Die alten Götter am Wegesrand. Über John Burnsides letzten Gedichtband “The Empire of Forgetting”
Wie seine nächsten dichterischen Verwandten verfügte er über einen untrüglichen sense of place. Doch anders als Seamus Heaney, der die irische Ackerkrume umpflügte, Ted Hughes, der seine Tiersymbolik in unauslöschlicher Erinnerung an seine Herkunft aus Yorkshire entwickelte, oder Alice Oswald, die dem River Dart in der Grafschaft Devon im Bewusstsein des Anthropozän folgte, waren die Orte, die der gebürtige Schotte John Burnside in seiner Poesie aufsuchte, immer auch Nicht-Orte. Sie bezogen ihre Kenntlichkeit aus den Landschaften, die ihn geprägt hatten, strebten aber nicht nach einer Universalität, die das Regionale transzendiert. Sie wurzelten vielmehr in einem Irgendwo und Nirgendwo, das hinter jeder Wegbiegung, jedem Hügel, jedem Horizont ein Ortsversprechen vermuten lässt, das beim Näherkommen wieder nicht eingelöst wird.
Es hat von daher etwas von einer idée fixe, wenn der im Mai 2024 mit 69 Jahren verstorbene John Burnside auch in einem Gedicht seines nun posthum erschienenen Bandes The Empire of Forgetting diese permanente Verschiebung praktiziert. In apokalyptisches Licht getaucht, heißt es in „As If From the End of Times“: „When all the books are gone, there will be/ nothing to remember but a single/ porch light at the far end of the road,/ where something live is moving in the snow,/ a woman, or a fox, it’s hard to say.“
Genauigkeit der Wahrnehmung und Unbestimmtheit des zu Erkennenden gehen hier eine für Burnside typische Liaison ein, und statt den auf dem Umschlag abgebildeten Fuchs als Antwort auf das rätselhafte Objekt zu nehmen, sollte man den unendlichen Metamorphosen von Burnsides Imaginationen vertrauen: „last day of weather, lanternlight crossing the yards,/ last of those stories our kinfolk used to tell/ of woman into fox, fox into deer,/ deer into shadow and, always, the darkness-to-come.“
The Empire of Forgetting, von John Burnsides langjährigem Lektor Robin Robertson herausgegeben, ist ein letzter, wenn auch nicht von letzter Hand zusammengestellter Band, der dennoch mehr ist als eine schmale Sammlung zuvor verstreut publizierter Gedichte. Denn obwohl man Burnside nicht erst hier, auf engstem Raum, ein gehöriges Maß an Wiederholungswut nachsagen könnte, ist das weder den Zufällen der Resteverwertung geschuldet noch einer Masche, geschweige denn der Einfallslosigkeit.
Was er in vier Jahrzehnten an Motiven, Allegorien, Denkfiguren, Vokabeln und Begrifflichkeiten in immer neuen Konstellationen zu einem weit ausgreifenden Gewebe zusammengetragen hat, kreist um Dinge, die sich nicht letztgültig formulieren lassen. In rituellen Annäherungen nimmt das Bemühen, etwas schwer Auszusprechendes dennoch auszusprechen, fast Gebetscharakter an: „one thing, then the next, and everything/ so close to unison, we bow our heads/ and call it prayer, as if all things were One.“
Das Gedicht, dem diese Zeilen entstammen, heißt „Notes Towards a Devotio Moderna“. Die Frömmigkeit, auf die sich der Titel bezieht, geht zurück auf eine vorreformatorische Bewegung, die gegen die verfestigten Strukturen der Kirche eine Besinnung auf die Tugenden des Urchristentums forderte. Trotz aller Versatzstücke, mit denen Burnside theologisch, philosophisch, literarisch und kunsthistorisch stets hantierte, zielt er auch hier auf eine unmittelbare, sinnlich erfahrbare Gegenwart, der ihr spirituelles Bewusstsein abhanden gekommen ist.
Burnsides Transzendenz ist die totale Immanenz in der Abwesenheit jedes individuellen Bewusstseins: die Summe aller Vergangenheiten. Und so gibt es neben den „Notes Towards a Devotio Moderna“ auch ein lediglich „Devotio Moderna“ überschriebenes, mit einem Motto des flämischen Mystikers Jan van Ruusbroek versehenes Gedicht aus All One Breath (2014). „This is the life“, lauten die ersten Zeilen, „a pause for the briefest/ rehearsal of someone else/ at the back of my mind“.
Hier kommen die „old gods“ ins Spiel, die gerade Burnsides Vermächtnisband auffallend oft herbeizitiert. In The Music of Time (2019), seinem großen Essay über „Poetry in the Twentieth Century“, bekennt er, dass er ein Schottland verlassen habe, das sein Geburts- und Herkunftsort bleibe, „still discernibly alive with the energy of the old gods for those of us who persist in the sentiment that, in spite of everything, we are more Pict and Celt than Christian or Brexiteers.“
Die Bezeichnung „old gods“ umfasst ein Pantheon schwer greifbarer Gestalten, die von Gedicht zu Gedicht ein leicht verändertes Gepräge annehmen können. Es sind die heidnischen Götter, die Natur-, Schutz- und Ahnengeister – oder auch nur die leise Erinnerung an sie. Das Titelgedicht „The Empire of Forgetting“ situiert sie, „couched in the shadows“, in der hereinbrechenden Dämmerung. Sie spuken durch die Virginia-Woolf-Hommage „Listen With Mother“, die den Bewusstseinsstand des Achtjährigen evoziert, „a lost boy on the farm road, hoping to be/ animal: a lone wolf coming home/ to hop the fence, a wildcat in a beam/ of torchlight, barely seen“. Schon dieses Ich ist nicht allein: „something else was with me in the dark;/ spirits were in the land, but/ no one’s ghost“. Da gibt es „threads of light/ and carbon in the grass,/ woodbine, sorrel, older gods than mine,/ but none for worship, small rain in the leaves,/ the echo of the sound / inside the sound“.
Tatsächlich taugen diese Götter nicht zur ehrfürchtigen Anbetung. „October 2023“ beschreibt sie als Überwinternde, die im Verborgenen auf ihren zweiten Frühling warten: „First hard frost. The old gods gone to ground/ in drystane walls and silted/ ditch works, sleet/ in squalls along the ridge“. Ihre unscheinbare, geradezu schäbige Präsenz ist, wie es wiederum in dem Widmungsgedicht „To the Old Gods“ heißt, auch deshalb so suggestiv, weil sie nicht mehr von prächtigeren, aus christlichen Vorstellungswelten stammenden Abkömmlingen des Numinosen überstrahlt wird: „all the time I had my own/ companions, majorettes/ in gold braid, and a borrowed/ angel, not quite native to this place“.
Nun, da für sie eine unabsehbar lange Kälteperiode anbricht, in der Burnside mit Titeln wie „Winter Sutra“ oder „A Theory of Siberia“ auch seine eigene Todesnähe spiegelt, beziehen sie ihr trostloses Quartier: „Solstice is done;/ and all that’s left of them/ is strung out on the back roads,/ flecked with tar,/ and everything they loved/ is erstwhile, in the empire of forgetting“.
Als abwesend Anwesende gehören die alten Götter zu Burnsides Stammpersonal. Sie finden sich auch in einem mit dem Namen der keltischen Sommersonnenwende, „Litha“, überschriebenen Gedicht des vorletzten Bandes Ruin, Blossom (2024), wo sie, noch ganz Sonnenkinder, die Attraktivität der Kirchenheiligen bei Weitem in den Schatten stellen: „In summer, it was harder to be churched;/ the pagan gods were out, their sentries/ drifting through the sunlit// chapel, pollen/ scattered on the flagstones like some timeless/ scriptures from a time before the Word.“
Die Offenbarung hat längst stattgefunden. Da ist „nothing to reveal, beyond the hum/ of incarnation:/ sun on the backlot, mayweed, that clinging smell// of bird rot in the grass, like/ angel spoor. How sweetness is always/ ruin. No// Hereafter. Always now.“ Diese Götter sind auch nicht notwendig an den westlichen Kulturkreis gebunden. Wenn Burnside, ein passionierter Leser von Laozis Daodejing, sie in „From the Chinese“, einem Gedicht aus Black Cat Bone (2011), auftreten lässt, fristen sie ihr übliches marginales Dasein: „Thaw in the hedge/ and the old gods return to the land/ as buzzard and pink-footed goose“.
Ein erstes eigenes Gedicht galt ihnen schon in All One Breath mit „The Old Gods“:
Now they are condemned
to live in crack,
in bubbles of plaster and rust,
and spiders’ webs
behind the furniture:
speaking a derelict language
to empty space,
sealed with the vapour
in bottles, closed in the blown
robins’ eggs
in some abandoned loft.
Each has its given power.
Each has its hearth, its secret,
its local name,
and each has its way of learning
the skill of return,
the science of bleeding through, when anger or fear
is fuzzing the surface,
making us dizzy and whole.
In der Art und Weise, wie sie den Lebenden ihre Geheimnisse zuflüstern, gleichen sie den Verstorbenen, die Burnsides Gedichte von Anfang an bevölkern. In „The Way the Dead“, einem der eindrücklichsten Gedichte seines Debütbandes The Hoop (1988), machen sich die Toten ähnlich still bemerkbar: „how they keep appearing, like weeds/ in herbaceous borders: moleskin/ figures amongst the lupins,/ nodding and waving. They treat your moths// as angels; they leave kid gloves/ and feathers in the kitchen,/ or come in suddenly at dusk,/ expecting tea.“
Der Weg von Natur- zu Ahnengeistern in Burnsides Poesie ist kurz, und auch die Engel, die einem in The Empire of Forgetting auf Schritt und Tritt begegnen, künden nicht von höheren Wesenheiten, sondern sind flügellahme Boten einer Welt, die nur noch innerhalb der Kunst existiert. „For years we staked our faith on evensong“, heißt es in den von Edvard Grieg inspirierten „Notes Towards a ,Wächterlied’“, „and medieval paintings where/ the angels, if they chose to speak at all,/ said nothing that might implicate a god“.
Eine denkbar konzise deutschsprachige Einführung in John Burnsides Werk bildet seit Kurzem Nadja Küchenmeisters Essay Schwerkraft und Licht. Ursprünglich als Rede im Münchner Lyrikkabinett gehalten, spannt er den gedanklichen Bogen zwischen den Begriffen von „gravity“ und „light“ auf, die auch Burnsides „Theory of Everything“ in dem Band A Light Trap (2002) grundieren. Küchenmeister, 2026 für ihren Gedichtband Der Große Wagen mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet, widmet sich, mit Seitenblicken auf Burnsides Prosa, dabei vor allem den Aspekten von Kreatürlichkeit und Sterblichkeit. Der Abschied, den es nun von diesem Dichter zu nehmen gilt, ist unwiderruflich, aber er ist, wenn man Burnsides Gedicht „Nature Study“ richtig versteht, wohl nur aus menschlicher Sicht unbarmherzig:
It might have been a puzzle, or a form
of absence we had yet to comprehend:
nature table: blueprint for a way of being
animal, a brightness still to come
Implicit in a clutch of plover’s eggs,
a bowl of leaves, a weft of bone and feathers;
and yet we were less present in our world
than snail shells, or a slip
of minnow at the bottom of a jar,
forgotten, iridescent, almost gone,
But dreaming, till the end,
of light and rain.
John Burnside: The Empire of Forgetting. Jonathan Cape, London 2025, 46 S., br., 13,– GBP.
Nadja Küchenmeister: Schwerkraft und Licht. Über John Burnside. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2026, 31 S., br., 18,– €.

