Orgel und Hegel

Orgel und Hegel

Zu Orgelsee von Øyvind Rimbereid

Øyvind Rimbereids Orgelsee (Edition Rugerup 2025), die deutsche Übersetzung des mit dem norwegischen Kritikerpreis ausgezeichneten Gedichtbands Orgelsjøen (Glydendal 2013), lädt dazu ein, nicht nur hörend zu lesen, was bei Lyrik mit ihren Versmelodien, Lauten, Metren und Rhythmen ja gewöhnlich angemessen ist. Der Band fordert auch dazu auf, nach den besonderen Orgelklängen zu lauschen, die in seinen Gedichten imitiert, evoziert, erklärt oder begleitet werden. Dass diese Musikalität selbst in der Übersetzung deutlich spürbar wird, ist der Kunstfertigkeit von Klaus Anders und Thomas Fechner-Smarsly zu verdanken. 

Schon der Titel des Bandes, Orgelsee, kann als musikalische Metapher verstanden werden: er assoziiert die Orgel im Deutschen wie im Norwegischen sowohl mit einem Binnensee als auch mit der See bzw. dem Meer. Beim Sich-„Hingeben“ an Bachs Orgelkompositionen, das im Gedicht „Die Bach-Gnade“ dargestellt wird, weitet sich die Welt so, „als wär’s eine Gnade, / ein Ruderboot auf einem See“, und schließlich so sehr, dass es kein „Ruderboot auf einem See“ und „beinahe keine Musik“ mehr gebe. Im darauffolgenden Gedicht „Die Orgel, die es nicht gibt“ existiert die „Phantasie“ nur noch in dem „schiefen Bild zwischen zwei Wellenschlägen“ von einer „zerstörte[n] Orgel“, weggeworfen „hinaus in die Orgelsee“. 

Rimbereid ruft mit der Verbindung von Orgel, See, Meer und Wellen ein selbst von Organistïnnen häufig gebrauchtes Bild der Orgelmusik als eines „Meer[s] von Tönen“ ins Gedächtnis (s. Ritter, Kunst des Orgelspiels, 3. Aufl., 1846) – Tönen, die sich, aus bis zu 33.000 Pfeifen fließend, meist in weiträumigen Kirchenschiffen oder Konzertsälen ausbreiten. Bei Rimbereid ergießt sich aus der Orgel-Metapher eine Flut von weit über die Musik hinausgehenden Assoziationen, dem Universalitätsanspruch des „König[s] der Instrumente“ (Mozart) entsprechend. Insbesondere in der Romantik sollte die Orgel wie ein ganzes Orchester klingen und dessen Instrumente nachahmen, darunter Flöte, Trompete, Trommel und sogar die menschliche Stimme (vox humana). In Orgelsee wird die Orgel zur Metapher für den Anspruch des Menschen, die gesamte Welt zu dirigieren, ihre unterschiedlichsten Bewegungen zu lenken, die Rimbereid häufig als Wellen beschreibt. Dieser Vergleich findet sich vor allem im zehnstrophigen Langgedicht „Die Orgel, die es nicht gibt“: „Aber auch du bist eine Welle!“, heißt es dort; und wie eine Welle ‚wölbten‘ sich der „Himmel“ und die gesamte „Welt“. Zugleich stellt der Dichter den Machtanspruch der Menschen in Frage, indem er dessen zerstörerische Konsequenzen nennt – darunter Kolonialismus, Krieg, Gewalt und Umweltzerstörung. Allerdings erfasst Rimbereid die gesamte Entwicklung unseres Universums als Welle einer unerbittlichen Selbstzerstörung: Am Ende werde sich die Welt „zum Äußersten wölben“, und alle Lichtwellen seien „auf dem Weg in den Wärmetod“. 

Diese apokalyptische Aussicht ist für Rimbereid aber kein Grund, die Lyrik aufzugeben, obwohl die Gattung trotz aller neuen Entwicklungen immer noch von manchen als sentimental und schwärmerisch belächelt wird. Das poetologische „Epilog“-Gedicht „Was das Gedicht immer gewusst hat“ verteidigt, dass „im Gedicht“ das „Gras ganz besonders grün ist“, mit der Begründung:

Weil es einst auch auf Wiesen spross,

die traumgleich versinken,

mit Schwänen, Büchern und Graubrot

auf ihrem Weg heim zum Meer.

In der Erinnerung wirkt das Gras wohl noch grüner als es in Wirklichkeit war. Das Gedicht könne sogar Kriege verbergen, „weil nun Sonnenblumen / auf den Schlachtfeldern wachsen“. Jedoch ist die Behauptung, dass Kriege in eitel Sonnenschein enden, kaum als naiver lyrischer Eskapismus zu verstehen. Sie zeigt vielmehr ein Vertrauen in die Kraft der Dichtung, der Möglichkeit von Heilung Ausdruck zu geben. 

Wie Fatalismus und Hoffnung im Gedicht zusammentreffen, zeigt programmatisch das erste Gedicht „Der Balg“, das den „Prolog“ ausmacht. Mit dem „Balg“ ist der Blasebalg gemeint, der den Luftstrom in die Orgelpfeifen bläst und sie zum Klingen bringt. Dieser Blasebalg wird zur Metapher für die vulkanischen Gase, die die Erdgeschichte beeinflussten und deren Auswirkungen nie vollständig kalkuliert werden könnten.

Der größte Boden der Welt,

sechzig Millionen Jahre 

alte Flickenteppiche bedecken ihn. 

Und an jedem Morgen: wie neu. 

Doch es ist der Balg darunter

der alles in Bewegung bringt.

Der aus voller Lunge vergeudet

und in Ventile bläst, 

die kein Mensch zu zählen vermag. 

Vielleicht bezieht sich Rimbereid hier auf den Ursprung des Känozoikums, des Beginns des Zeitalters der Säugetiere vor etwa 66 Millionen Jahren und auf die Klimaerwärmung vor ca.  55 Millionen Jahren, die möglicherweise durch den Anstieg von Kohlenstoffdioxid und Methan, ausgestoßen von Vulkanen, verursacht wurde. 

Am Umschlagspunkt der abwechselnd schöpferischen und zerstörerischen Wellenbewegung der Luft oder der Gase erkennt das Gedicht „Der Balg“ auch den Moment, der das unerbittliche Auf und Ab unterbricht. Das Gedicht nennt diesen Moment die ‚Wende‘ des Atems, vielleicht in Anspielung auf Paul Celans Vergleich der Dichtung mit einer „Atemwende“ (s. „Der Meridian“, 1960), die die Begegnung mit einem ganz „Anderen“ ermöglicht:

Doch in der Nacht,

wenn der Balg den Atem wendet,

nimmt er alles zurück,

lässt den Diebstahl, die Wunde

und den hoffnungslosen Gedanken 

leuchten.

Der Verlust, die Verletzung und die Hoffnungslosigkeit „leuchten“ trotz ihrer eigenen Dunkelheit im Augenblick der Atemwende. In den darauffolgenden Strophen wird dieser Augenblick als eine unhörbare Musik beschrieben, die den tiefsten Tönen mancher Orgeln ähnelt. Diese Töne liegen die außerhalb des menschlichen Hörvermögens, können aber als Vibrationen zu spüren sein: „es ist die Musik / aller Orgeln der Welt / […] nur zu hören, / wo die Ohren nicht sitzen.“ 

Während das „Prolog“-Gedicht „Der Balg“, ähnlich wie das „Epilog“-Gedicht „Was das Gedicht immer gewusst hat“, poetologisch und programmatisch wirkt, evozieren die zwölf lyrischen Texte des darauffolgenden Zyklus „Orgelsee“ ein klangbewusstes und zugleich reflektierendes Lesen, das sich am ersten dieser Texte, „Hegels Orgel“, beispielhaft ausprobieren lässt. 

In dem sich fast über zehn Seiten erstreckenden, dreiteiligen Gedicht interpretiert Rimbereid Hegels philosophische Dialektik aus These, Antithese und Synthese auf kritische Weise als eine Poetik der Welle. Die dargestellte Wellendialektik beginnt mit einem Vergleich zwischen Hegels Idee des ‚perfekten Staats‘ mit der „Supermaschine“ einer Orgel und deren „Dialektik der Technik, die sich selbst genügt“. Jedoch wird sogleich auch der ‚unsichtbare‘ und „uralte[] Balgtreter“ genannt, der die Selbstgenügsamkeit von Orgel bzw. Staat als Schein entlarvt. Der Balgtreter „pumpt“ 

die formlose Luft 

hin zum gesichtslosen Herrn,

der sie direkt hinaufbläst,

aufbläst zu schreienden oder singenden Synthesen.

Die Antithese oder den Umschlag des Allgemeinen ins Besondere, bzw. das Entstehen einzelner Töne aus dem allgemeinen Luftstrom des Blasebalgs, beschreibt der zweite Teil des Gedichts als Alleinsein und als Ton des ‚zusammengebrochenen Lebens‘, der klingt, als käme er „von einer kleinen Blockflöte“. Wir hören auch das ‚schreiende Gelb‘, das der krebskranke norwegische Dichter Henrik Wergeland (1808-1845) in seinem letzten Gedicht „An meinen Goldlack“ zum Klingen bringt (das Gedicht ist in den „Anmerkungen“ von Orgelsee nachzulesen). Der dritte Teil, die Synthese, setzt ein mit dem „Neujahrskonzert“ von Orgeltrompeten, die in drei Stufen triumphieren: 

Dass man Erfolg haben darf. 

Dass man kriminell sein darf. 

Und Erfolg haben.

Rimbereid legt in seinem Gedicht die gewaltsamen Konsequenzen der totalisierenden Tendenz nicht nur der Philosophie, sondern auch des Kapitalismus und der Industrialisierung offen und endet mit einem Ausblick auf „ein neues Konzert“ der Telefone, in dem sich der Größenwahn des 19. Jahrhunderts fortsetzt. Zugleich bringt er auch die leisen Töne zur Sprache, die Momente der Atemwende oder des Wellenumschlags. 

Schon die visuelle Struktur von „Hegels Orgel“ ruft durch Variationen der Verslänge das wellenförmige Bild von Orgelpfeifen auf und lädt dazu ein, in Versgruppen verschiedene Register oder Klangfarben zu erkennen. Die linksbündigen ersten vier Verse, die den perfekten Staat veranschaulichen, scheinen mit einer Tonfolge einzusetzen, die so laut ist wie der Zusammenklang der aufgezählten Blasinstrumente. Vermittels von „o“-Lauten imitieren sie zudem (in der Übersetzung wie im Original) deren Klangfarbe. 

Vollkommen perfekt!  

Mit seinem abertausend Pfeifen großen Orchester 

     tönt es lautstark mit Trompeten, Oboen, Kornetten,

Krummhörnern und Musetten… der tiefen Bärpfeife und dem flinken Englischen Horn,

Der zweite Teil setzt im Gegenzug mit weichen und leisen Klängen ein, deren Doppelung das Alleinsein, dem sie Ausdruck geben, unterstreicht. Das Bild des Waldes, in dem der evozierte Flötenton erklingt, verstärkt noch dieses Gefühl. 

Allein sein.

Ein Ton wie

von einer kleinen Blockflöte, 

der durch den Wald ging.

Die weiteren Gedichte des „Orgelsee“-Zyklus thematisieren verschiedene von Gewalt gezeichnete Stationen in der Geschichte der Orgel und der westlichen Zivilisation; sie reichen von der antiken Wasserorgel bzw. Hydraulis bis zur elektronischen Vox-Orgel der Band The Doors. In jedem seiner Orgel-Gedichte findet Rimbereid einen eigenen, ihrem jeweiligen Thema angemessenen Ton. 

Einige seiner lyrischen Texte lassen sich auch als Libretti zu bestehenden Orgelkompositionen lesen, darunter das Gedicht „‚Elementa pro organo‘, 1965‘“, das ein gleichnamiges, als radikal geltendes Stück des norwegischen Komponisten Egil Hovland (1924-2013) thematisiert. Rimbereid ermöglicht hier eine Art der Lektüre, wie er sie selbst praktiziert, wenn er seine Gedichte zu Musikbegleitung aufführt, wie zum Beispiel „Stummfilmorgelet“ zur Jazz-Begleitung des Gisle Myklebust Quartet.  

Rimbereids Orgelsee ist durchaus gelehrte Dichtung, die aber mit ihrer Direktheit und Neigung zum Prosaischen – Rimbereid begann sein Schreiben mit Erzählungen und Romanen – auch ohne Verfolgung der zahlreichen in ihr gelegten historischen und kulturellen Spuren und Tonspuren ins Ohr geht. Sie nimmt ihre Leserïnnen mit auf einen tragischen Wellenritt durch das Weltmeer, dessen Rauschen sich dabei in lyrische Musik verwandelt. 

 Øyvind Rimbereid: Orgelsee. Aus dem Norwegischen von Klaus Anders und Thomas Fechner-Smarsly. Edition Rugerup, Berlin 2025, 85 S., br., 20,– €.

Hinweis: Auf lyrikkritik.de ist eine lange Version dieser Rezension erschienen, in der ausführlicher Quellen benannt werden, gern zum Abgleich: hier.

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