Aus der Entfernung (nicht nur) von Worten
Im Zuge des Krieges seit 2014, beschleunigt und intensiviert durch die Vollinvasion seit 2022, formt sich die ukrainische literarische Identität aktuell neu, und das vornehmlich im Feld der Lyrik. Gedichte untersuchen, was mental und emotional geschieht, wenn sich moderne Menschen auf einmal in Schützengräben oder unter Beschuss wiederfinden, wenn die Grundlagen der persönlichen wie kollektiven Existenz von einem sich als übermächtig gerierenden Aggressor geleugnet und mit erklärtem Vernichtungswillen bekämpft werden, wenn Wut und Trauer über den Verlust von Heimat und elementarster Sicherheit Leben und Denken aufzufressen drohen. Sie spüren aber auch dem nach, was von der Sprache selbst bleibt, wenn Kriegsgewalt sie durchpflügt und Unterstes zuoberst kehrt.
In diesem vielgestaltigen Chor klingen auch Stimmen derjenigen mit, die die Ukraine verlassen haben, wie die Lyrikerin, Übersetzerin und Geisteswissenschaftlerin Oksana Maksymchuk, die ein paar Tage vor dem Beginn der russischen Vollinvasion mit ihrem Mann und dem damals zehnjährigen Sohn auf Anraten von Freunden einen Zug nach Budapest bestieg, um erstmal mit nur leichtem Gepäck an einem sicheren Ort abzuwarten. Weil die Russen Gerüchten zufolge Listen bei sich hätten, auf denen unter anderem auch diejenigen stünden, die, wie Maksymchuk, auf Ukrainisch publiziert hatten oder die moderne, unabhängige Ukraine selbstbewusst verkörpert und ihr durch ihre Werke und Editionen auch international Aufmerksamkeit verschafft, eine Stimme gegeben hatten. Die von Maksymchuk und ihrem Mann und kreativen Partner Max Rosochinsky gemeinsam edierte und co-übersetzte Anthologie Words for War. New Poems from Ukraine von 2017, in der Dichter und Dichterinnen ihre poetischen Antworten auf den ihrem Land seit 2014 von Russland aufgezwungenen Dauerkriegszustand geben, hatte hier Maßstäbe gesetzt.
2022 hatten die Russen tatsächlich vor, die gesamte Ukraine einer schnellen und gründlichen „Säuberung“ auch im Kulturbereich zu unterziehen. Zu den frühen prominenten Opfern ihrer Besatzungspolitik, von Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk als „simply another form of war“ bezeichnet, zählte etwa der bei Isjum in der Ostukraine lebende, dort im März 2022 von den Besatzern gefangen genommene und kurz darauf ermordete Dichter und Kinderbuchautor Volodymyr Vakulenko. Nach Lwiw, der ganz im Westen gelegenen Heimatstadt von Maksymchuk, stießen die Russen zwar nicht vor, die Dichterin blieb dennoch mit ihrer Familie vorerst im Ausland. Für sie, die teilweise in Amerika aufgewachsen ist und im Zuge etlicher Gastdozenturen, Forschungsaufenthalte und Residenzen mit dem Leben in einer anderen Sprache sowie wechselnden und improvisierten Verhältnissen vertraut ist, ein vielleicht leichterer Schritt, der 2022 dennoch unter radikal gewandelten Vorzeichen stand.
Maksymchuk ist in dieser Situation auch poetisch auf Abstand gegangen. Über den Krieg dichtet sie nicht nur aus der räumlichen Distanz des Exils, sondern auch aus der verschärften „Entfernung von Worten“ in einer anderen Sprache, ihrer Zweitsprache Englisch. Ihr 2024 bei Carcanet Press in Großbritannien veröffentlichter Band Still City. Diary of an Invasion vermittelt so in doppelter Weise ein ganz eigenes Register vielschichtiger Distanz.
Die „Still City“ ist die stille Stadt, erstarrt in der Ruhe vor dem Sturm, in der Erwartung des Kommenden, aber auch eine „Noch-immer“-Stadt, weil:
das Leben geht weiter
Die Zukunft bedrohlich offen
– bis zu dem Moment, in dem alles kollabiert, sich aber selbst dann wieder aufrappelt, in die vertrauten Bahnen zurückfinden will:
Unsere Stadt sie mag aussehen wie ein
Haufen Schutt,
aber sie besteht aus demselben Stoff –
nur die Form hat sich verändert
Dieser Horizont ist im deutschen Titel leider weggefallen. Maksymchuks Band heißt in der deutschen Übersetzung von Matthias Kniep schlicht „Tagebuch einer Invasion“, wobei der Gebrauch des unbestimmten Artikels gleich ein subtiles Erwartungsmanagement betreibt. Mit einem weiteren der vielen Kriegstagebücher aus dem Alltag der überfallenen Ukraine – als Genre in ähnlicher Weise naheliegend wie das Gedicht – hat man es eben nicht zu tun. Oksana Maksymchuk zoomt vielmehr maximal heraus, abstrahiert ganz bewusst, bis zur Unkenntlichkeit des konkreten Anlasses für ihr Schreiben. Die erst ungläubig, skeptisch, ja selbstironisch erwartete Invasion, von der Dichterin auch selbst noch in der Ukraine miterlebt –
Ich kaufte einen Hut
Kunstnerz
ihn zu tragen im Krieg
– die dann in ihrer Vereinnahmung aller Lebensbereiche beobachtet und reflektiert wird, erschöpft sich nicht in und mit der Aktualität, sondern wird als ein historisch variables Phänomen betrachtet. Die Autorin, die Philosophiegeschichte lehrt und dazu forscht, nennt auch Troja als Bezugspunkt, ferner die besondere politische Geschichte ihrer Heimat Lwiw im Zweiten Weltkrieg, als die Stadt gleich mehrfach die „Besitzer“ wechselte. Niemals plakativ, höchstens subtil angedeutet, macht sie so weitere Resonanzräume auf, die sie aushorcht, um zu erfahren, wie Selbst- und Wirklichkeitssinn, Zeitempfinden und Mitgefühl im Zuge „einer Invasion“ bröckeln, abstürzen, sich wandeln, neu zusammensetzen. Dabei ist Maksymchuk auch Chronistin, aber vor allem Philosophin. Auch in der Ausnahmesituation gilt:
Sein geht aller Zeit voraus –
also erst Ontologie,
dann Temporalität
In kompromissloser Klarheit und Hellsichtigkeit ausbuchstabiert, komplementieren sich poetisches Erkenntnisinteresse und konkrete Schreibsituation der Autorin – fern der Heimat, fern des Geschehens, fern der unmittelbar gefährdeten Muttersprache – in beeindruckend stimmiger Weise. Schlägt Entfernung manches Mal in Fremdheit, gar Entfremdung um, so hat die konstatierte Ungerührtheit der Dinge daran einen wesentlichen Anteil. Ihnen kann die menschengemachte Katastrophe nichts anhaben:
Keine Brücke mehr jetzt
aber der Fluss
fließt wie zuvor
[…]
Er trauert nicht, wenn die Städte
entlang seiner Ufer
in Trümmern liegen
Diese Fremdheit, diese fast gefühllose Benommenheit kommt allerdings auch durch die Art auf, in der aus der Entfernung der Stoff zum Dichten gewonnen und gewogen wird – online nämlich, über aufploppende Meldungen, Scrollen auf schummrigen Displays, Timelines in Sozialen Medien. Maksymchuk kartiert das Ineinanderlaufen von Realität und Virtualität, in dem letztere nicht mehr als unschuldige Erweiterung des modernen Alltags präsent ist, sondern als etwas auch selbst Invasives, Lauerndes, das Hineinwuchern und Eindringen einer Welt, in der, so archaisch wie hochtechnisiert zugleich, die nackte Gewalt herrscht.
„Und wenn ich sterbe/ im Krieg/ dann begrabt mich auf Maps“, heißt es lakonisch in Anspielung auf eines der berühmtesten Gedichte des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko.
In dem auch medial in bisher ungekanntem Ausmaß geführten Krieg Russlands gegen die Ukraine ist es problemlos möglich geworden, mitzuverfolgen, wie Menschen zu Tode gebracht werden:
Trifft eine Granate einen Menschen
kommt es zur Zerstreuung
ein Vogelschwarm
der abhebt
Hände fliegen in die Luft
geben Zeichen
Genau hier stellt sich aber auch eine Nähe ein, die beim Lesen jäh und erschreckend trifft. Wer an diesem Krieg Anteil nimmt, kennt etwas von dem, was sich in Maksymchuks Gedichten kondensiert, aus der eigenen Erfahrung der vergangenen Jahre, kennt das nur mittelbare Miterleben, die fast surrealen Bildschirmsitzungen, die quälende, fragwürdige Diskrepanz zwischen der eigenen Sicherheit und dem oft in real time verfolgbaren Grauen.
Bis es vorbei ist, werden einige von uns
sterben, viele von uns werden zusehen,
wie geliebte Menschen sterben
die meisten von uns werden zusehen,
wie geliebte Menschen zusehen,
wie ihre geliebten Menschen sterben
Aus der Entfernung von Worten,
im Rahmen einer ausdruckslosen Seite,
bist auch du Zeuge
des Unaufhörlichen
Aus der „Entfernung“ eben nicht nur „von Worten“ wird die Tiefe und Tragweite des invasiven Geschehens in Maksymchuks Lyrik noch einmal auf ganz andere Weise für „uns“ alle eindrücklich, vielleicht für nicht direkt Betroffene – wie das hier angesprochene „du“? –begreiflicher als in emotional höhertemperierter Lyrik aus der Zone des unmittelbaren Traumas.
Die Nüchternheit, fast Sprödigkeit von Maksymchuks Gedichten, die fast ohne Satzzeichen auskommen, lange Pausen lassen, in deren Kühle Platz ist für viele Resonanzen, fordert eine Lektüre ein, die sich schonungslos allem schnellen Konsum verweigert und in die man doch eintaucht wie in ein reinigendes Eisbad. Wie schön, dass die quasi kathartische Wirkung in der minimalistischen deutschen Übersetzung von Matthias Kniep so präzise herausgearbeitet wurde.
Und doch erschöpft sich Maksymchuks Poesie nicht in der Kontemplation, der Analyse, dem Sezieren dessen, was ist. Da ist noch etwas, was in seiner sparsamen, zarten Andeutung an Paul Celans „Engführung“ gemahnt, wo es heißt: „Ein/ Stern/hat wohl noch Licht. Nichts,/ nichts ist verloren.“
Bei Maksymchuk bemerken
wir […]
tief in uns – ein Flattern
ein Sich-Öffnen, wie ein feuchter
fragiler Schmetterling, der ausbricht
Hoffnung wäre ein zu großes und zu abgegriffenes Wort dafür, doch es gibt sie noch: winzige Refugien des Miteinanders, Funken des Lichts, die Keime einer Zukunft. Gedichte haben daran – vielleicht – ihren Anteil:
Die kleinen unter ihnen, ohne Gewicht
reichen aus
alles zu verwandeln
während man in den Himmel starrt
zum Heulen einer Luftschutzsirene
einschläft in einer Badewanne
tanzt in
einem Keller

