Rentnerlyrik und die hemmungslose Feier der Arrhythmie

Rentnerlyrik und die hemmungslose Feier der Arrhythmie

„Der modernen Poesie fehlt es aber besonders an der Schule und am Handwerksmäßigen“, schrieb Hölderlin in den Anmerkungen zum Oedipus, und uns muss dieses Verdikt für jene Zeit ziemlich überspitzt anmuten, scheint doch das Handwerksmäßige und Lehrbare dem Gebiet der Lyrik nunmehr vollends abhandengekommen zu sein. Zumal die metrische Technik, ehedem Grundbedingung aller Versifikation, ist längst nicht nur totgesagt, sondern jeglicher skansionsfähigen Durchformung des Verses wohnt etwas regelrecht Obszönes inne. Sie gilt als Signatur einer obsoleten, retrograden Poetik und indiziert – abgesehen von einzelnen postironischen Wiederbelebungsversuchen und einem eher plumpen Backlash in der künstlich lässigen Litanei der Slampoesie – beinah im gleichen Maße wie der Reim mangelnde Aktualität. Mit Versfüßen hinkt man heute bestenfalls hinterher. Metrisch ist Rentnerlyrik.

Forever young bleibt hingegen der antimodernistische Urschrei: „Das ist ja gar keine Lyrik, das ist Prosa in Versen!“ Diese subtheoretische Plattitüde verkennt zwar, so wird man zunächst immer erwidern müssen, Konstitutionsweisen von Gattungsgrenzen, sie bringt jedoch unleugbar eine Realität der Lyrikrezeption auf den Punkt: Der importierte, qua Gattungsgesetz lyrisierte Prosarhythmus erweist sich als populärste Gangart der Gegenwartsdichtung. Auch dem Vortrag der meisten Lyrikerinnen und Lyriker wird man vergeblich ein Streben nach Rhythmisierung ablauschen wollen; im Gegenteil findet man sich oft auf einer mehr oder minder bewussten, mehr oder minder erquicklichen, jedenfalls hemmungslosen Feier der Arrhythmie wieder.

Erschien diese seinerzeit kathartisch, als Entgrenzung, als Bruch mit verschulter und verbrauchter Tradition, als Absage an gefährlich romantische, faulig heimatliche, übel deutschtümelnde Gestaltungsstile, als Befreiung aus der traurigen Klappermühle des Vierhebers und aus dem soporösen Leierkasten des Paarreims, war sie, kurzum, ein Akt künstlerischen Aufbegehrens – so gibt es heute keine derartigen Schranken, keine formalen Zwänge mehr, gegen die man sich damit aufzulehnen hätte; entsprechend geht auch der Publikumswahrnehmung das passive metrische Regelwerk in der Grundlage ab oder ist zumindest gründlich verschüttet.

Paradoxerweise könnte man fast behaupten, dass sich Arrhythmie und Strukturlosigkeit unter der Hand als subtiles Gebot, als unausgesprochener Zwang etabliert haben, aus dem es durch neue Poetiken auszubrechen gälte. Dieser Effekt existiert in der Kunst: Dem ausgetretenen Weg sucht man auf Seitenpfaden zu entkommen, doch, oft genug beschritten, wird der Seitenpfad selbst zum ausgetretenen Weg. Hat man sich der hülsenhaft überkommenen Regeln einmal mit neuen Mitteln entledigt, geraten just diese Mittel nach und nach zu den neuen überkommenen Regeln. (Als Malewitsch 1915 das „Schwarze Quadrat“ malte, war es eine Revolution; wenn heute jemand ein rotes Quadrat malt, dann ist es entweder eine Hommage – oder eine unfreiwillige Selbstpersiflage. Und zwar nicht, weil man in der Kunst stets ‚neu‘ sein müsste, was witzigerweise gerade die größten Konformisten immerfort predigen, sondern weil gerade bei dieser Art von Kunst alles auf die Überwindung des Alten ankam – doch das Alte verlor sich, und damit entbehrten auch die Mittel zu dessen Überwindung ihren Daseinsgrund.)

Suchen selbst preisgekrönte Dichter nun wieder öfter metrische Architekturen zu errichten, zeigt der Versbau schnell sein marodes Gerüst und sein unfestes Fundament. Ja, selbst die einfachsten Metren nachzubilden scheint vielen nur unter sprachwidrigen Verrenkungen möglich, und entsprechend verschraubt klingt das Resultat. Es strotzt von verquer archaisierendem Vokabular, längst totgeglaubte syntaktische Lizenzen kommen darin zum Einsatz.

Aber man mag nicht zu streng urteilen, soll doch schon Heine geklagt haben, dass die Metrik „rasend schwer“ sei (und Heine hatte von Metrik gewiss mehr Ahnung als der Großteil heutiger Poetaster multipliziert mit der Quersumme von fünf durchschnittlichen Universitätsprofessorinnen – erst recht, wenn man noch ein paar Gymnasiallehrer addiert); es seien, so Heines strenges Urteil, nicht mehr als sechs oder sieben in Deutschland, die deutsche Metrik überhaupt verstünden. Für die Gegenwartsdichtung gilt das allemal.

Soll also die spielerische Rückkehr zur metrischen Form, soll der – sei es auch nur partielle – Ausbruch aus der Arrhythmie glücken, wird man sich auch den Erfordernissen und Beschwernissen metrischer Technik wieder zu stellen haben. Andernfalls kann sie nichts anderes verursachen, als was die rhythmische Strukturverweigerung zu überwinden sich anschickte: hinkende Rentnerlyrik.

Im Raum zwischen den Stimmen: Die Lyrik Yıldız Çakars

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Die Mutter aller Löwen. Silke Scheuermanns neueste Kulturreflexion

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