Sie können diese Landschaft wie ein Museum betreten

Sie können diese Landschaft wie ein Museum betreten

Anke Bastrop hat mit Verborgene Landschaften ihren zweiten Gedichtband im Verlagshaus Berlin vorgelegt. Struppig-zart, märchenhaft, archaisch, doch auf der Höhe der Zeit: In vier Kapitel aufgeteilt, umfangreich und stimmig illustriert mit abstrakten Zeichnungen von Christine Stäps, wuchern die Verse der Leserïn entgegen.

In dem Langgedicht „Herkunft, ein Vogelsang“ wächst eine Stimme hinaus in die Landschaft, in die heimatliche, die beobachtbare, die medial vermittelte, die unsichtbare Welt, die erschrieben werden muss. Diese Welten wachsen in das Langgedicht zurück. „Sie können diese Landschaft wie ein Museum betreten“ heißt es gleich zu Beginn. Ein Museum, an dem „immerzu gebaut“ wird, in das immerzu „Kisten aus aller Welt“ einfliegen, Kisten, auf denen „wächst mehr Blut als Saharastaub“. Immer neue, erfahren wir, auch wird niemand vorhersagen können, was darin enthalten ist … – doch nicht zu schnell.

 

Eine Landschaft wie ein Museum: eine innere, transformierte Landschaft. Ihr sind zahme wie wilde Wesen, Wahrnehmungen und Bezüge des Ichs eingeschrieben, das hier spricht, aber auch die Stimmen zahlreicher Dichterïnnen (Emily Dickinson, Esther Kinsky, Volha Hapayeva und viele andere tauchen in Verweisen auf). Oder der arabisch-deutsche Chat mit einer Freundïn, „5.094 Kilometer“ entfernt, an einem ganz anderen, ganz anders fernen Ort. Diverse Stimmen kommunizieren hier mit – und miteinander, ohne Hierarchie. Anke Bastrops Poetik bewegt sich zwischen literarischen und künstlerischen Diskursen u. a. des Nature Writing, die auch in der zeitgenössischen Lyrik öfter aufgegriffen wurden.

 

Ich bin offen und leicht.

Regen und Wind

schreiben in mich hinein.

Ich bin durchlässig

für alle Sprachen.

Sie wachsen durch mich hindurch

über mich hinweg

wie Vogelstimmen

durch Wind gehen.

 

Die Dichterïn dieser Landschaft, sowohl Kuratorin als auch Gegenstand dieses Museums, um im Bild der Autorin zu bleiben, steht vielen Herausforderungen gegenüber. Entsprechend kreativ ist ihre Perspektivfindung. Die Sprache, in einer Suchbewegung, probiert Orte und Gegenstände aus, ist in einem Stein gefangen, geht als Bärin durch die Welt, möglicherweise auch als Bärenklau. Sie kann sich in unterschiedliche Wesen verwandeln. Immer wieder ruft sie auch nahestehende Menschen an.

 

Jeder Körper ein Grenzverkehr

des Lichts

jedes Licht

hat seine Farbe.                                 Dóri Varga:_________________________

                                                            Erden_____________________________

                                                             (Übers. Ivna Zic, 2001)_________________

Sie können diese Landschaft

wie ein Gewächshaus betreten.

 

Mit Leichtigkeit überschreitet das entstehende Geflecht die Grenzen zwischen Genres – zwischen Nature Writing und Confessional Poetry, Sachlichkeit und Märchen, Essay und Gedicht. Und es ist nicht nur das Ich, das sich mehrfach verwandelt, es scheint auch gelegentlich, als verwandelten Tiere und Pflanzen sich das Ich umgekehrt an.

 

Sehen Sie mich schreiben in geologischem Licht.

Auch ich harke Laub

pflanze Dünenrosen, Hortensien.

Auch ich werde geharkt

berührt

von Walnussbäumen

die mich beobachten

Spechten

Füchsen,

Regen, Dahlien, Geckos

Sätzen

die aufleuchten in meiner Hand.

 

Als würden die Landschaft und das Ich als eine ihrer Bewohnerïnnen sich gegenseitig unterstützen, sich gegenseitig zum Klingen bringen. Eine Verbindung jenseits des Sichtbaren, die in der Sprache ihren Niederschlag findet:

 

Sie können diese Landschaft

wie eine Gedenkstätte betreten

 

Anke Bastrop gelingt es so, aus einer Fülle von Gegenständen und deren latenten Verwandtschaften ein großes wie persönliches, eigensinniges und zartes Panorama zu entwerfen, ohne dass dieses lange Gedicht, „Herkunft, ein Vogelsang“, überladen wirkte. Ökologische und politische Bedrohungen bleiben dabei nicht außen vor. Es wird jedoch kein didaktischer Ton angeschlagen. Vielmehr entwickelt sich schon auf den ersten Seiten des Buches eine Sprache, die beides, Natur- und Menschenwelt, auf Augenhöhe bringen will. Und sich souverän in ihren Übergangsräumen bewegt. Bastrops erfindet dabei nicht das Nature Writing neu; ihr Ansatz besticht eher durch die hohe Bewusstheit, mit der eine Vielfalt von Perspektiven aufgerufen wird, und die poetische Kraft, die die Texte dabei entwickeln und über das ganze Projekt hinweg halten.

 

„Ich lerne Mutterschaft als Feiern von Widersprüchen.“

Im folgenden Kapitel „An meinen Uterus“ bildet wieder ein Langgedicht aus freien Versen den Schwerpunkt. Der Titel des Kapitels ruft das gleichnamige Gedicht von Anne Sexton auf, deren Verfahren, biographische Traumata, weibliche Intimität und Verletzung aus dem Schweigen und der Scham zu holen und in ihrer Confessional Poetry zu verdichten, sich ebenfalls in Bastrops Gedichtlandschaften eingetragen hat.

 

Der Ort, über den ich stolpere

In einer sprachabgelegenen Gegend:

           

            Wo finde ich sie

            verhangen

            von Bartflechten

            die flüstern

            von Fichtenzweigen.

            Moos spricht dicht

            dickfellig

            in Zapfen.

            Häherrufe über allem.

            Wo

            metertief

            unter diesem Wald

            meine Stimme

            zarteste Bewegung

            Schauder

            eines ungeborenen Tiers.                  

 

Wer sich auf solche Landschaften einlassen, unsichtbaren Verbindungen und Verwandtschaften nachspüren, sie poetisch zum Leuchten bringen will, ist auf die eigenen Körper- und Sinneswahrnehmungen angewiesen; braucht das Körpergedächtnis, die Imagination, die sich aus ihm entwickelt. Beim Erforschen dieser „sprachabgewandten Gegend“ und ihrer Topographie stößt das Ich auf ein Ereignis, das Spuren in ihm hinterlassen hat, auch eine so tiefe körperliche Versehrung, dass es sich lange dem Aussprechen verweigert hat: Eine medikamentös eingeleitete, letztendlich geglückte Geburt unter schwersten Komplikationen. Die Idealisierung von Mutterschaft jenseits von Schmerzen und Verletzung ist hier nicht möglich. Die eigene Traumatisierung ist Teil der Landschaft, so mächtig, dass das Ich sich als Bärin durch die Landschaft schleppt und die Gebär- zur „Bärmutter“ wird. Die, ganz wie in der antiken Vorstellung von Hysterie,

 

streunt sehnsüchtig durch weibliche Körper.

 

Eine Bärin

deren Klauen sich in Giftpflanzen verhaken

die sich immer wieder selbst zur Welt bringt

aus Märchen gefallene Kinder

beherbergt

die ihren Kopf auf den Küchentisch legt

während Bienen das Fenster

erschüttern

der Körper schwer von Außenstimmen wird

ein Korb nasser Wäsche.

 

[…]

 

Die Geburt eine Nebenwirkung,

Die sich ihre Packungsbeilage schreibt.

 

So bekennt die Sprecherïn an einer Stelle lakonisch, um später fortzufahren:

 

Über Wochen Vogelbeeren

Vogelkörper

Vogelklumpen bluten.

                                                                                 

Everyone in me is a bird.                  Anne Sexton:_______________________

                                                            In celebration of my uterus____________

                                                            (1981)_____________________________

Das Netz ist voller Bilder von dir.

Das Netz ist voller Plazentas.

 

Das Kapitel schließt mit einer zauberhaft leichten Anrufung des Kindes: „Lass mich in dein Nichtwissen ein“. Ein solches Einlassen, leicht, aber es sich niemals leicht machend, das Nichtwissen als Chance begreifend – die Negative Capability, von der John Keats spricht – und zum Ausgangspunkt für poetische Erkundungen und Neuschöpfungen nehmend, zeichnet die Gedichte von Anke Bastrop aus.

 

Das dritte Kapitel umfasst kürzere Texte. Interaktionen mit Tieren oder Landschaft werden inszeniert, Situationen erinnert und imaginiert, Personen angerufen. Hier finden sich einige der schönsten Texte, kleine Beobachtungen, Stimmen, die poetisch aufgefaltet werden. Im vierten und letzten Kapitel verschiebt Bastrop ihren Fokus in einem weiteren langen Gedicht auf Kindheitserinnerungen, die teils mit Umweltbelastungen assoziiert werden. Atmosphärisch stimmig und anfangs überzeugend, ihre poetische Stimme auf dem hohen Niveau haltend, entsteht beim Lesen hier manchmal ein Gefühl von Länge, von Redundanz. Vielleicht lassen sich die Landschaften dieses Kapitels aber auch nicht auf einer einzigen langen Lese-Wanderung erschließen.

 

Den Sehanweisungen und den poetischen Klärungen der Kuratorin – oder Demiurgin? –, die durch ihre „Verborgenen Landschaften“ führt und dazu einlädt, sie neu zu erfahren, kann man getrost folgen, mit ihr „Trostpflanzen“ finden inmitten einer lastenden Gegenwart. Dabei wird man immer von Neuem überrascht – und an Hinweisen auf andere dichterische Werke entlanggeführt, die, gestalterisch sehr schön, als Erläuterung oder Quellenangabe direkt neben den Texten stehen, was zur Idee eines Museums oder Gewächshauses passt – tags, die auf andere Spuren führen.

 

Verborgene Landschaften, auch im Literaturbetrieb noch ziemlich verborgen, gehört für mich zu den poetischen Highlights des vergangenen Jahres.

 

Unter diesen Bäumen verliert sich die Spur

Stimmen, ein Summton

letzter Blätter.

Wir, einander wieder gleich.

Dasselbe Dotterleuchten

mancher Pilze

dasselbe zu Höhlen geschichtete Holz

dieselbe Spur

desselben flüchtigen Tiers.

Aus der Mulde

deines Nackens löst sich ein Vogel

verkündet ein durch Steine gehendes Moos.

 

Anke Bastrop: Verborgene Landschaften. Mit Zeichnungen von Christine Stäps. Verlagshaus Berlin, Berlin 2025, 131 S., br., 22,– €.

Wer den Meister anruft. Mit den Zeitgedichten Richard Doves

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