Oimaras „Wackelkontakt“: Partyhit, Cyborgideen und reaktionäre Energievisionen
Poesie umgibt uns. Man muss nur genau hinsehen und hinhören, um die „Poesien des Alltags“ wahrzunehmen, die in Werbeslogans, Demoschildern und Songtexten stecken. So ist auch die Lyrikkritik ein nützliches Werkzeug, um unsere spätmoderne Lebenswelt zu verstehen.
Im Sommer 2024 hat den Song niemand beachtet. Dann begann er seinen Aufstieg über TikTok und Instagram Reels in die Charts und Autoradios. Monatelang klebte er in den Top 10, tauchte bei der Meisterfeier des FC Bayern auf dem Marienplatz, bei Feuerwehrfesten, Après-Ski und Ballermann auf und wird sicherlich auch jetzt an Karneval in den Festzelten gespielt werden. Es geht um den Song „Wackelkontakt“ von Oimara, mit bürgerlichem Namen Beni Hafner, Liedermacher von der Tegernseer Alm.
Beim ersten Hören hat er mich kalt erwischt und seither kann ich ihn nicht mehr abschütteln. Mal singe ich mit, mal schalte ich das Radio genervt aus und dann bringt er mich wieder ins Denken. Warum interessiert mich dieser Partyhit?
Mit der Zeile „Wär ich ein Möbelstück …“ beginnt der Song. Der Denkfigur kann ich mich nicht entziehen. Was wäre wenn ist einer der wirkmächtigsten Einstiege ins fiktionale Gedankenspiel, den ich kenne. Wo sonst aber in Alltagsfiktionen vom Fliegen, Reichtum oder anderen Zeiten geträumt wird, versetzt man sich hier in etwas Unbelebtes wie ein Möbelstück. Ich bin irritiert und gleichermaßen literarisch interessiert. Die Zeile endet mit „[…] dann wär’ ich eine Lampe aus den Siebzigern“. Und ich denke mir, eine so spezifische Perspektive ist eine gute Voraussetzung für eine bisher unerzählte Geschichte. Die Übertragung wird zur Personifikation, wenn es in der zweiten Zeile heißt: „I glüh gern vor, i geh gern aus, mir hauts die Sicherungen naus“. Das Ich spricht ab jetzt also aus der Perspektive der Lampe und die Lampe spricht Bairisch. Klar muss es Bairisch sein, das in Rankings der deutschen Dialekte als besonders „attraktiv“ abschneidet und zusammen mit der Lederhose, die Beni Hafner im Video trägt, wohl ein ausgeprägtes Heimatgefühl anregen soll.
Interessanter ist jedoch die menschliche Lampe oder der elektrisierte Mensch, der sich wie Donna Haraways Cyborg als Hybrid aus Maschine und Organismus materialisiert und in der metaphorischen Verschmelzung die Subjekt-Objekt-Differenz auflöst. So trägt auch der Kinderchor im Musikvideo Lampenschirme auf dem Kopf. Alles irgendwo zwischen Fasching und Cyborg. Gleichzeitig findet die Wandlung auch musikalisch statt: Nach Einstieg mit Akustikgitarre, später Bläsern, ballern nach der Etablierung des sprachlichen Vexierspiels elektronische Beats los. Wobei klar ist: Wir haben es hier eigentlich mit dem Genre des Trinkliedes zu tun, bekannt seit der Antike, in Hochform in „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ und zuletzt kritisch diskutiert, als „Layla“ von DJ Robin & Schürze 2022 auf Stadtfesten mitgegröhlt wurde.
„I saug die Kernkraftwerke leer/ I lauf auf achttausend Ampere“ wird in der zweiten Strophe gesungen, und charmant clasht in der Zeile der bairische Dialekt auf technisches Vokabular. Das geneigte Publikum versteht schon – apropos Trinklied –: Energie muss zugeführt werden, damit man auf Hochtouren laufen kann. Das könnte witzig und schöne Nostalgie sein und an weniger herausfordernde Zeiten erinnern. Die Siebzigerjahre, auf die Oimara mehrfach anspielt, sind aber nicht nur eine nostalgische Referenz, sondern ein kultureller Resonanzraum, in dem sich die Versprechen und die Krisen der Moderne verdichten. Es war die Zeit, in der die Atomkraft als Lösung aller Energieprobleme gefeiert wurde, in der die Popkultur von der Vorstellung unendlicher Möglichkeiten beseelt war – und in der zugleich die ersten Risse im Fortschrittsglauben sichtbar wurden: Ölkrise, Umweltbewegung, die Erkenntnis, dass die natürlichen Ressourcen nicht unendlich sind und dass jede Energie, die erzeugt wird, auch ihren Preis hat. Aber da ist doch noch mehr. „I saug die Kernkraftwerke leer/ I lauf auf achttausend Ampere“. Gleich dreimal wird der Zweizeiler im Verlauf des Songs wiederholt und nach dem dritten Mal geht mir im Zusammenhang mit der „Lampe aus den Siebzigern“ ein Licht auf: Erst vor ein paar Monaten habe ich Cara Daggetts Text über Petromaskulinität (Matthes & Seitz Berlin 2023) gelesen. Darin beschreibt Daggett das Streben nach Autonomie, nach unerschöpflicher Energie, nach Dominanz über Technik und Natur als zentrales Motiv der modernen, westlichen Männlichkeit. Das Festhalten am Verbrennen von Öl und Kohle kann als Festhalten an einem überkommenen Gesellschaftssystem gelesen werden – und als Reaktion auf die Verunsicherung der Geschlechterrolle: Wie ist man Mann, wenn man nichts mehr verbrennen kann? In Deutschland hat die Diskussion um Öl und Kohle sicherlich eine andere Ausprägung als in den USA, aber als Folge des Angriffskriegs von Russland auf die Ukraine wurde ab Frühjahr 2022 heftig die „Energiekrise“ diskutiert, später spaltete das Gebäudeenergiegesetz (#Wärmepumpe) die politischen Lager. Da ist es kein Zufall, dass ein Song zum Partyhit avanciert, der den unbedarften Energieverbrauch feiert. Der historisch-eskapistische Moment darin wird umso deutlicher, wenn man sich die energetische Gegenwart in Deutschland vor Augen führt: Vor mehr als zwei Jahren wurde in Deutschland der letzte Atommeiler vom Netz genommen. Laut Fraunhofer-Institut stammen 55,9 Prozent des Stroms, der 2025 aus der Steckdose kam, aus erneuerbaren Energien. Im Vergleich zu anderen Industrienationen liegt Deutschland mit diesem Wert recht weit vorne. Dass nun gerade CDU und AFD zurück zur Atomenergie wollen, spricht für sich.
Eine Scharnierstelle im Song „Wackelkontakt“ ist nun der „Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackel-Wackelkontakt“ selbst, der wie bei einem Kindergartenlied hier onomatopoetisch genau das Stakkato von An und Aus inszeniert – wirkmächtig als Call und Response mit dem bereits oben genannten Kinderchor! Wobei sich die Lyrics musikalisch so gar nicht einlösen: Der sprachliche Wackelkontakt liegt auf einem Beat, der völlig unbeeindruckt maschinell im Takt weiterhämmert. Auch durch diesen Widerspruch entsteht eine ironische Brechung. Was bedeutet aber das freundliche Annehmen des Flackerns, der Unzuverlässigkeit? Und kommt nicht gerade das Menschliche in der Menschmaschine durch den Defekt zum Ausdruck? Könnte man das durch den Nebel des Trinkliedes auch als Umarmung unserer beschädigten Retro-Körper verstehen?
Daggett zeigt, wie eng die Vorstellungen von Männlichkeit mit der Kontrolle über fossile Energiequellen verbunden sind: Männlichkeit als Dauerbetrieb, als Unerschütterlichkeit, als Fähigkeit, immer weiterzumachen, immer mehr zu leisten, immer neue Ressourcen zu erschließen. In Oimaras Song wird dieses Modell unterlaufen: Im Alkoholrausch (das halbvolle Glas Bier ist im Video immer wieder zu sehen) fliegen die Sicherungen raus, die Lampe flackert, die Energie ist nicht mehr verfügbar, es kommt zum Kontrollverlust. Damit ist es auch ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die nach immer mehr Energie verlangt, aber immer weniger Kontrolle über ihre Technik und ihre Ressourcen besitzt. Das ist die Krise der Petromaskulinität im Kleinen, das Scheitern an der eigenen Hybris, das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit. Es ist eben nicht die heroische Maschine, die gefeiert wird, sondern die Lampe, die nicht immer funktioniert, die man eigentlich reparieren müsste. Oder wage ich mich mit diesem Interpretationsversuch zu weit hinaus?
Bevor sich die bisher beschriebenen Zeilen ohrwurmgemäß noch (mehrfach) wiederholen, gibt es einen Mittelteil, der Auskunft über die Sprechhaltung des Ichs gibt: „I bin retro, ausschauen tu ich geht so/ Pietro Lombardi is a Intelligenzbolzen gegen mich./ Aber hin und wieder flackert bei mir oben auch ein Licht“. Das Ich, das sich später auch als „nicht ganz hell“ beschreibt, unterläuft die Erwartung an das Immer-Glänzen, Immer-Funktionieren und macht sich über sich selbst lustig. Wir haben es also mit Gstanzln zu tun, eine bayerisch-österreichische Liedform mit kurzen gereimten Spottversen, die seit Jahrhunderten auf Volksfesten, in Wirtshäusern und auf Hochzeiten improvisiert werden, um Missstände zu benennen und Autoritäten zu verspotten. Typisch für das Gstanzl ist die Selbstironie – das Eingeständnis der eigenen Schwäche, das nicht als Makel, sondern als Zeichen von Menschlichkeit und vielleicht sogar Widerstand gelesen wird. Die Wiederholung des Refrains stiftet Gemeinschaft, macht aus dem individuellen Defekt ein kollektives Erlebnis, das sich im gemeinsamen Singen manifestiert.
Nach nun zigfachem Hören bleibt für mich: In der Gegenwartskultur, die von Krisen, Unsicherheiten und dem ständigen Gefühl der Überforderung geprägt ist, erscheint das Flackern der Lampe wie eine Zeitdiagnose. Die Energiekrise, die Klimakrise, die Krise der Männlichkeit und der Identitäten, sie alle finden in Oimaras Song poetischen Ausdruck. Doch statt zu resignieren, macht Oimara das Flackern zum Prinzip: Es ist nicht das Ziel, immer zu leuchten, immer zu funktionieren, sondern das Wissen um die eigene Begrenztheit, das Teilen des Defekts, das gemeinsame Durchbrennen, das Gemeinschaft stiftet. Die Gemeinschaft der Wackelkontakte ist eine Gemeinschaft der Scheiternden, der Lachenden, derjenigen, die wissen, dass Dauerstrom eine Illusion ist und dass das Leben im Modus des „Gerade-noch-so-Funktionierens“ vielleicht die ehrlichste Form der Existenz ist. Der Defekt ist tanzbar.

