Utopien in Worten. Björn Hayers Anthologie utopischer Gegenwartslyrik

Utopien in Worten. Björn Hayers Anthologie utopischer Gegenwartslyrik

Die Ansicht, dass uns die Dystopien näher liegen als die Utopien, hat sich zu einem Gemeinplatz entwickelt. Die Zeiten verdüstern sich, politisch, sozial und ökologisch, so die Diagnose. Warum aber boomen die Dystopien (und regressiven Fantasy-Szenarien) in dieser Lage, da es doch Anlass genug gäbe zu utopischem Denken? Wenn die Utopie als Genre keine Konjunktur hat, liegt es vielleicht an etwas anderem, an einer grundlegenden Skepsis gegenüber Utopien selbst. Viele Versuche, Utopien real umzusetzen, ließen sie kollabieren oder zu autoritären Systemen mutieren. Der Verdacht liegt nahe, dass das Genre der Staatsutopie, das seit 500 Jahren zwischen Fiktion und Verwirklichung oszilliert, dieses Schicksal immer schon im Rucksack trägt. 

Trotzdem ist das Utopische nicht ganz verschwunden, nein, es floriert sogar, hat sich nur gewandelt. Dieser Befund jedenfalls stellt sich ein, wenn man die von Björn Hayer herausgegebene Anthologie Utopische Dichtung der Gegenwart liest, die den schönen, aus einem Gedicht von Marion Poschmann geborgten Titel trägt: „Aus einer geschützten Ecke heraus/ läßt du den Raum entstehen“. Folgt man gleich diesem Titel in den Band hinein, findet man ihr Gedicht „Gartenplan“ und damit einen Hinweis, wo es mit der Utopie in unserer Zeit weitergehen kann: im Garten. Aber nicht wie im Biedermeier, als die Zeitschrift Die Gartenlaube das Glück im Winkel und den Status Quo beschwor, sondern im Garten als nachhaltigem Labor für Ideen und für die Gestaltung einer anderen Welt. Das Gedicht entwirft eine solche samt Ahnen und Kindern und endet mit einer offenen, fernen Zukunft: „warte/ ein paar hundert Jahre.“ Geduld also, die Keime brauchen Zeit, um aufzugehen. Hastig oder gar gewaltsam geht es hier jedenfalls nicht zu. 

Mögen die großen Utopien auch nicht auf der Tagesordnung stehen, hier sind Gedichte versammelt, mit denen man an einer womöglich bescheideneren, nichtsdestotrotz subversiven Gegenwart des Utopischen teilhaben kann. Dass Lyrik selbst so ein utopischer Raum sein kann, darauf weist die Anthologie nachdrücklich hin, indem sie sich im ersten von fünf sinnvoll überlegten Abschnitten der „Utopie als Schreibform“ (neben Abschnitten zu Ort, Melancholie, Ökologie und Utopiekritik) widmet. José F.A. Oliver macht hier den Auftakt. In seinem Gedicht „sig:nature“ scheint das Utopische als schwer zu fixierender Ort zwischen den Sprachen auf, in den Silben-, Zeichen- und Übersetzungsspielen für den Bruchteil eines Wortes, zum Beispiel des Worts „schrei/b ER be“: Da korrespondiert das „ER“ mit dem spanischen „él“ aus „klimawand/ él“, mit dem „ich“ aus „männl/ ich“ und „VERNichT/ UNG“. Die Worte und Orte des Gedichts sind über die Verse hinweg miteinander verbunden. Hier blitzen Botschaften aus einer Sprache des Möglichen auf, die sich nicht festhalten lässt, sondern immer gleich weiterführt und in neuen Bedeutungen aufgeht. Mirko Bonné schreibt von dem „geheimen Idiom“, der „Stadt/ aus Sätzen nicht zu betreten doch/ in der ich in allen Häuserzeilen zu Haus bin“. 

Überhaupt geht es viel um Orte – oder, mit Oliver, um „w:orte“ –, von denen her oder auf die hin der utopische Blick ausgeht. Auch die Melancholie (der sich der dritte Abschnitt widmet) kann der Boden sein, auf dem Utopien gedeihen, so bei Carl-Christian Elze, dessen lyrisches Subjekt ratlos Gedanken ausspricht, die viele denken mögen, aber: wer sagt sie?


sie haben es nicht verdient

von diesem virus ausgelöscht 

zu werden. wer sagt das? 

sie haben es verdient von 

diesem virus ausgelöscht

zu werden. wer sagt das? 

[…]

wer sagt das? keine ahnung 

ich bin nur einer von euch 

und steh am äußersten rand.


Diese Sprecherposition – einer von euch am äußersten Rand – zeugt von dem Anspruch, für viele, vielleicht für alle zu sprechen und zugleich nicht, denn das Ich steht eben nicht am Kopf einer Partei oder im Zentrum einer Bewegung. Es ist randständig: marginal, aber einer von euch, und es scheint in einer herausfordernden Redegeste zu fragen: Was macht ihr damit? So fordert das Subjekt, das da Fragen stellt und Widersprüche benennt, gerade durch seine aufreizende Neutralität eine Aktivität ein, eine eigene Haltung, eine Vorstellung, wie es denn anders und richtig sein könnte. 

Melancholie und Bitterkeit über den Zustand der Welt gehen ineinander über. Jürgen Brôcan evoziert das Bild eines Feigenbaums, der auf einer griechischen Insel in ein Haus hineinwächst, wie in der Odyssee der Olivenbaum. Doch dieser Feigenbaum hat „Dach, Innenwände und Fuß-/ böden“ des Hauses „gesprengt“ – die Natur holt sich das Ihre zurück – während er zugleich „auf Unrat und Müll“ wächst: Es gibt keinen Weg in ein Davor, keine Rückkehr der Natur, die Natur lebt schon selbst von den „Resten“. Aber sie lebt, und vielleicht ist das allein Anlass, sich noch eine andere Zukunft vorzustellen, die Vision versehrter Lebensmöglichkeiten im Post-Anthropozän. 

Über den Band verteilt finden sich kritische, dem angestammten Gebiet der Utopie treue Stimmen, die gegenwärtige Sprache, gegenwärtige ökologische, ökonomische, soziale Verhältnisse mit den Mitteln der lyrischen Sprache desavouieren, zu Ende denken oder ins Unausdenkliche fortführen. Auch die Kritik des Utopischen selbst gehört zu diesem Ensemble. Jan Kuhlbrodts Gedicht „Staat“, das einen Blick zurück auf die vergangene ostdeutsche Staatsutopie wirft, beginnt formal so unheimlich-heimelig: 


Von diesem Staat wird nicht viel bleiben

ein paar zerbrochne Fensterscheiben 

wirre Gitter vor der Welt 

und ein Emblem, das nirgends hält.


Die Erinnerung entgleitet dieser traditionellen Verssprache und wird zu einem Omen, wenn etwas so buchstäblich sang- und klanglos vergehen kann. Das Ich des Gedichts spielt deshalb mit dem geradezu waghalsigen Gedanken, sich zurück in ein vergangenes utopisches Bewusstsein zu versetzen und dessen ebenso vergangene Zukunftsperspektive zu teilen: 


Einmal jedoch hätte ich gerne gesungen,

an der Seite der Genossen gestanden, geschaut 

in so etwas wie ein kommendes Morgenrot

und geweint.


Wer mit den Maßstäben dieser vielfältigen lyrischen Sprachen aus der Anthologie das Nachwort liest, wird freilich auf den Boden der Verhältnisse zurückgeholt. Der Herausgeber Björn Hayer, der sich vor einigen Jahren über Utopielyrik habilitiert hat, leitet das Künstlerhaus Edenkoben. Er ist mit historischer und gegenwärtiger Lyrik vertraut, und er hat einen ausgebildeten Sinn für die utopischen Potenziale der Literatur. Desto mehr fallen hier viele gespreizte Formulierungen und Fehler ins Auge, die einfach zu redigieren gewesen wären, zumal sprachliche Genauigkeit zu den Grundvoraussetzungen so eines Bandes gehört. Auch hätte manch aufscheinende gute Idee oder Assoziation darin weiterer Ausführung nicht nur bedurft, um ganz nachvollziehbar zu sein, sondern auch verdient, zum Beispiel darüber, was das Utopische denn nun ausmacht. 

Immerhin gibt es hier den reizvollen Vorschlag, „Lyrik sowohl von der Produktion als auch der Rezeption her als utopische Praxis zu begreifen […]“. Damit folgt Hayer schon in seinem Buch Utopielyrik. Möglichkeitsdimensionen im poetischen Werk. Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Paul Celan (2021) einer Linie, die sich von Ernst Bloch herleitet. Will man aber Ernst machen damit und Lyrik insgesamt als eine utopische Gattung verstehen, für die es konstitutiv ist, Möglichkeitsräume zu eröffnen, trifft man eine ambivalente Entscheidung. Ihre durchaus nachvollziehbare Seite ist, dass die formale und auf das Sprachmaterial fokussierte Seite der Lyrik betont wird. Statt in den üblichen Mitteilungszwecken zu verbleiben, reißt Lyrik den Asphalt der Alltagssprache auf und legt das „Potenzial in der Form“ frei. Die andere Seite ist jedoch, dass im Grunde alle Lyrik unter diese Utopie-Definition fiele. Eine Anthologie utopischer Lyrik wäre dann letztlich tautologisch. Und tatsächlich dürften diejenigen, die sich dezidiert für das Utopische im Gedicht interessieren, die Stirn runzeln, wenn man es mitunter weit von dem gesellschaftskritischen Kontext löst, aus dem es kommt. Ein Gedicht wie „ˈklaŋˌkœʁpɐ” von Ulrike Almut Sandig zum Beispiel, das allein aus diesem in Lautschrift aufgeschriebenen Wort besteht, weist in Richtung des sprechenden, klingenden Körpers, weg vom abstrakten Medium der Schrift, in dem es aber steht; es ist zugleich poetologisch und performativ. Aber ist es deswegen utopisch? Allein, weil es ein Dazwischen, weil es eine Möglichkeit ansteuert? Das Nachwort sagt dazu denkbar allgemein: „Wirklichkeit und Möglichkeit, Materialität und Immaterialität umspannen den Text.“ Darüber würde man gern mehr erfahren.

Zudem weitet das sehr weite Verständnis dessen, was utopisch sei, auch das Suchraster für die Auswahl der Gedichte immens, was die Frage aufwirft, wieso gerade diese Auswahl getroffen wurde. Gedichte von Ann Cotten oder Björn Kuhligk etwa finden sich hier erstaunlicherweise nicht. Erstaunlich ist es auch, dass der Herausgeber dafür ein eigenes Gedicht abdrucken lässt, wo so manches naheliegende Œuvre ganz außen vor bleibt. 

Aber statt die Namen all derer aufzulisten, die man sich hier vertreten gewünscht hätte, kann man sich über die lyrischen Stimmen freuen, die miteinander ins Gespräch kommen. Es sind fast 100 Gedichte von 41 Autorinnen und Autoren, bekannteren und unbekannteren, immerhin also ein sehr lebhafter und vielgestaltiger Ausschnitt aus der lyrischen Gegenwart in einem schön gestalteten und in nachvollziehbare Abschnitte eingeteilten Band. Und auch, wenn sie übers Ziel hinausschießt und zu viel teils vermeintlich Utopisches in der Gegenwartslyrik ausmacht, kann man sie als einen ersten Versuch würdigen, das Feld zu überblicken. Vielleicht ist es ja gerade eine Qualität dieser Sammlung, dass sie das Nachdenken darüber, was eigentlich Utopie, was utopisch ist und inwiefern die Gedichte, die sie präsentiert, utopisch genannt werden können, herausfordert. 



Björn Hayer (Hg.): Aus einer geschützten Ecke heraus / läßt du den Raum entstehen. Utopische Dichtung der Gegenwart. Gans Verlag, Berlin 2026. 211 S., geb., 21,90 €. 

Die alten Götter am Wegesrand. Über John Burnsides letzten Gedichtband “The Empire of Forgetting”

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