Nicola Quaß – Moorland

Nicola Quaß – Moorland


Vergeblich tastete ich

eure Gespräche ab und fand nur

ein Schweigen, an das ich mich band.


Diese Verse aus Nicola Quaß’ Moorland eröffnen ein zentrales Thema des Gedichtbandes, der von ebendieser Bindung an das Schweigen und die Stille durchdrungen ist: Die Frage nach den Räumen zwischen den Wörtern und den Sätzen, nach einer Wirklichkeit, die zu veränderlich und fluide ist, um sie in den feststehenden Wendungen der Sprache zu erfassen. Der Titel Moorland weist nicht nur auf die Wichtigkeit von Naturbildern und Landschaften für den Band voraus, sondern gibt auch einen Hinweis auf das Gelände, dem sich Quaß widmet: Dem unwegsamen Grund, der dem Fuß keinen Halt bietet, über den keine befestigten Wege führen. 

„Ich ließ mich fallen/ in die Lücken deiner Sätze./ Es war ein Schweigen,/ das mich hielt […]/ Ich schlief ein und erwachte/ als Vorsilbe in deinem Mund“. Das unbenannte lyrische Du wird immer wieder adressiert; familiäre Beziehungen – Mutter, Vater und Bruder werden in den Gedichten benannt – spielen eine wichtige Rolle. Auch die Vielschichtigkeit und Unergründlichkeit zwischenmenschlicher Beziehungen verdichtet sich in Quaß’ Gedichtband im Schweigen. Das Sprechen hingegen wird mit Erfahrungen der Entfremdung verschränkt: „Nur meine Sprache möchte ich fragen,/ wie sie in meinen Mund gekommen ist“. Die Sprache erweist sich als inkompatibel mit der Erfahrung des Ich.

Es sind die Orte des Dazwischen, die Quaß in ihren Gedichten auszuloten versucht. Was hier geschieht, verschiebt und verändert sich ständig, muss sprachlich stets neu eingekreist werden, ist kaum zu fassen – so wie Licht und Schatten, Wind und Wasser, die in den Gedichten immer wieder ihren Auftritt haben. In ihrer Ungreifbarkeit bleiben diese Zwischenräume fraglich und schwanken – so wie das Schweigen selbst – zwischen semantischer Fülle und Leere.

Mit dem Schweigen als Antwort auf die Unzulänglichkeiten der Sprache gibt sich eine Dichterin freilich nicht zufrieden. Quaß thematisiert die Arbeit an und mit dem vorhandenen Sprachmaterial, wenn sie davon schreibt, die Worte zu „dehne[n] […]/ bis dass sie brechen“. Die Sehnsucht nach einer Überwindung der Diskrepanz zwischen starrem Wort und fluider Erfahrung zeigt sich, wenn das lyrische Ich die zerbrochenen Worte zum Fluss unter den Brücken bringt, um sie zu wiegen. 

Neben der Sprache wird in einigen Gedichten noch eine zweite Möglichkeit des Ausdrucks verhandelt: die Bildlichkeit von Fotografien und Film. Auch dieses Medium scheitert jedoch an der Beschaffenheit der kaum fixierbaren Inhalte, denen sich Quaß in ihrem Gedichtband nähert.


Zwischen uns: Augen, Organe der Flucht. Und ich 

wollte noch sagen, dass diese Botschaft ohne

Stimme war, ein unübersetzbares Wort. Die Idee,

in einem Foto zu leben, diese sanfte Verheißung,

sein Löschen war wie das experimentelle Messen der

Angst.

Ein unübersetzbares Stück Leben in einem Foto einzufangen, bringt Erleichterung: Der flüchtige Moment als Teil der eigenen Geschichte wird handhabbar gemacht. Das Löschen des Fotos hingegen bedeutet einer Rückkehr in unwegsame Gelände, ins Moorland, in dem die Wege ins Nichts führen oder sich einfach auflösen können.

Der Gedichtband tastet sich an die Grenzen von Sprache und Bildlichkeit heran und führt beides zusammen: Aus dem Bewusstsein für die Leerstelle, das „unübersetzbare Wort“ heraus wird eine eindrückliche Bildlichkeit der Landschaften und der Natur aufgebaut, eine Topographie der Erinnerung, die sich nicht als endgültig, sondern als wandelbar erweist. 

Quaß, Nicola: Moorland. Gedichte. Mit Aquarellen von Erika Magdalinski. Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2024, 64 S., 15,- €.

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