Farhad Showghi – Die nähere Umgebung
Wer das Weite sucht, wird es manchmal auch in der näheren Umgebung finden. Und hier: in einem Buch, das genau so heißt, Die nähere Umgebung. Farhad Showghi begibt sich in seinem neuen Gedichtband auf eine Expedition, in der eine Schrittlänge eine ganze Welt bedeutet, in der Staubkörner kosmisch zu leuchten beginnen und die Gegenstände ein Eigenleben führen, als wäre ihnen unser Blick egal. Ganz im Sinne der Überlegungen von Paul Valéry versucht Showghi aus dem, was der französische Dichter die „vagen Dinge“ genannt hat, Erkenntnisse zu gewinnen. Es ist eine tastende ästhetisch-intellektuelle Auseinandersetzung mit der Welt. „Ich frage mich“, so die Stimme im Buch, „warum ich die Umgebung im Zustand des Skizzenhaften belasse. Also allenfalls nur darüber spreche, wie sich Vögel niederlassen“. Hier ist jemand, dem die Skizze genügt, weil in ihr der Ausgang noch offen ist. Dieses ästhetische Verfahren wird beim Lesen zur unmittelbaren Erfahrung. Aus wenigen sprachlichen Strichen setzen sich Bilder zusammen. Man ist „mitten im Krakelee/ der Bäume und Hecken“. Augenblicke des Erlebens verdichten sich in Zeitlupe. Das Ich ist „gepackt/ von Brusttasche, Fleckschimmer, Ärmelfalten,/ wie in gleichmäßigem Licht, sooft du auch/ für Wolken und Dachrand/ den Kopf in den Nacken wirfst“.
Farhad Showghis Gedichte öffnen ihre Form der in sie einströmenden Welt, passen sich an. Sie können ganz kurz sein oder kommen fast wie Prosa, wie Erzählungen daher. Aber bevor sich wirklich eine Geschichte einschmuggeln könnte, ist man wieder in einer Textur beinahe epiphanischer Augenblicke. Unversehens schiebt sich in ein alltägliches Gemenge aus Licht, Schatten und Pappeln ein Arrangement von Surrealem. Ein „Knäuel aus drosselnden Flimmerkläppchen“ ist dann zu sehen. An anderer Stelle heißt es: „I decide to like Pioniergehölze,/ ihre Keilformationen, ihre Glitzerrezepte,/ und andere langsame Enthüllungen“.
Die wichtigste Bewegung in diesen sprachlichen Gebilden ist das Gehen. Beim Gang durchs Zimmer, durch die Landschaft oder die Stadt werden Bilder gesammelt, aber es gibt auch einen Vorgang, der der bloßen Subjektivität buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht. „Die Länge der Straße geht mir durch den Kopf“, heißt es in einer jener schillernden Wendungen, in denen die Dinge die Macht übernehmen. „Könnte mich der Schnürsenkel betrachten, vom Stiftende aus, wie/ stünde ich da? Vom oberen Rand des Strumpfes aufwärts? An welche/ Flüchtigkeit hielte ich fest, jenseits von Knie, Oberschenkel, Hüften?” An der Flüchtigkeit festhalten, das ist genau das, was Farhad Showghis Gedichte tun. Sie befreien aus der Macht festgefügter Ordnungen und geben sich mit euphorischer Erwartung der Gefahr des Verschwindens hin: „Jetzt weiß ich nicht mehr, wie es kommt, dass ich verschwinde./ Ich schaue an mir herunter und wieder die Anhöhe hinauf./ Ich sehe dort Bäume, die Eichen und Ulmen sind./ Doch du kannst mir ruhig sagen, dass es nicht stimmt.“
Farhad Showghi: Die nähere Umgebung: Gedichte. kookbooks, Berlin, 2025, Hardcover, 128 S., 24,– €.

