Die Hölle als Vorstellung dessen, was Arbeit sein könnte – Matthew Rices plastic
Matthew Rices plastic, im Januar 2026 bei Fitzcarraldo erschienen, widmet sich körperlicher Arbeit und sozialer Klasse vor dem Hintergrund kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Rice stammt aus Belfast und wurde am Seamus Heaney Centre der Queen’s University promoviert. Rice arbeitete zuvor zehn Jahre in einer Kunststofffabrik – eine Erfahrung, auf der plastic beruht und die der zeitgenössischen britischen Lyrik eine seltene, aber notwendige Perspektive hinzufügt. Fitzcarraldo bezeichnet plastic als „ein Gedicht in Buchlänge über das Leben eines Industriearbeiters, der zum Dichter geworden ist“ und dabei „Autobiografie, Ekphrasis und Satire“ verbindet. Nach The Last Weather Observer (2021), einer vielfach ausgezeichneten und von der Kritik gefeierten Sammlung, ist plastic Rices zweiter Gedichtband. Für das frühere Buch wurde er u. a. beim Forward Prize gewürdigt und vom Arts Council of Northern Ireland unter die zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Rice veröffentlicht nun bei Fitzcarraldo im Rahmen der von Rachael Allen kuratierten neuen Lyrikreihe, in der Autorïnnen aus Europa und Amerika versammelt sind, darunter Dianne Seuss, Sasha Debevec-McKenney und Oluwaseun Olayiwola. Der unabhängige Verlag, der 2014 gegründet wurde, genießt bereits hohes Ansehen für sein belletristisches und essayistisches Programm, zu dem auch Nobelpreisträgerinnen und -träger wie Annie Ernaux, Jon Fosse und Olga Tokarczuk zählen.
Rices plastic kreist um eine einzige zwölfstündige Nachtschicht und macht die körperlichen wie psychischen Zumutungen der Arbeit in einer Kunststofffabrik erfahrbar. Der Band ist in drei Teile gegliedert, die den Weg zur Schicht, die Arbeit selbst und die Zeit danach chronologisch nachzeichnen. Zu Beginn schildert das lyrische Ich die Fahrt zur Fabrik. Unterwegs entwirft es im Kopf andere Leben, von deren Existenz es weiß, die mit seinem gegenwärtigen Einkommen jedoch unerreichbar bleiben. Im Gedicht „[Night Shift]“ heißt es:
Always on the drive to the factory I visit
somewhere I’ve never been, Amsterdam
sometimes, a gust of gulls sown
over the Singelgracht; or to Ronda maybe.
Auf der Fahrt zur Fabrik besuche ich immer
Orte, an denen ich nie gewesen bin, Amsterdam
manchmal, einen Schwarm Möwen, verstreut
über der Singelgracht; oder Ronda vielleicht [.]
Das lyrische Ich artikuliert die Sehnsucht nach einem Leben jenseits der alltäglichen Arbeitszwänge – nach einem Leben, das Reisen und die Begegnung mit anderen Kulturen erlaubt. In dieser vorgestellten Existenz entwirft es „another timeline where the matadors for good lay down their muletas“ – „eine andere Zeitleiste, in der die Matadore/ ihre Muletas endgültig niederlegen“. Rice zeigt damit, dass sich der Sprecher der unterschiedlichen Realitäten innerhalb und außerhalb seiner eigenen Lebenswelt bewusst ist und danach strebt, der ökonomischen wie kulturellen Gewalt beider Sphären zu entkommen – sei es der Mindestlohnfabrik oder der Stierkampfarena.
Dem Band liegt ein deutliches Interesse an Form, Sprache und Theorie zugrunde. Der Nordirische Poet trifft die Stimme und den Ton seines Milieus, schreibt zunächst auf Englisch und wechselt dann ins Eejit. Rice beschreibt Eejit in plastic als „ein phonetisches Schriftsystem, das der Belfaster Dichter Scott McKendry entwickelt hat und das dem Belfaster Umgangsenglisch entspricht“. Innerhalb dieses Stils greifen die Gedichte erzählerisch ineinander, unterscheiden sich jedoch jeweils in ihrer formalen Gestaltung. Rice variiert zwischen kurzen und längeren Texten und spielt zugleich mit der Typographie. Handschriftliche Kritzeleien und ungewöhnliche Anordnungen der Wörter auf der Seite erzeugen den Eindruck von Unmittelbarkeit – als seien die Texte direkt auf dem Fabrikboden entstanden. So wird erfahrbar, wie „URGENT“– „DRÄNGEND“ Zeit für das lyrische Ich ist, passend zur „job card“, die beim Betreten der Fabrik seinen Platz im Gefüge von Zeit und Raum festlegt. Entsprechend bleiben die Gedichte vor und nach der Schicht meist ohne Titel – ein Hinweis darauf, dass Zeit außerhalb der Arbeit im kapitalistischen Alltag kaum zählt. Erst in der Fabrik ändert sich das: Die Texte tragen nun konkrete Uhrzeiten als Titel und markieren so den Verlauf der Nachtschicht. Sie wirken wie Momentaufnahmen, die einzelne Eindrücke und Gedanken aus dem Arbeitsalltag festhalten. Um 20:00 Uhr betritt das lyrische Ich die Fabrik und bemerkt:
Once, in this building, a kid clocked off night shift
for good at the end of a rope,
another’s heart gave out at 3am.
performing a task as menial as mine.
Einmal hat sich in diesem Gebäude ein Junge nach der Nachtschicht
für immer abgemeldet – am Ende eines Stricks,
einem anderen gab um drei Uhr früh sein Herz auf,
bei einer Arbeit, so simpel wie die meine.
Diese sofortige Fixierung auf den Tod rahmt dem Weg des lyrischen Ichs – ein Weg, der zugleich durch die Zeit und durch konkrete wie metaphorische Räume führt. Mit jeder Stunde bewegt sich der Sprecher weiter durch die Fabrik und registriert den körperlichen wie seelischen Verschleiß ihrer Arbeiter; der Arbeitsraum erscheint dabei als eine marxistische Unterwelt.
Marx eröffnet die Kritik der politischen Ökonomie mit einem Zitat aus Dantes Inferno. In der Forschung – etwa bei Rachel Falconer – wird der Arbeitsort deshalb als eine Art Unterwelt im Denken von Marx verstanden. Die Ausbeutung der Arbeit entspricht der katabatischen Bewegung – ein Deutungsrahmen, in dem sich auch Rices plastic lesen lässt. Dante wird im Gedicht „21:03“ ausdrücklich aufgerufen; insgesamt entfaltet der Band eine katabatische Poetik, in der die Figuren immer wieder mit Verletzung und Tod als ständige Risiken der Arbeit konfrontiert sind. So setzt „21:07“ mit der Zeile „Just as blood is always trying to escape“– „So wie Blut immer danach drängt, zu entweichen“ ein und beschreibt, wie ein Arbeiter von einer über eine Tonne schweren Palette zerdrückt wird. Später, gegen 23:01 Uhr, richtet sich der Blick auf weniger unmittelbare, weniger sichtbare Gefahren – die jedoch allgegenwärtig sind und auf lange Sicht womöglich noch schwerer wiegen:
while our lungs glow eerie as Hevea brasiliensis:
not marks the spot but skill and crossbones,
air-bound chemicals heavy with poison
magicked in that rumoured realm of
MAY CAUSE CANCER.
während unsere Lungen unheimlich leuchten wie Hevea brasiliensis
markiert nichts als Geschick und Totenkopf die Stelle,
luftgetragene Chemikalien, schwer von Gift,
herbeigezaubert aus jenem sagenumwobenen Reich:
KANN KREBS VERURSACHEN.
Ob durch Blutverlust oder durch den langsamen Krebs, den die Chemikalien der Plastikproduktion hervorrufen – Rice rückt die Arbeiter in die Nähe der Sterbenden und Toten. Sein Sprecher bewegt sich durch den Arbeitsraum und wird zum Zeugen ihres Elends und ihrer Schmerzen in einer katabatischen Landschaft, ganz wie in Dantes Inferno, das seine Leserïnnen durch die Kreise der Hölle hinabführt. Im Gedicht „23:23“ verdichtet sich dies, wenn der Sprecher „die Hölle als Vorstellung davon, was Arbeit sein könnte“ begreift: „Hell as an idea of what work could be”.
Matthew Rice erforscht die psychische Gewalt des Arbeitsraums und stellt sie einem kulturellen Leben entgegen. Gleich zu Beginn der Schicht, um 20:03, heißt es: „[…] my copy of Gawain/ is contraband“ – „[…] meine Gawain-Ausgabe/ ist Schmuggelware“. Die Vorstellung von Literatur als Schmuggelware ist aufschlussreich und lässt sich mit Pierre Bourdieus Überlegungen verbinden. Der französische Soziologe unterscheidet bekanntlich drei Formen von Kapital – ökonomisches, soziales und kulturelles –, anhand derer sich soziale Positionen bestimmen lassen und Rice macht das Spannungsverhältnis sichtbar, das zwischen ihnen herrscht. Sein lyrisches Ich gehört ökonomisch zur Arbeiterklasse und arbeitet unter unsicheren, schlecht bezahlten Bedingungen, verfügt zugleich aber über kulturelle Interessen, die eher dem bürgerlichen Milieu zugeschrieben werden – etwa indem er mittelalterliche Literatur mit zur Arbeit bringt. In dieser Konstellation stellt Rice gängige Vorstellungen von sozialer Klasse infrage und zeigt, dass auch die Arbeiterklasse ein kulturell reiches Leben führen kann und nicht darauf reduziert ist, zu arbeiten und zu sterben. Literatur – und Kultur überhaupt – erscheint dabei als Gegenpol zu den kapitalistischen und katabatischen Formen der Ausbeutung. Wie Schmuggelware fungiert sie als ein kleines Moment des Widerstands und macht sichtbar, dass das Leben des Sprechers über den Arbeitsraum hinausweist.
Besonders eindringlich wird das im Gedicht „05:29“, das „[…] wee Gail’s seventieth birthday“ – „[…] wee Gails siebzigsten Geburtstag“ schildert: Ihr Körper ist gezeichnet und erschöpft davon, „so lange am selben Platz/ gearbeitet zu haben“ – „with having laboured/ in the same spot for so long”. Der Sprecher beobachtet die Geschicklichkeit ihrer flinken Hände bei der Arbeit und bemerkt:
her bench could be a grand piano
her patch of floor a stage
and in another life, it is.
ihre Werkbank könnte ein Flügel sein,
ihr Fleck Boden eine Bühne,
und in einem anderen Leben ist er es.
Rice stellt sich vor, welches Leben diese Frau hätte führen können, wäre sie in eine andere soziale Klasse hineingeboren worden. Mit siebzig steht sie noch immer an der Maschine, und beinahe wie ein Geburtstagsgeschenk reicht das lyrische Ich „wee“ Gail – in Verwendung des nordirischen Diminutivs – eine eigene Form von Schmuggelware. Wie die versteckte Ausgabe von Gawain rückt er den Flügel in die Nähe ihrer alternden Hände. Hierin zeigt sich Rices Stärke: Er schreibt aus Empathie und Menschlichkeit heraus. Es geht nicht nur um ihn selbst, sondern auch um die anderen, deren Körper und Leben von der Zeit gezeichnet sind. An diesen Figuren werden die Bruchstellen sozialer Klasse in der Gegenwart sichtbar – und dass Zugang zu Literatur und Kultur nicht an ökonomische Bedingungen gebunden sein sollte.
Der Autor eröffnet einen Zugang zu den Realitäten schlecht bezahlter Arbeit und zur Frage kultureller Teilhabe der Arbeiterklasse, indem er sich auf die Ambivalenz und Offenheit der Kunst einlässt. Im Gedicht „04:04“ erkundet der Sprecher die Möglichkeiten künstlerischer Imagination während der Nachtschicht:
In a reverie brought on by 4am.,
or the machines that bombinate
millennia through their cycles,
I’m back in the Ulster Museum
where you said, ‚In this period artists were taught
to discover black via colour.‘
In einer Träumerei von vier Uhr früh
oder den dröhnenden Maschinen,
die seit Jahrtausenden durch ihre Zyklen laufen,
bin ich wieder im Ulster Museum,
wo du sagtest: ‚In dieser Epoche lernten Künstler,
Schwarz über die Farbe zu entdecken.‘
Die Künstler im Ulster Museum dienen Rice als Gegenfolie zur Nachtschicht. Während das lyrische Ich und seine Kollegen arbeiten, sind sie von der Welt der Lebenden wie der Literatur abgeschnitten; während die anderen schlafen, müssen sie arbeiten. Der Dichter bewegt sich im Schwarz der Nacht und erkundet, welches kulturelle und kreative Potenzial in ihr liegt. Die Fabrik ist ein Ort der Arbeit und der ökonomischen Ausbeutung, sie kann jedoch auch ein Raum kreativer Entfaltung sein, der es der Schriftstellerin oder dem Schriftsteller ermöglicht, einen gesellschaftlichen Bereich zu imaginieren, zu bewohnen und zu reflektieren, der in der Literatur weitgehend übersehen und unterrepräsentiert ist. Ob plastic für einen anderen Arbeiter, in einer anderen Fabrik, zu einer anderen Zeit zur Schmuggelware wird oder nicht, Matthew Rice gewinnt diesen Raum für sein sprechendes Ich zurück. Bei 00:00 heißt es: „the night is proletarian/ a morgue of ghosts“ – „die Nacht ist proletarisch/ eine Leichenhalle voller Geister“ und damit führt er uns in die Dunkelheit, in der wir, für uns, Leserïn um Leserïn, durch das Buch gehen und die Fabrik mitsamt ihren kapitalistischen Klassenvorstellungen heimsuchen.
Matthew Rice: plastic. London: Fitzcarraldo Editions, 2026. Broschur mit Klappen, 112 S., £12.99.

