Theresa Luserke - ist liegt hinterm haus

Theresa Luserke - ist liegt hinterm haus

Eine gängige Kritik moderner Lyrik ist ihre behauptete Unverständlichkeit als Sprachsalat oder auf die Spitze getriebener Experimentierdrang. Diesem Vorwurf wird sich womöglich auch der Lyrikband ist liegt hinterm haus von Theresa Luserke – ihr Debüt bei roughbooks – ausgesetzt sehen. Allerdings dürften so einige Stellen im Buch offene und unvoreingenommene Leser bzw. Leserinnen sprachlich erfreuen, auch wenn die konsequente Kleinschreibung mitsamt postmodernem Spracharsenal ermüden kann; nur beispielsweise seien das beinahe beständige Weglassen von Kommata sowie die stetige Ich-Perspektive genannt, hier nur exemplarisch: „bis mir zu, meinen armen [...]“, „[...] so mich es verlangt [...]“, „ich höre woher ich höre dreckig [...]“, „[...] als ich gefühlt hatte“, „mein haustor [...]“, „[...] und ich/ pflücke [...]“, „angst fühlen ich kann“, „ich merke auf“.

Die stärksten Texte sind die kürzeren, in denen der Gehalt präziser und bedeutungsvoller hervortritt. Wie etwa in dem Gedicht „Pferde“, wo durch die Wendung „als wären sie“ die Möglichkeit, Tiere und Menschen jeweils ineinander zu erkennen, gesetzt wird. Handelt es sich um Bergarbeiter oder um ihre Nutztiere, oder sind die Kumpels nach dem Glück-auf zu sprichwörtlichen Pferden geworden? Dass Pferde sich wie Arbeiter in der Zeche „Glück auf“ zurufen, dürfte ausgeschlossen sein, zugleich ist aus historischer Perspektive die Verwendung von Grubenpferden dokumentiert. Wenn simultan Pferde „[...] beginnen/ rücken an rücken aus dem bergwerk zu strömen“, fragt sich der Leser möglicherweise, wie dies vonstattengehen soll, da der Rücken eines Pferdes von Widerrist bis zur Kruppe am langen Rückenmuskel entlang geht. Bei Menschen wäre das beschriebene Ereignis noch eher denkbar, womit die Metamorphose zum Pferdmensch komplett scheint.

In Luserkes Welt, wo „[...] die geschwollenen beeren schwelgen [...]“ und sich „[...] trippeln zum trinneln verwäscht [...]“ oder der „[...] dösende softeisspender [...]“ registriert wird, goutiert das Lesergehirn kleine Sprachdelikatessen. Sie verhandelt Jahreszeiten und schwankende Stimmungen, das subjektiv Eigene sowie das Fremde gegenständlich, mit humorvollen Prisen – und zwischen gelegentlicher Umgangssprache, versehen mit Sprachkondensat. Manches verschließt sich, hin und wieder ist eine repetitive Methodik erkennbar. Im Großen und Ganzen aber begegnet man konzentrierter, arrangierter Sprache, die Mehrdeutigkeiten gerade zulässt. Darin liegt das Potenzial dieses Lyrikbands. Wenn die Autorin vom Oktopus erzählt und ihn zwischen Anglizismen und Lautmalerei tänzeln lässt, macht das Spaß. Die Natur und ihre Erscheinungen sind Bezugspunkte, aber verfremdet durch die selbstbezügliche Einordnung des lyrischen Ichs mit einer sprachspielerischen, beinahe jugendlichen Frische. Die formale Entscheidung zugunsten beständiger Kleinschreibung wie Aneinanderreihung bedingt durch zumeist fehlende Interpunktion wirkt – unabhängig von dem gehäuften Auftreten in der modernen Lyrik – auch in casu etwas rigide. Doch macht Luserke dies wieder mit durchaus vorkommenden eigenen Ansätzen wett. Gelegentlich jähe Wendungen und erfrischender Eigensinn wie in dem Gedicht „pairs knowoh“ brechen eigenwillig aus dem genannten Eindruck aus. In dem Gedicht wagt sich Luserke etwa an die ironisch anmutende Komposition eines Songs aus drei Konstanten – den Wörtern „own“, „paris“ und „pee“ –, der durch freie Assoziation und gekonnt eingesetzte Tonalität wirkt. Insgesamt handelt es sich daher um eine auch mit einigen konzeptionellen Überraschungen aufwartende und lohnende Lektüre.

 

Theresa Luserke: ist liegt hinterm haus. roughbooks, Schupfart 2025. 72 S., Br., 12,– €.

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