ legt es eine Idee davon nah:
[…] Oben palmig, ein üppiges Gedattel.
Herzspannkraut, und Farne, von Käfern angegangene Geckoglieder
im Biotop an der Zikkurat. Ein grüner Schatten über dem Gewusel, nicht
so dunkel wie hier unten, Links-Spin des geteilten Teilchens. Wie gestern
angedeutet: Du hast schon Löwenmilch getrunken, als Gletscher noch
die Silben kühlten, Zungen aber glühten. […]
Hier sind Sprachregister aus Biologie, Geologie, Quantenphysik, Psychologie ouvertürenhaft verwickelt; antike, asiatische, christliche Mythenfelder dehnen sich über den Band aus: „Erdzeitalter“ münden in „Dönersoße“, „Googlestreetviewmännchen“ treffen in „Hong Kong“ auf „Petruschkas“, „zugerittene Zungen“ auf „Payback-Punkte“. Alles scheint gleichzeitig stattzufinden, Ereignisse sind simultan. Dass das hochgradig motiviert und eingebunden ist, lässt sich nachvollziehen:
In der Antigone des Sophokles tritt gleich zu Beginn der Seher Teiresias auf, um König Kreon vor seiner Entscheidung zu warnen, Polyneikes, entgegen der göttlichen Ordnung, unbegraben vor den Toren der Stadt liegen zu lassen. Antigone stellt sich gegen Kreons Machtdemonstration, während das Volk, das als Chor auftritt, schwankt.
Bayerstorfer ersetzt den Seher durch ein biblisches Pendant: „Gabriel kehrt aus der Zukunft zurück und liest, an den dicken Stamm der Zeder gelehnt, einen Manga […] Und du steigst wieder ein beim Engel-Monolog...“, setzt den Engel aus dem Buch Daniel in eine Reihe mit Hermes und letztlich einer Enzyklopädie, in der sich alles Wissen aus allen Zeiten versammelt. Er kennt Zukunft und Vergangenheit, er weiß, was war, ist und was noch kommen wird.
Und von Text zu Text, konfrontiert mit meinem eigenen fragmentarischen Wissen über Nebukadnezar, Gorbatschow, die Wittelsbacher oder Maria Callas, scheint der Griff zum Smartphone obligatorisch, und ich finde mich selbst in der Position desjenigen wieder, der an einen Baum gelehnt die Anspielungsräume auszumessen versucht, im vollen Bewusstsein davon, nie an das Ende dieses Textes gelangen zu können. „Du bist ein stadt- und damit weltbekannter/ Meister der Oneiromantie […] du hörst dir die Träume an. Stundenlang. Da sind Untiefen/ in den Bildern, Abgründe klaffen sprachmeilentief in den geschil-/ derten Schultern, sie sind deutbar, denkst du“.
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Mit jedem neuen Begriff öffnet sich naturgemäß eine neue Ebene. Was ist es, das mit Antigone neulich, zuletzt starb? Was ist im und mit dem Mythos gestorben?
Der nimmerstille Mars steht
ihn´n zur einen seiten / … Und frisst sich nimmer satt an so viel
Christen Bluht / … zweimal muss er die Fledermäuse kacken, das tut
gut. Will sagen: Zwei Tabs der Zeit sind parallel geöffnet, die Hand ist
dem Chronos auf der Maus ausgerutscht.
Die Gleichzeitigkeit einander entkoppelter Informationsquellen, algorithmisch durchsetzte Aufmerksamkeitsökonomie, KI-generierte Bilder und Videos: Die mediale Umwelt der Gegenwart ist nicht die von Television und Compact Disc, nicht die von MP3-Player und iPod, sie ist auch nicht die von Roman und Gemälde; unsere Gegenwart ist durch die Entziehung des Körperlichen und durch Simultanität, durch Simulation, Stream und Cloud charakterisiert.
Jede/r Dichterïn mit dem Anliegen, Gegenwart zu fassen, arbeitet – mal mehr, mal weniger bewusst – an einer Ästhetik, um diese Charakteristik in eine Form zu bringen.
Sprache und ihre Zeichen, als eine Art Meta-Mythos verstanden, nehmen eine Form an. Ändert sich die Form, in der eine Information transportiert wird, indem neue (Schrift-) Zeichen, neue Techniken und Darstellungen eingeführt werden, ändert sich folglich die Sprache und damit jener Mythos. Die Form selbst wird Ausdruck, wird – nach einem bekannten Wort – zur Message.
mein Hirn eine Streckbank für noch nicht gänzlich in den Mythos überführte Wesen, Über- und Aberwesen[.]
Die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeichensysteme in Bayerstofers Text spiegelt eine medial globalisierte Ordnung wider, einen zeitgenössischen medialen Meta-Mythos, in dem Antigone auftritt und auftreten muss.
Aber wie kann Simultanität im linearen Medium, im Nacheinander eines Textes zumindest simuliert werden? Im Fall von Neulich starb Antigone wird neben den verschiedenen Sprachen und ihren Zeichen mit Brüchen, Auslassungen, Raffungen gearbeitet. Eine Simulation von Überlagerung entsteht, insofern die Informationen des Textes zwar aufeinander folgen, aber – im zum Teil rapiden Wechsel – simultan verarbeitet werden. Je ausgeprägter ich diese Ästhetik entdecke, um so konsequenter wirken die lyrischen Texte auf mich.
Bayerstorfer lässt eine Poesie der Brüche damit nicht haltlos und als zeitgenössischen ästhetisierenden Selbstzweck im luftleeren Raum, sondern setzt sie bewusst in den Kontext einer veränderten Medienumgebung und des antiken Stoffes. Die epische Breite, die in diesem Zusammenhang entsteht, setzt enzyklopädisches Wissen für die Wirksamkeit der Verse nicht direkt voraus, sondern verortet mich als Mensch in einem Winkel, mit dem Buch in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand.
Was also stirbt, was gewissermaßen bereits starb, ist die Linearität einer Welt(wahrnehmung) – deren Medium Text war. Implizit stirbt damit auch das Medium Buch: Bayerstorfers Referenz auf ein Musikalbum aus CD-Zeiten, mit dem obligatorischen hidden track, spricht in der Linie musikalischer Motive, die sich als melodiöser Unterstrom durch den Band ziehen, die Auflösung der Materie an und ist darin auch ein Abgesang auf eine technische Stufe, die mit Michael Krügers „Die Dronte“ so zusammengefasst werden könnte:
Noch lesen wir das Gähnen unsres Mythos,
den wir als Text erfahren.
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Wer Antigone ist und in welche Position sie uns mit ihrem Auftreten setzt, erfahren wir aus ihrer kulturellen Biografie: Hegel sah in Sophokles’ Drama programmatisch das hervorragendste Beispiel der klassischen Tragödie, da hier zwei gleich legitime sittliche Ordnungen in Konflikt träten. Er hielt die Chor-Reigen auf den Bühnen seiner Gegenwart für nicht angemessen umsetzbar, da sie ästhetischer Ausdruck einer bestimmten sittlichen Epoche seien. Dennoch fanden auch zu Hegels Zeit Aufführungen und Adaptionen statt, etwa von Felix Mendelssohn Bartholdy. Friedrich Hölderlins umstrittene Übertragung des griechischen Dramas erschien, auf die besonders im Expressionismus zurückgegriffen wurde, und Bertolt Brecht versetzte das Drama in die Zeit des Nationalsozialismus, mit Kreon als Hitler. Die Tradition der Antigone-Rezeption und -Kommentierung in Deutschland ist gewichtig.
Bezüge auf diese Tradition offenbaren sich bereits in Bayerstorfers Titeln. Ohne aber an eine Übersetzung bzw. den Originaltext gebunden zu sein, darf hier Text über Text und am Text entlang entstehen. Analog zur Gabriel-Figur verzweigen sich die Assoziationen und die poetische Zentrifugalkraft darf in alle Richtungen wirken, bis sie zwischen Walbauch und Globalisierung in fast ätherischen musikalischen Träumen verschwimmen:
Genug Kubikmeter für Leid und Gras, für neptunblaue
Pausen, vor dem Orange steht ein Kreuzvorzeichen, es geht
also ins Rot, Vier ♭s vor Blau macht Mond. Die Jahresringe
von Dunkelheit: der Schall.
Boreale Nadelwälder (glasierte Tundra), Winterbirkenbässe
triefen im Torf.
Nach dem Ereignis von Tunguska haben Schostakowitsch
und Prokofjew in der derselben Stunde den gleichen Traum.
Der Text stellt sich aber nicht einfach kommentierend in jene Rezeptionsreihe. Sein Selbstbewusstsein lässt sich auch in der formalen Umsetzung jener Perspektiven und Kommentare zur Antigone finden, etwa, wenn es über den griechischen Göttervater heißt:
Und der Mythos, ein Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen. Der Blitz zieht sich aus den Verzweigungen zurück, wächst rückwärts, einwärts in die brodelnde Wolke und landet in einer breiten graubehaarten Hand.
Man solle nicht Zeus schreiben, sondern das Wort etwa mit „Vater der Zeit“ übersetzen, um dem Publikum einen Begriff von der Tragweite der Figur zu vermitteln, heißt es in Hölderlins „Anmerkungen zur Antigonä“. Bayerstorfer verzichtet vollständig auf eine Bezeichnung und triggert mit seiner Beschreibung Bilder aus Historie und Pop-Kultur.
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Die bekannten Ordnungen des Dramas von Raum und Zeit lösen sich also auf, indem Diskurs mit Diskurs und Science-Fiction mit Gegenwart und Historie sich verschränkt und indem eine naturwissenschaftliche Kosmologie neben anderen und in anderen Mythologien steht. Die Texte, als enzyklopädischer Chor, führen die bipolare Ordnung hin zu einer dritten, poetischen.
Bei Bayerstorfer erscheint Antigone nicht im geschlossenen Drama mit dazugehöriger sittlicher Ordnung, sondern als fortgesetzte Bearbeitung einer Verunsicherung im Widerstreit und Übergang; sie erscheint unter den Bedingungen einer veränderten technologischen Stufe und den damit einhergehenden Brüchen im Mythos. Der vielstimmige Chor erhält hier eine Form.
In ihm erkennen wir unsere Verunsicherung, die mit jener neuen Medienumgebung einhergeht, in der nicht zwei, sondern eine Vielzahl einander widersprechender, je nach Perspektive, mehr oder weniger legitimer Ordnungen gegeneinanderstehen. Antigone und Kreon und ihnen gegenüber, als dritte Ordnung, wir Lesende als Teil eines hyperreflexiven, polyphonen, schwankenden Chores der digitalen Moderne, mit dem Buch in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand.
Künftig stirbt Antigone.
Indem Antigone immer wieder neulich stirbt, lebt sie in den Aktualisierungen und Kommentaren, die über das Drama gemacht werden, wodurch sich der Kreis schließt, den der Titel aufspannt: Neulich starb Antigone bedeutet am Ende des Buches, dass hier eine Iteration der Verunsicherung und des Schwankens zwischen den Ordnungen auftritt, die wir als Chor erfahren, dessen Stimme der Text ist.
Insofern der antike Chor Ausdruck einer bestimmten Epoche war, antwortet hier ein neuer, unter dem Eindruck des Digitalen stehender pluraler Chor – nicht als einfache Wiederholung, sondern als zeitenthobene Transformation dessen, was einst Einheit von Ordnung und Stimme war. Die Position des Dramas um Antigone und die Haltung des Chores reflektieren eine Zeit im Übergang.
Unsere Iteration der Antigone charakterisiert, scheint Bayerstorfer zu sagen, die Verunsicherung der Ordnungen, die mit der Auflösung der Zeit in einer digitalen Hyperrealität entsteht.
Eine hyperbewusste, hyperassoziative Antigone, die sich an ihrer Inszenierungsbiografie festhält und auf eine andere Art wiederkehren wird, auch weit nach uns, wenn die Server längst ausgebrannt sind. #

