Poetik des Tröstlichen
Zu hungern beten heulen schwimmen von Sirka Elspaß
meine knochen sprechen die sprache
der klage an jeder stelle
an der ich mich stoße hadere ich
mit den alltäglichsten dingen
mit den füßen am boden
am tisch sitzen und
den teller leer essen
In ihrem jüngst erschienenen zweiten Lyrikband hungern beten heulen schwimmen schreibt Sirka Elspaß vom Ringen um Lebens- und Alltagstauglichkeit. Damit schließt sie an ihr preisgekröntes Debüt ich föhne mir meine wimpern (2022) an – auch hier kämpft das Ich mit vermeintlichen Kleinigkeiten. Der neue Band greift Themen auf, die ich föhne mir meine wimpern aufgewirbelt hat (etwa den Prozess des Menschwerdens, die eigene Körperlichkeit, die diffuse Erwartung von Unheil oder den alles bestimmenden Wunsch nach Liebe und Stabilität), denkt sie weiter und erscheint so als folgerichtiger Schritt in Elspaß’ lyrischem Werk. Neu an diesem Band ist vor allem die veränderte Perspektivierung der (teils) alten Probleme: Elspaß blendet Sorgen und Herausforderung nicht aus, imaginiert sie sogar als immer wiederkehrende Bestandteile des Lebens – aber sie schreibt von ihnen nicht in einer reinen „sprache / der klage“, sondern wendet sie ins Tröstliche.
Trost als conditio humana
Die Sprache des Trostes, die Elspaß entwirft, steht auf den Grundpfeilern der vier titelgebenden Begriffe (hungern, beten, heulen und schwimmen), die zudem als Strukturelemente des Bandes fungieren: Jedem dieser vier Schlagworte ist eines der einleitenden Gedichte und im Anschluss einer der Abschnitte des Bandes gewidmet. Anders als dieser Aufbau suggeriert, werden diese vier Tätigkeiten jedoch nicht als klar trennbare Kategorien inszeniert, sondern vielfach verschränkt und zueinander in Beziehung gesetzt. So beginnt das erste Gedicht des Bandes, das den Titel „hungern“ trägt, mit den Versen „natürlich habe ich wieder / angefangen zu beten“ und wirft damit gleich am Anfang die Frage auf, wie diese zentralen Begriffe zusammenhängen. Dasselbe Gedicht deutet jedoch auch bereits die Antwort an: Gemein ist den vier Tätigkeiten – so leid- und mühevoll sie auch sein mögen –, dass sie alle etwas Tröstliches an sich haben:
dem hunger kann ich abgewinnen
dass er nicht geht dem beten
dass mich jemand sieht dem schwimmen
ein ziel
Und das Heulen? Wenn Elspaß von der „autokorrektur“ schreibt, die aus „jammermaus“ „kammermusik“ macht, lässt dies das Heulen als kulturelle Praxis (sozusagen als Trauer-Performanz) erscheinen. Und tatsächlich kultiviert Elspaß das Heulen, indem sie zu dessen gemeinschaftlicher Organisation aufruft („heulsusen unite“) und es zum Gegenstand und Verfahren ihrer Lyrik erhebt. Das Ich beschreibt das Heulen als sichtbaren körperlichen Vorgang, der (wie wenn „die nase blutet“) auf eine tröstenden Geste durch das Gegenüber hoffen lässt:
[…] gib mir
ein taschentuch diese bewegung
mit den offenen armen kannst du die
noch einmal
Es ist also ihr trostspendendes Potential, das Elspaß an den Schlagworten hungern, beten, heulen und schwimmen so fasziniert, dass sie sie zum Ausgangspunkt ihres Lyrikbandes macht. Tatsächlich präsentiert der Band die Tröstlichkeit als die conditio humana – so heißt es:
es scheint im menschsein begründet
zu versuchen OVER ach
stopp nein NOT OVER immer wieder
zu versuchen trost zu finden
Elspaß imaginiert die Fähigkeit, Trost zu spenden und zu empfangen somit als das, was den Menschen zum Menschen macht und Mensch bleiben lässt. Mit ihrem Lyrikband inszeniert sie den Versuch, sich Trost – und damit das Menschsein – zu erschreiben. Ein prinzipiell mühsames Unterfangen, denn die von Elspaß entworfene Welt ist durch die zyklische Wiederkehr leidvoller Erfahrungen geprägt:
wir kommen immer wieder da an
wo wir losgelaufen sind denkst du
wir gehen fehl wie viel davon
ist wiederholung schau von wo
die sonne diesmal kommt how
much of this is repetition wir haben
vieles falsch gemacht weißt du was
seit vorgestern weiß ich nicht mehr
und nicht weniger da waren wir doch
schon einmal wen suchst du
in mir
Diese Verse führen exemplarisch die repetitive Schreibweise vor, die als stilbildendes Prinzip den ganzen Band bestimmt und sich vor allem durch die Wiederholung (inhaltlich wie sprachlich) gleicher oder ähnlicher Verse konstituiert: Wenn hier die Frage „wie viel davon / ist wiederholung“ direkt darauf in englischer Sprache wiederholt wird („how / much of this is repetition“), wird dieses Verfahren hier zugleich vollzogen und reflektiert. Das Ich weiß: very much of this is repetition und stellt resigniert fest: „es ist doch immer das gleiche“. Das Bild des Zyklus wird im dritten Teil des Bandes mit dem Titel heulen als Gedichtzyklus auch formal umgesetzt. Elspaß entwirft durch ihre zyklisch-repetitiven Denk- und Schreibweisen eine Welt, in der wiederkehrender Trostbedarf besteht. Es gibt nämlich durchaus Tröstliches in der zyklischen Beschaffenheit des Lebens, das es erkennbar zu machen gilt: „das gute kommt und geht aber / das gute kommt“.
Geflügelte Trostboten
Den Trost, der so dringend gebraucht wird, sucht das Ich zunächst in sprachlichen Wendungen wie „keine sorge / alles gut“. Dieses Einreden findet auch in Kontexten Anwendung, die (vermeintlich) gar nichts mit Sprache zu tun haben – zum Beispiel im Bereich des Körperlichen: Das Ich glaubt, dass die Zugehörigkeit des Körpers zu einem selbst durch einen sprachlichen Akt festgelegt wird:
du sitzt in deinem körper aber meinst
einen anderen du sitzt in deinem körper und
musst ihn meinen deinen
körper nennen
Durch den Verzicht auf Interpunktion und die Setzung der Versumbrüche (die ansonsten bisweilen etwas willkürlich wirkt) stehen hier „meinen“ und „deinen“ direkt nebeneinander. So ermöglicht der Vers viele Lesarten – „meinen“ kann (wie der erste zitierte Vers es vorschlägt) als Verb, aber auch als Possessivpronomen gelesen werden. Vielleicht ist es die dadurch inszenierte Fragilität sprachlicher Bezeichnungen, die dazu führt, dass die Sprache dem Ich als Trösterin nicht ausreicht, sodass es sich auf der Suche nach Trost den Engeln zuwendet:
[…] ich suche
sie immer die engel
den trost per boten
Das Ich nimmt den dem Band als Motto vorangestellten Vers John Ashberys „Perhaps an angel looks like everything“ ernst und glaubt an vielgestaltige Engel, die ihm überall begegnen können:
[…] vielleicht
ist der dachs
wie er sich da unter dem gartenzaun
durchschiebt keine vier kilometer
vom zentrum entfernt auch nur
ein engel and shy about sehr
schüchtern glaubst du auch
Trotzdem erscheint mit den Flügeln ein klassischerweise mit Engeln assoziiertes Attribut auch hier als fester Bestandteil der Engel-Vorstellung. Bunt schillernde Flügel zieren das Cover des Bandes, und immer wieder tauchen die verschiedensten Vögel in Elspaß’ Gedichten auf – Flügel scheinen eine besondere Faszination auf das Ich auszuüben. Das scheint vor allem mit deren Körperlichkeit zu tun zu haben. Das Ich befasst sich mit der Anatomie eines Flügels und fragt sich: „wie viele muskeln müssen in einem flügel / wirken damit der körper fliegen kann“. Als zumindest teilweise körperliches Wesen hat ein Engel „den flügel zum anfassen den finger / zum festhalten“. Als Körperteile, die das Fliegen in einen Himmel ermöglichen, von dessen Existenz der Mensch sich aber nie selbst wird überzeugen können, verkörpern Flügel Transzendenz – und machen sie so auch für den in der Sinnwelt verhafteten Menschen näherungsweise begreifbar. In ihnen steckt der Kompromiss, den der Mensch zwischen einem Leben als körperlichem Wesen und als Wesen mit einer Fähigkeit zu abstraktem Glauben finden muss – „zwei welten sind / dir zum träumen gegeben“. Elspaß kommt in ihrer Verarbeitung des alten menschlichen Dualismus von Körper und Geist zu dem Schluss, dass beidem gerecht zu werden mühsam, aber nötig ist:
nur logisch dass der körper eine bewegung
vollziehen muss um gänzlich
in den himmel schauen zu können ein geborener
träumer mag es ohne nackenschmerzen schaffen
aber er schafft es nicht
weit in der welt […]
Es gilt also, die Balance zu halten: „bete ein wenig / nimm einen bissen“. Das Problem ist nur: „in diesem dazwischen ist niemand / erreichbar seltsamer möglichkeitsraum“. Einzig die Engel als Mischwesen aus Körper- und Geistlichkeit haben ihren Platz „in diesem dazwischen“ und können das spezifisch menschliche Trostbedürfnis erfüllen. Dass das aber nicht immer gelingt, weiß das Ich aus eigener Erfahrung:
[…] ich erinnere
alle wurden nass niemand bekam flügel viele
brüche keine engel die trümmer wurden
auf und ab geworfen und blieben trümmer
Trotzdem (oder gerade deswegen): Elspaß’ Lyrik arbeitet daran, den „möglichkeitsraum“ zu erschreiben, in dem es Trost geben kann, und zu dem das Ich über das Hungern, das Beten, das Heulen und das Schwimmen Zugang sucht. Das hier beschriebene Trösten ist kein Hinwegtrösten über das Leid (denn dieses kommt ohnehin immer wieder), sondern eher ein Hineintrösten in ein Leben, das ohne Leid nicht denkbar ist – und das dennoch immer weiter geht.