Maria Marggraf: von Berlin nach Basel, lyrische Lebewesen im Gepäck

Maria Marggraf: von Berlin nach Basel, lyrische Lebewesen im Gepäck

Maria Marggraf, 1991 in Berlin geboren, in Basel ansässig, ist eine Stimme, die sich erst seit einigen Jahren in der Schweizer Lyriklandschaft hörbar macht. Nach einem Studium der Hispanistik, Anglistik und Lateinamerikastudien in Berlin und Havanna begann sie 2019 an der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule der FU Berlin das Promotionsprojekt „Hispanoamerikanische Poesie in Berlin seit 2000: Auf dem Weg zu einer poesía hispanoberlinesa?“ – zu einer Szene, in der Stadt, Mehrsprachigkeit und ortsspezifische Performance ineinander übergehen. Ein offenes „Auf dem Weg zu …?“, das eine Beobachtungsarbeit ankündigt: Wie schreibt sich eine Stadt in eine Sprache ein, die nicht die ihre ist?

Diese Arbeit hat bei Marggraf eine Entsprechung in ihrer Praxis als Literaturvermittlerin wie als Autorin. Sie ist zuständig für Produktion und Programmmitarbeit im Literaturhaus Basel und beim Internationalen Lyrikfestival Basel. Hinzu kommen Stadtführungen bei Literatur|spur, der Spaziergang „Poesie der geheimen Orte“ zu den Schlafplätzen ihres ehemals obdachlosen Geschwisters Lilo, das Insektenorakel. Lyrik erscheint hier als etwas, das im Stadtraum geschöpft und in ihn zurückgegeben werden kann.

Marggraf ist am ehesten in einer ökopoetischen Linie zu verorten, die das Mehr-als-Menschliche als Gegenüber ernst nimmt – bei Eva Maria Leuenberger zum Beispiel geschieht das durch radikale Reduktion, bei Marggraf durch Integration: etwa von Schwellenwesen wie Frau Holle, der schwarzen Madonna, der Pfeifenfrau. Hinzu kommt ein schriftlich-volkskundliches Register, in dem Erbschaft und ökologische Auflösung ineinandergreifen: nicht der Ort wird geschildert, sondern die Beschaffenheit der Dinge, die ihn überdauern – eine Schreibweise, die im Verschlissenen das eigentliche Dokument findet. Damit fügt Marggraf der Schweizer Ökopoetik eine Dimension hinzu, die das Mythische und Volkskundliche nicht abstreift, sondern als gegenwärtiges Material behandelt.

Wer Marggraf liest, kann aber ebenso gut Svenja Herrmann und Alice Grünfelder folgen – sie haben die zwei kurzen Begleitworte zu „ich aß dein kraut“ verfasst. Herrmann liest Marggraf im magischen Realismus, Grünfelder zieht Donna Haraway heran. Der magische Realismus leiht Marggraf eine lateinamerikanische Genealogie, womit sich ein Kreis zu ihrem Interesse an hispanoamerikanischer Berlin-Poesie schließen mag. Haraway wiederum schiebt Marggraf in die zeitgenössische Theorie – eine posthumanistische Lyrik des Mehr-als-Menschlichen.

Dass es Begleitworte überhaupt braucht, hat damit zu tun, dass ein Gedichtband aus einem kleinen Verlag heute selten allein im Raum stehen kann: dass er sich an ein Publikum richtet, das Lyrik nicht mehr selbstverständlich liest, und Teil einer Förderlandschaft ist, die anschlussfähige Begriffe verlangt. Begleitworte sind demnach Werbe-, Verbürgungs- und Einordnungsschrift in einem.

Bemerkenswert ist, dass „ich aß dein kraut“ bei pudelundpinscher erscheint und nicht im Bübül Verlag Berlin, wo 2022 Marggrafs Lyrikdebüt „am morgen der schildkrötenpanzer“ herausgekommen war. Die Bewegung von Berlin nach Linescio ist eine Art Seitwärtssprung bei gleichbleibender Maßstabsordnung, eine Heimkehr zur tatsächlichen literarischen Adresse Schweiz. Das Debüt in Berlin war für eine dort Geborene und Studierte das Erwartbare; der Schweizer Zweitband ist die Verortung im Förder- und Verlagsbiotop, in dem die Autorin ohnehin steht.

Ebenso bemerkenswert ist die Wanderung des Verlags pudelundpinscher selbst: 2006 Gründung in Unterschächen, dem hintersten Dorf des Schächentals (Uri), Ende 2010 Umzug nach Erstfeld am Beginn der Gotthard-Nordrampe, Ende 2015 nach Wädenswil am Zürichsee und Anfang 2023 nach Linescio am Eingang des Valle Rovana, in ein Tessiner Bergdorf mit rund 40 Einwohnern – eine wiederholte Bewegung in die Peripherie. Die Kleinheit, in der die verlegenden Beatrice Maritz und Andreas Grosz „eine gewisse Unsinkbarkeit“ sehen – wohl wissend, „dass das schon Riesen und Titanen von sich behauptet“ haben –, wird geographisch verstärkt. Das beglaubigt Marggrafs Ton noch einmal von außen: Ein Gedichtband, der das Nicht-Städtische zu seinem Stoff macht, erscheint bei einem Verlag, der das Nicht-Städtische zu seinem Sitz gemacht hat.

Bildrechte: Foto Alexandru Bulucz (c) Renate von Mangoldt; Foto Maria Marggraf (c) Judith Hirsbrunner

Bevor ich verlerne, zu sehen. Über Maria Marggrafs „ich aß dein kraut“

Bevor ich verlerne, zu sehen. Über Maria Marggrafs „ich aß dein kraut“

Abseilen vom Rand. Giorgio Orellis Gedichte aus dem Nachlass

Abseilen vom Rand. Giorgio Orellis Gedichte aus dem Nachlass