Kämpfe auf der Bühne – früher und heute
Über Autoren und ihre Kritiker
Früher ging es anders zu, da trafen Kritiker und Autor noch zusammen auf offener Bühne und beschimpften sich. Fast schon ausgedacht klingt das Treffen, das 1968 in der Akademie der Künste stattfand. Peter Härtling war auf die Idee gekommen, Thomas Bernhard und Rolf Dieter Brinkmann einzuladen, die beiden großen Betriebsverweigerer oder zumindest -beschimpfer. Das Format war ebenso ungewöhnlich wie brisant: Die von den Schriftstellern ausgesuchten Kritiker Marcel Reich-Ranicki und Rudolf Hartung sollten zwei kurze Texte der Autoren begutachten, und die Autoren ihrerseits konnten die Kritik vorab lesen. Wer Bernhard und Brinkmann kennt, ahnt, dass das kaum reibungslos ablaufen konnte. Bernhard bestritt, Hartung überhaupt ausgewählt zu haben, nannte dessen Text „Geschwafel, ohne Grammatik, ohne Sinn“ und weigerte sich, die Bühne zu betreten – worauf Härtling ihn der Lüge bezichtigte. Brinkmann wiederum ignorierte Reich-Ranicki vollständig und schrie ins Publikum, man müsse sie alle mit einem Maschinengewehr niedermähen.
Die rebellische Geste hatte 1968 ja durchaus Gewicht, obwohl (oder weil) sie vermutlich auf mehr Widerstand stieß. Jedenfalls wies Reich-Ranicki darauf hin, er kenne es aus eigener Erfahrung (als Jude), mit Maschinengewehren vertrieben zu werden, und aus dem Publikum bedachte jemand Brinkmann mit: „Faschist“.
Nun war zumindest Reich-Ranicki auch nicht ohne Überheblichkeit – und den gatekeeper, den er real verkörperte, kann man sich heutzutage so kaum mehr in einer Person konzentriert vorstellen. Hinter der fragilen Egozentrik der beiden Schriftsteller wiederum, die heute wohl eher als toxisch denn als rebellisch etikettiert würde, stecken nichtsdestotrotz zwei Abwehrimpulse, die so falsch nicht sind: zum einen gegen die reale (und oft erniedrigende) Macht des Betriebs, zum anderen gegen die Verflachung durch Anpassung an jenes „Geschwafel“ der Feuilletons und Bühnen.
Mich überraschte einmal die Aussage eines Erfolgsschriftstellers, die Buchmesse sei für ihn ein demütigender Spießrutenlauf. Wenn dieses Gefühl selbst bei hofierten Autoren nicht abnimmt, darf man annehmen, dass irgendwas nicht stimmt.
Die Kritik hat zwar ihre Macht in den Zeitungen eingebüßt, kann allerdings via Preise und Stipendien, in deren Jurys viele Kritiker sitzen, weiterhin einflussreich sein. Die Rezension selbst ist dabei in den Hintergrund geraten und die persönlichen Vorlieben der Jurys und bubbles spielen eine größere Rolle. Dabei ist der Selbstvermarktungsdruck auf die AutorInnen nur größer geworden.
Da stellt sich ‚naturgemäß‘ die Frage nach dem Rückgrat und der Haltung der Autoren… Der Letzte, der dieses heikle Thema breitflächig bespielt hat, war Gerhard Falkner. Seitdem wird stumm mitgeschwommen im Mainstream oder auch im Mainstream des „Unabhängigen“. Aus Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit wird die Verbrämung der gesellschaftlichen Relevanz von Literatur meist eher glücklos reproduziert. Das alles mündet darin, dass sich die AutorInnen Tag und Nacht zu Tode networken und dabei in einer schier endlosen Social-Media-Hudelei und Veranstaltungsankündigungsorgiastik betriebsverblöden.
Wenn der Betrieb solchermaßen ein alimentierter Selbsterhaltungsautomatismus wird, kommt der Kritik, von der direkten gatekeeper-Funktion befreit, eine wesentliche Rolle zu. Nämlich das am Leben zu erhalten, worum es eigentlich in der Literatur gehen kann: das lebendige Wort, die Auseinandersetzung und die schöne, kritische und begeisterungsfähige Aufmerksamkeit.
Benutzte Quellen: Thomas Bernhard – Städtebeschimpfungen