Ein fieses Gefieder und der Schluckspecht vom Kalten Berg. Ulf Stolterfohts Comeback im Doppelpack
Es dürfte einer der spektakuläreren Rollouts der jüngeren deutschen Lyrikgeschichte gewesen sein: 2019 bereits kündete Ulf Stolterfoht „das lange, buchlange Gedicht“ rückkehr von krähe in seiner zweiten Heidelberger Poetikvorlesung an. Neben dem Verweis auf die stichwortgebende Vorlage Crow. From the Life and Songs of the Crow von Ted Hughes (1970) gab Stolterfoht mit der zehnstrophigen Bibliographie seines lyrischen Helden „krähe“ gleich auch eine erste Kostprobe, die den Hörsaal 13 der Neuen Universität in ein Tollhaus verwandelt haben dürfte. Denn das fiktive Werkverzeichnis beinhaltet reihenweise von Frank Zappa Songs inspirierte Schenkelklopferkaskaden à la „gudruns mittelgroßer mund (1981) leih mir dein gemüse! (1982) uralte clowns auf seidelbast (1982)“. Die Publikumsreaktion ist in der Druckfassung von Methodenmann vs. Grubenzwang und mündelsichre Rübsal (Universitätsverlag Winter, 2019) leider nicht überliefert. 2021 dann folgte im Südwestrundfunk eine einstündige Hörspieladaption mehrerer Passagen unter der versierten Regie von Iris Drögekamp, für die Komposition sorgte Thomas Weber. Es folgten im Jahrestakt die Spin-Off-Sendungen „Der bezaubernde Herr Krähe in: Flügel zu vermieten“ und „Krähe privat“, ebenfalls im SWR. Als die F.A.Z. den lange erwarteten Band in ihrer Samstagsausgabe zur Frankfurter Buchmesse 2025 schließlich in höchsten Tönen pries, sollte es dennoch zwei weitere Monate dauern, bis die letzten Hürden der Herstellung genommen waren und das selbstdeklarierte „abenteuergedicht“ rückkehr von krähe seither im gut sortierten Buchhandel zu bekommen ist. Die Stolterfoht-Fans frohlocken!
Ein raubeiniger Antiheld
Denn um es kurz zu machen: Das Warten hat sich gelohnt – wie immer, wenn Ulf Stolterfoht aus der Reihe seiner auf neun Bände konzipierten fachsprachen tanzt. Denken wir etwa an das ikonische, 2008 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnete holzrauch über heslach (2007) oder an Neu-Jerusalem von 2015. Folgten wir dort noch dem pietistischen Revoluzzer Wagenblast auf seiner Mission, setzt rückkehr von krähe die Gemeinde in vierzehn Kapiteln zu jeweils neun Gedichten mit fünf je fünfzeiligen Strophen auf die Fährte der Lebenswege und Lehrpfade eines gestaltwandlerischen Tricksters (was in der Summe stolze 3150 Verse macht, zuzüglich gelegentlicher Überschriften). Dieser krähe ist ein Chaosstifter, wie ihn Thomas Kling einst im geflügelten Götterboten Hermes erblickte, bloß verpasst Stolterfoht seinem Anti-Heros unverkennbar mehr Gossencharme. Der ist einerseits extrem lässig:
[…] krähe war so cool. 1972 konnte er sich in gablenberg extrem
gut an eine mauer lehnen. das bild ging um die welt. 1974 sehen wir
seinen rechten fuß auf einem mufflonschädel, 1975 ist es eine heslacher
leihbücherei, die unter seine kontrolle gerät. im folgenden jahr trägt krähe
sein ultra-geiles „theodor-herzl-sommercamp 1976“-shirt und kann sich vor
angeboten kaum retten.
Andererseits charakterisierte Stolterfoht ihn seinerzeit in Heidelberg einigermaßen brüsk als „dumpf“, „gemein“ und „gewalttätig“. Charakterzüge, an denen er im Schreibprozess über die Jahre nicht wesentlich rüttelte. So heißt es im „3. Teil: krähe über württemberg“ über den „codex krähe“: „fies sein und es andere wissen lassen. spüren lassen.“ Da geht es öfter einmal handfest zur Sache, mit Spirituosen wird obendrein zu jeder Tageszeit gezaubert. Zurück ins Gleichgewicht wird die überbordende Rohheit durch krähes intellektuelles Feingefühl gesetzt, sein Künstlernaturell, das durchaus sendungsbewusst nach Außen drängt. Sei es mit unzähligen Gedichtbänden, als „träger des iffland-rings“ oder Bandleader von „krähe und die vögel“. Außerdem wäre da noch die Dissertation „diderot und diter rot“ oder das epische Simultanschach-Battle gegen die Wiener Gruppe, hinter der sich selbstverständlich der Wiener Kreis verbirgt. Krähe ist ein Hansdampf in allen Gassen, stets zur besten Zeit am rechten Ort, und agitiert streng „nach dem o'hara-schema ‚erst geh ich b, dann geh ich a, dann schenk ich/ der königin ein schwa‘.“
Ulf, erzähl doch mal!
Ted Hughes‘ anlassgebende Vorlage spielt bei allen Eskapaden zwischen den US-Borderlands und Berlin Schöneberg – querfeldein im Schweinsgalopp durch die Jahrzehnte – keine allzu große Rolle. Der Untertitel abenteuergedicht hingegen schon. Offensichtlich wird das bereits im Angesicht der notorischen Episodik, es geht vom Regen in die Traufe, oder um es in krähes Worten aus dem selbstreflexiven neunten Kapitel zu sagen: „es ist so schrecklich langweilig! immer wieder dieses: krähe wird geboren, begründet, stirbt ab“. Bloß langweilig ist es natürlich nicht, denn Stolterfoht weiß bestens zu unterhalten und schämt sich dafür nicht. Er kokettiert keineswegs mit der Abenteuerliteratur, sondern macht es sich im Genre gemütlich. Mal durchaus augenzwinkernd mit Formulierungen wie „die nächsten zwanzig tage waren die schlimmsten“, dann wieder mit sicherem Gefühl für ironisch gebrochene, doch stets stimmige Atmosphären, was einen unweigerlich an H. C. Artmann denken lässt. Wie im zwölften Teil, „wie man selbst ein krähe wird“, in dem ein Erzähler auf der Suche nach dem legendären krähe apokalyptische Landschaften durchstreift:
25. juni. vom alten kraftwerk ziehen schwefelige schwaden richtung dorf, ein
extrem gehaltvoller premium-caesium-dampf, der die dörfler verzwergt – den
krähe aber macht er grausam und stark. da, wo früher uhren hingen, am rathaus,
an der kirche und der post, hängen nun die geigerzähler und fiepen die
ganze nacht. in schwerem wasser wachsen kröten zu tapirgröße heran, unterm
kühlturmdach hängen flugfüchse in menge. am wartehäuschen kämpfen zwei
flamingos um eine aufgeplatzte mango.
Getragen wird das ganze Projekt von Stolterfohts Willen zur Narration. Zwar erzählt er nicht linear aus dem Leben krähes, sondern mit jedem Kapitel an- und absetzend vierzehn Variationen davon; wobei manche Figur wie der einschlägige Arthur Verweyser des Öfteren den Kopf durch die Tür steckt. Im Rahmen ihrer je neun Gedichte allerdings folgen die Kapitel durchaus einer Chronologie. Und so haben wir es in der Grundanlage weder mit einem stringenten Fredy Neptune von Les Murray noch mit Derek Walcotts Kaleidoskopperspektive aus Omeros zu tun. Stolterfoht stellt sich den Herausforderungen des langen Gedichts auf seine Art. In den fachsprachen kommt er über die Struktur, die im Falle von rückkehr von krähe im Schreibprozess jedoch verloren ging, wie er selbst im Interview auf Deutschlandfunk Kultur bekannte: Ursprünglich waren 18 Kapitel geplant, vier davon haben es allerdings nicht final ins Buch geschafft, die arithmetische Konsequenz war damit passé. Zu einem Band dieser Länge gehört es ohnehin, dass manche Kapitel etwas abfallen, so etwa das sechste, und auch das letzte franst dezent aus. Auf der Mikroebene wiederum weiß Stolterfoht die ‚flache Passage‘ für sich zu nutzen. Walter Höllerer hatte sie in seinen „Thesen zum langen Gedicht“ einst als notwendigen Durchpuster nobilitiert, und so setzt auch Stolterfoht sie ein, in Form der Phrase, die das Tempo drosselt, wenn sich die Ereignisse mal wieder überschlagen: „großes hallo und hurra!“ Auch der Fokus auf die syntaktische Einheit des Satzes als rhythmisch variable Keimzelle – immer dem Atem nach – lässt an Höllerer und die an ihn anschließende Debatte ums Langgedicht denken. Über die Jahre hat Ulf Stolterfoht sich nonchalant von den allermeisten Gattungsvorgaben an die experimentelle Gegenwartslyrik abgewandt und ist seine eigene Avantgarde geworden.
Da kommt noch mehr…
Und als solche bläst er 2026 zur Großoffensive, denn vier weitere Manuskripte sollen dieses Jahr wohl zum Druck kommen, wie Stolterfoht im erwähnten Radiogespräch mit der „Lesart“ auf Deutschlandfunk Kultur bemerkte. Die lange erwartete Übersetzung von Ted Berrigans The Sonnets ist nun für Herbst bei starfruit publications angekündigt. Den Anfang wiederum macht, im Windschatten der rückkehr von krähe just taufrisch als roughbook von Urs Engeler erschienen, die mappe hochwechsler: 150 gedichte von der kalten alp. Ulf Stolterfoht präsentiert sich hier im schlüssigen Sinne der Fiktion als Herausgeber. Denn dieser hochwechsler, der als Klausner in der nordöstlichen Steiermark auf 1900 Höhenmetern ein ärmliches Eremitendasein führt, ist eindeutig dem chinesischen Dichter Han-Shan nachempfunden, dessen zurückgezogenes Betteldichtertum schon die Beatniks in Jack Kerouacs The Dharma Bums verzückte, Gary Snyder lässt grüßen. Seine Gedichte soll dieser Han-Shan der Legende nach in die Felsen und Bäume des sogenannten Kalten Bergs geritzt haben, dessen Volksmundnamen er sein dichterisches Pseudonym verdankt. Ein findiger Schüler trug sie später zusammen und los ging der postume Siegeszug. Vom Kalten Berg bis zur „kalten alp“ im Joglland (auf halber Strecke zwischen Wien und Graz) ist es dann nur mehr eine Verballhornung. Wobei Stolterfoht die Eigenarten seiner Vorlage gekonnt transportiert, die stilisierte Weltabkehr ebenso wie die Zeitlosigkeit des den Zeitläufen entrückten Gipfelexils: „und schnürt am abend die kompakte luchsfrau / vorbei, weiß ich, dass es zeit ist, die pfanne zu / buttern. hey, wie da die frechen erdäpfelchen hüpfen!“
Sechzehn Mollen gegen Vanitas
Uneitel geriert sich der in die Jahre gekommene hochwechsler, unbedacht für Äußerlichkeiten: „das karohemd zu weit, die nietenhose zu kurz, so- / gar die hunde müssen schmunzeln.“ Bloß auf seine Verse ist er mächtig stolz, damit aber weitestgehend allein. Das fehlende Publikum mag sein Übriges tun, dass des alten Griesgrams Gedichte zunehmend misanthropisch daherkommen, über die ostentative Menschenfeindlichkeit, als würden sie sich insgeheim für sie schämen, zugleich aber Zeugnis ablegen wollen. Das gibt der ganzen Bukolik zwischen Gemüsegarten und Sternenschau einen interessanten, Walt Whitman‘schen Kontrast. Die Bilanz der versverpackten Lebensschau schließlich fällt bitter aus:
mein leben lang war ich faul und verfressen, ein alki, süch-
tig in taten und gedanken, doch um verzeihung bitt ich nicht.
noch einmal brech ich mit den freunden im wirtshaus das brot,
trinke das schäumende puntigamer bier und gehe dann ein in
die gründe, die man die garstigen nennt. dass ich bei all dem
nur das hundertsechste jahr erreichte, ist traurig, aber tatsache.
Denn nicht nur Puntigamer führt der hochwechsler sich gerne regelmäßig zu Gemüte, er schwört in erster Linie aufs Schladminger, den Bio-Zwickl, scheut aber auch vor einem ehrlichen Gösser nicht zurück. Sechzehn volle Bier genehmigt er sich des Öfteren, auch so kann man alt werden, dem Verstehen misstrauen und sich selbstauslegen. Was die mappe hochwechsler mit rückkehr von krähe gemein hat, ist der Hang zur metalyrischen Sentenz, das ein oder andere Benn-Zitat, die rein graphisch gewahrte Strophenform der 150 metrisch salopp gehandhabten Sechszeiler und das merkliche Vergnügen am gewählten Erzählduktus. Die mappe ist das geschlossenere Buch, ein Pessoa-Momentum, während rückkehr von krähe sich von der Anlage her näher am fachsprachen-kosmos entfaltet. Großen Spaß machen beide Bände, clever sind sie zudem, und das ist die Erfolgsformel Stolterfohts, die bei manch neidischem Zunftgenossen beizeiten Argwohn erzeugt. Doch da halten wir es ganz mit dem großartigen Grantler von der kalten Alp:
die leute lachen schon wieder, diesmal über meine neueste dichtung.
sie sei ranschmeißerisch und nicht mehr so konfrontativ. „du biederst
dich an!“, sagen kollegen, die mich seit jahrzehnten begleiten. „da
liegt ihr schief“, sag ich, „meine lyrik ist nach wie vor schwer verständlich
und will nirgendwo hin!“ „unsinn, du bist längst angekommen,
mein schatz!“ mein schatz war zuviel! ich fick ihn ins knie!
Ulf Stolterfoht: rückkehr von krähe. abenteuergedicht. Kookbooks, Berlin 2025, 156 S., geb., 26,– €.

